Talk-Shows in Russland – kritisch oder staatstragend?

Im russischen Fernsehen laufen permanent Talkshows. Bei politischen Dingen geht es dort oft zur Sache und dabei ist es keineswegs nur "Putin-TV".

Wenn der Blick von Deutschland nach Russland geht, dann hat man, nein, dann habe ich in den letzten Zeit den Eindruck – ich lasse mich gern korrigieren –, dass da auf deutscher Seite großartige Persönlichkeiten in großartigen Verhältnissen am Werke sind, integer, klug, kenntnisreich, emphatisch, demokratisch. Und die urteilen über ein Land, in dem auch gar nichts stimmt und das eine Bedrohung für alle darstellt.

In Russland wurde ich darauf angesprochen und der Kollege, der das gar nicht böse oder ironisch oder zynisch meinte, fragte mich, ob man in Deutschland darüber spreche, dass sozusagen schrittweise, Russland von den früheren ‚Bruderstaaten’ des Warschauer Paktes und jenen, die teilweise sogar Unionsrepubliken der Sowjetunion waren, als NATO-Mitglieder umgeben sei. Da konnte ich nur antworten, dass das sicher 1989/1990 so nicht gedacht gewesen ist. Aber, dass dies – soweit ich es übersehe – in Deutschland als normal angesehen würde. „Tja, so was sei normal“. Ob es auch „normal“ sei, dass ein deutscher Außenminister nach Kiew fährt und die Demonstranten auffordert, die Regierung zu stürzen und den vermeintlich prorussischen Kurs zu verhindern? Wie es wohl wäre, wenn der russische Außenminister Lawrov nach Berlin käme und Gleiches dort täte, so die Nachfrage. Ich erinnere mich an Guido Westerwelle, der wohl in der Tat damals in Kiew aufgetreten ist.

Wir verständigten uns darauf, die Ukraine-Frage auszuklammern. Aber einig sind wir uns darin, dass viele dieser Leute, die jetzt in der Ukraine Politik machen, dies schon seit Jahren und Jahrzehnten tun. Und nicht zu ihrem Schaden! Poroschenko, der jetzige Präsident der Ukraine, ist ein Oligarch und Milliardär, der auf der Forbes-Liste der reichsten Leute geführt wird und dem nicht nur ein Schokoladenkonzern gehört, sondern auch Rüstungsfirmen und TV-Sender. Der Mann war schon vorher Mitglied in diversen Regierungen. „Das ist ein Demokrat?“, fragt mein Kollege. „Wo hat denn der Westen da seine Augen?“ In der Tat. Aber nun bin ich an der Reihe und frage: „Sage mal, wie sieht es mit Euren Talk-Shows aus?“ Meine Frage hat einen Hintergrund?

"In Deutschland wären solche Debatten unmöglich"

Während der letzten Wochen habe ich versucht, mein Russisch zu verbessern und wo kann man das besser und unkomplizierter, als bei Filmen in der Originalsprache und sonstigen Sendungen. Auf der Suche nach Russisch im Fernsehen und Sendungen, die hilfreich sein können, bin ich immer wieder mal in russische Talks-Shows geraten, die hier in Russland permanent laufen – ich glaube, öfter als in Deutschland. Und ich hatte den Eindruck, dass es da auch in politischen Dingen so richtig zur Sache ging, und es keineswegs „Putin-TV“ war. Was ich von deutschen Talk-Shows halte, will ich hier nicht mitteilen. „Doch“ sagt der Kollege, „das möchte ich aber wissen“. „Gut“, antworte ich, „dann nur so viel: Ich halte sie in den meisten Fällen für tendenziös und immer dann, wenn es um brisante politische Fragen geht, für schlichtweg affirmativ.

Allein schon dadurch, dass fast immer Vertreter der jeweiligen staatstragenden Parteien im Proporz eingeladen werden, die sich dann entsprechend gewichtig äußern. Und wenn mal ausnahmsweise – ich erinnere mich – eine Frau während des Wahlkampfes Merkel gefragt hat, ob die denn überhaupt wisse, was sie da (für ein Zeug) rede, da dauerte es gar nicht lange, bis wieder rausgefunden wurde, woher die Frau kommt und warum sie so böse argumentiert hat. „Aber was ist nun mit Russland?“, frage ich. Der Kollege – und ich darf hier anmerken, dass er ein kritischer Geist und kein Apparatschik ist, die es sicher auch gibt – sagt: „Fast alle Talkshows bei uns sind sehr kritisch und sehr demokratisch! Ich möchte definitiv behaupten, im Fernsehen in Deutschland wären diese Debatten absolut unmöglich, zu frei, zu offen, zu liberal bzw. zu radikal!“ Wumm! Das hat gesessen. Und er legt nach: „Glaub mir, ich darf das behaupten, ich kenne beide Seiten. Bei uns kannst Du täglich Talkshows miterleben und dabei live mit dabei sein oder anrufen oder eine Nachricht schicken“. „Das ist mir zu allgemein“, das kann jeder behaupten“ kontere ich. „Gut“, antwortet er. „Ich schreibe Dir eine Auswahl auf.“ Und es dauert gar nicht lange, da habe ich eine Liste, die wie folgt aussieht:

12:50 Uhr, 1-Pervyj, "Wremja pokashet"-"Mit der Zeit wird gezeigt", mehrere Teilnehmer im Saal, viele Mikrofone

17:00 Uhr, 1-Pervyj, "Wremja pokashet"-"Mit der Zeit wird gezeigt", etwas laut und chaotisch, aber ehrlich und offen

13:00 Uhr, Russia 1, "60 -Sechzig Minuten", sehr kritisch, mit Meinungsunterschieden

19:00 Uhr, Russia 1, "60 -Sechzig Minuten"

20:20 Uhr, TVZ (3.), "Prawo Golossa - Das Recht zu sprechen", zwei Frontlinien – Pro und Contra

14:00 Uhr, NTV (4), "Mesto wstretschi – Treffpunkt", zwei ModeratorInnen: Mann uund Frau, kritisch und lustig

16:00 Uhr, NTV (4), "Mesto wstretschi – Treffpunkt", Fortsetzung

21:35 Uhr, "Swesda"(Stern) am Mittwoch kommt "Prozess", sehr kritisch

Was soll ich dazu sagen? Ich kann das nicht überprüfen. Und ich bin auch kein Osteuropaexperte, von denen es ja in Deutschland eine Menge gibt. Haben die da schon mal konsequent reingesehen. Wäre doch eine Sichtung wert, oder? Wenn ich die Möglichkeit hätte, dann würde ich wirklich mal eine Bachelor- oder Master Arbeit ansetzen, die diesen Talkshows in Russland nachspürt und die Frage beantwortet: Offen, kritisch und demokratisch oder staatstragend und Putin-TV? Aber ich ahne jetzt schon, dass die Frage leider offen bleiben wird.

Für den Nordkurier schildert Carsten Gansel seine Eindrücke aus Russland in dem Blog "Unser Mann in Moskau".