Über das berüchtigte „Hotel Lux“

Das „Hotel Lux“ in Moskau. Da klingen hierzulande sofort die Ohren. War da nicht was mit Stalin und der Zeit des Großen Terrors? In Russland spielt das offenbar keine Rolle.

Am "Hotel Lux" in Moskau wird schon wieder gebaut.
Am "Hotel Lux" in Moskau wird schon wieder gebaut.
Carsten Gansel

Mitunter hat man den Eindruck, dass in der deutschen Gesellschaft, zumindest in den Bereichen von Politik und Medien, die Vorstellung herrscht, jene Fragen, die in Deutschland als wichtig empfunden oder dazu gemacht werden, würden in anderen Ländern genauso gesehen und seien für die ebenso wichtig, wie dies das ‚Politikerlein A und B’ meint. Schnell ist man in diesem Zusammenhang übrigens mit der Begründung bei der Hand, man müsse den Einfluss „der Russen zurückdrängen“. Aber an dieser Stelle geschenkt.

„Hotel Lux“ in Moskau

Dass dies zum Glück nicht stimmt, also Deutschland nicht der Nabel der Welt ist, und das auch gut so ist, das merkt man schnell, wenn es um Dinge geht, die einem persönlich wichtig sind und es konkret wird. Ein Beispiel? Nun denn: Selbst jene, die nicht unbedingt mit Fragen der Geschichte befasst sind, haben in deutschen Landen vielleicht schon mal irgendwie und irgendwann etwas vom „Hotel Lux“ in Moskau gehört. Dies hängt damit zusammen, dass im „Hotel Lux“ ab den 1930er Jahren vor allem deutsche Exilanten lebten, insbesondere aus dem linken Spektrum, aber nicht nur.

Schon in den 1920er Jahren war das „Lux“ als Gästehaus der KOMINTERN, der Kommunistischen Internationale, genutzt worden. Berüchtigt wurde das „Hotel Lux“ vor allem in der Zeit des Großen Terrors unter Stalin in den Jahren 1936 bis 1938. Gerade auch kommunistische Emigranten gerieten in die Fänge von Stalins Geheimpolizei. Nächtelang durchkämmten die Kommandos das „Lux“ und nahmen Bewohner fest, die dann im Gulag verschwanden oder mitunter gleich erschossen wurden. Zumeist waren sie vorher in die Lubjanka gebracht worden, die KGB-Zentrale.

Im „Lux“ lebten prominente Personen vor allem aus der kommunistischen Bewegung, gerade auch solche, die nach 1945 in Ost und West eine wichtige Rolle spielten. Dazu gehören: Herbert Wehner, Wilhelm Pieck, Lotte und Walter Ulbricht, Johannes R. Becher, Willi Bredel, Georgi Dimitrow, Fritz Erpenbeck, Antonio Gramsci, Imre Nagy, Theodor Plivier, Erich Weinert, Erich Wendt, Friedrich Wolf, Konrad Wolf oder Markus Wolf. Immer, wenn in Deutschland über den Terror unter Stalin gesprochen wird, dann ist das „Hotel Lux“ ein Gegenstand, über den zu sprechen ist.

In Russland kaum bekannt

Allerdings: Meine Frage an Studenten und Kollegen unterschiedlichen Alters war nur in den seltensten Fällen erfolgreich. Kaum einer kannte das „Hotel Lux“ und seine Geschichte. Warum, fragte ich mich, sollte in Russland bei den Millionen Opfern unter Stalin nun gerade auch das „Hotel Lux“ eine Rolle spielen. Was für uns wichtig oder irgendwie bedeutsam ist, muss es dies mitnichten für Kollegen und junge Leute in Russland sein! Zumal die Geschichte Jahrzehnte zurückliegt.

Bekanntlich verließen im Jahr 1954 die letzten, die aus politischen Gründen noch im „Lux“ lebten, das Hotel. Wenig später wurde es zum „Hotel Zentralnaja“ und nahm seinen normalen Betrieb als Hotel wieder auf, damals in der Gorkistraße 10. Bereits vor einigen Jahren hatte ich das Hotel fotografiert, und schon damals wurde es saniert. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Zufall will es nun, dass ich eine Wohnung in der Tverskaya 8 habe (also der früheren Gorkistraße, die wieder in Tverskaya umbenannt wurde) und das „Zentralnaja“ genau daneben liegt, eben in der Nr. 10.

Unser Mann in Moskau, wohnt nicht weit weg vom "Hotel Lux".

Insofern bin ich also nicht fern von jenem Ort, der für kommunistische Emigranten zum Trauma wurde, über das sie – wie etwa Johannes R. Becher – schwiegen oder aber einfach schweigen mussten. Späte Gedichte von Johannes R. Becher, die erst Ende der 1980er bzw. Anfang der 1990 Jahre veröffentlicht wurden, lassen ahnen, was nicht nur er verdrängen musste, vielleicht auch, um sich selbst (psychisch) zu schützen und einigermaßen weiter leben zu können.

Kamingespräche beim Botschafter in Moskau

Das „Hotel Lux“ hatte zudem – auch darum das besondere persönliche Interesse – in meinen beiden Nachworten für die Editionen der Dokumentarromane von Heinrich Gerlach „Durchbruch bei Stalingrad“ (2016) und „Odyssee in Rot“ (2017) eine Rolle gespielt. Dies war mit ein Grund, warum ich ungemein interessiert an einer Veranstaltung war, die am 1. November im Rahmen der Kamingespräche in der Residenz des Botschafters in Moskau stattgefunden hatte. Leider kam mein Flieger zu spät an und ich musste ja sowieso noch raus ins Wohnheim.

Das Thema lautete: „Der 80. Jahrestag des Großen Terrors unter Stalin – Erinnerung an deutsche Schicksale“. Erinnert wurde an die deutschen Opfer der Stalin-Zeit. Organisiert hatte die Veranstaltung die Heinrich-Böll-Stiftung in Verbindung mit der Organisation MEMORIAL. Ich hatte gelesen, dass der Botschafter von Fritsch in seiner Eröffnung darauf verwies, dass etwa 1,5 Millionen Menschen vom Terror Stalins erfasst wurden, darunter um die 8000 Deutsche, die Opfer der Repression wurden.

Gespräch mit Waltraud Schälike

Es gab dann – wie auch bei der Veranstaltung zu Pasternak – eine Diskussion, die Johannes Voswinkel, der Leiter der Moskauer Vertretung der Heinrich-Böll-Stiftung, mitorganisiert hatte. Besonders interessierte mich die Information, dass abschließend vier Schülerinnen und Schüler der Deutschen Schule Moskau die Biographien von Ernst Fabisch, Hans Gustav Adolf Hellmann, Carola Neher und Bruno Schmidtsdorf verlesen hatten – sozusagen repräsentativ für die vielen Oper – und es danach ein Gespräch mit der Historikerin Dr. Waltraud Schälike gegeben hatte.

Waltraud Schälike, Jahrgang 1927, berichtete über ihre Erinnerungen an das „Hotel Lux“, in dem sie von 1931 an gelebt hatte, etwa 18 Jahre lang. Mit Waltraud Schälike wollte ich unbedingt sprechen. Es gelang mir – und erneut hatte ich Unterstützung von der Botschaft und dann Johannes Voswinkel – an ihre Telefonnummer und ihre Mail zu kommen. Ich schickte der 90-jährigen Dame also erst einmal eine Nachricht und innerhalb von kurzer Zeit hatte ich eine Antwort. Wir telefonierten und vereinbarten einen Gesprächstermin. Es wurde – das als Vorwegnahme – eines der wichtigsten Gespräche, die ich in Moskau hatte.

Für den Nordkurier schildert Carsten Gansel seine Eindrücke aus Russland in dem Blog "Unser Mann in Moskau".