Vom kollektiven Gedächtnis und russischen Männern

Drei russische Männer-Typen gibt es, finden die Studentinnen von unserem Mann in Moskau, Carsten Gansel. Dieser schreibt heute auch von der Primaballerina Maja Plissezkaja, die erst spät mit dem Bolschoi-Theater auf Welttournee gehen durfte.

Ballett nicht nur im Bolschoi-Theater, sondern auch im Straßenbild von Moskau.
Ballett nicht nur im Bolschoi-Theater, sondern auch im Straßenbild von Moskau.
Carsten Gansel

Wenn man schon einmal in Moskau ist, dann ist es schlichtweg unmöglich, nicht wiederholt auf Denkmäler zu stoßen oder Hinweise, dass in genau diesem Haus eine wichtige Person gewohnt hat. Dies kann auch ein Künstler sein, dessen Name einem eigentlich nichts sagt, weil er oder sie ein wichtiger Baumeister, Ingenieur oder ein gefeierter Ballett-Star gewesen ist, den man als Nicht-Moskauer schlichtweg nicht kennen kann.

Den Russen – soweit ich das übersehen kann – ist solche Pflege von Personen in dem, was man „kollektives Gedächtnis“ nennt, aber ungemein wichtig. Und mitunter wünschte man sich, dass dies im Land, das früher mal das der „Dichter und Denker“ hieß, auch so sein könnte.

Denkmal für Maja Plissezkaja

Da vom Ballett die Rede war. Es gibt ein großes Denkmal für eine der bekanntesten Primaballerinnen Russlands, die sich weltweit einen Namen gemacht hat und für das Ballett des Bolschoi-Theaters stand und steht, Maja Plissezkaja. Das Denkmal befindet sich in einer Parallelstraße der Tverskaya, nicht weit vom früheren Gulag-Museum. Eingeweiht wurde es erst vor einem Jahr, im November 2016, zu Maja Plissezkajas 91. Geburtstag. Leider hat sie den nicht mehr erlebt, denn Sie verstarb im Mai 2015.

Obwohl Primaballerina, erhielt die Plissezkaja erst Ende 1959 die Genehmigung mit dem Bolschoi-Theater auf Welttournee gehen. Damals war sie bereits 36 Jahre alt, natürlich jung, aber für Tänzerinnen eben schon nicht mehr. Der Grund, warum sie nicht früher reisen durfte, hängt wie bei so vielen russischen Familien mit dem Terror unter Stalin zusammen: Ihr Vater wurde 1937 verhaftet und 1938 hingerichtet, die Mutter kam als Frau eines vermeintlichen Verräters in ein Lager nach Kasachstan. Eine Tante kümmerte sich um die junge Maja, die ab 1943 schon zum Bolschoi-Ensemble gehörte.

Es dauerte nach der durch Chruschtschow eingeleiteten Entstalinisierung dann noch einige Jahre, ehe Familien rehabilitiert wurden. Mitunter zog sich dies über Jahre und in manchen Fällen erfolgte die Rehabilitierung erst nach 1990. Die Plissezkaja stand wohl wie keine andere im 20. Jahrhundert für das russische Ballett, gerade auch in der DDR war ihr Name bekannt. Sie trat mit 71 Jahren im Jahr 1996 das letzte Mal auf.

„Aber, das ist Puschkin!“

Vor dem Denkmal, ich bin in der letzten Zeit immer mal wieder daran vorbeigekommen, lagen fast immer frische Blumen. Übrigens auch, das sagte ich schon, vor dem Denkmal von Alexander Puschkin. Mit den Studentinnen sprach ich darüber, und als ich sagte, dass ich vor dem Puschkin-Denkmal wieder Blumen und gar Blumengebinde gesehen hätte, da sagte eine der Studentinnen mit einer sympathischen Selbstverständlichkeit: „Aber, das ist Puschkin!“ Und alle anderen nickten beifällig.

In Moskau wird das Erinnern an Personen hoch gehalten.

Und in der Tat, Denkmäler für Puschkin findet man in Moskau mehrere, auch die Wohnung, in der er zeitweise gewohnt hatte, ist heute ein vielbesuchtes Museum. Und vor dem Haus steht ein Denkmal, auf dem Puschkin mit seiner Frau zu sehen ist. „Warum ist Puschkln so bekannt“, frage ich, obwohl ich mir denken kann, wie die Antwort ausfällt. „Wir haben ihn in der Schule gelesen!“, eine Antwort. Puschkin ist an russischen Schulen Pflichtlektüre, bis heute.

„Und wie finden sie das?“ Die Studentinnen verstehen meine Frage nicht so recht. Und ich erläutere etwas umständlich, dass es in Deutschland in den einzelnen Bundesländern das, was früher „Kanon“ hieß, nicht mehr wirklich gibt. Der Kanon hat sich unter vermeintlich modernen Verhältnissen weitgehend aufgelöst, besser: er ist aufgelöst worden. Es gibt schlichtweg keinen verbindlichen Kanon von Texten mehr, die über Generationen Gegenstand des Deutschunterrichts sind.

Wenn Bildungsforscher  evaluieren

Auch ein Resultat jener katastrophalen Veränderungen des deutschen Bildungssystems nach dem vermeintlichen PISA-Schock, in deren Folge ein ganzes Heer von „Bildungswissenschaftlern“ uns permanent erzählt, was für die Zukunft wichtig sei. Einige von ihnen können gar nicht aggressiv genug gegen das angehen, was man Fachunterricht nennt. Also Mathematik, Deutsch, Biologie, Geschichte usw. Allerdings, daher das Selbstbewusstsein: Diese Bildungsforscher werden von staatlichen Instanzen Milliarden zur Verfügung gestellt.

Nicht zuletzt um etwas zu tun: Evaluieren! Also Untersuchungen anstellen, wie die Ergebnisse aussehen. Wie die Kinder schreiben und lesen, und was sie bereits gelernt haben. Ich weiß, wovon ich spreche. An Universtitäten in Deutschland gibt es ganze Abteilungen, die heißen übrigens mitunter „Stabsabteilungen“ – Militarisierung der Sprache kann man das nennen. Diese Abteilung sind nur mit Evaluation beschäftigt.

Aber ich will nicht ablenken. Seit PISA jedenfalls geht es in Deutschland um einen Begriff, den jeder schon einmal gehört hat, es geht um „Kompetenzen“. An welchen Texten die vielbeschworenen Kompetenzen erworben werden, das ist allerdings egal. Ich finde diese Entwicklung fatal. Aber das konnten wir gemeinsam in Moskau natürlich nicht bereden. Es ging uns ja bei den Seminaren letztlich auch nicht um Goethe und Schiller oder Lessing, sondern wir haben uns mit der Gegenwartsliteratur beschäftigt. Auch und gerade mit Geschichten, die einen Bezug zur Lebensrealität der jungen Leute in Moskau hatten.

Russische Männer-Typen

In einem der Seminare kamen wir im Rahmen der behandelten Texte, es ging um Jugend, auf sogenannte Rollenbilder von Frauen und Männern. Es stand die Frage, ob es bestimmte Typen gibt, die man in der Wirklichkeit findet. In diesem Falle in Russland. Die Studentinnen haben mir dann schnell zwei russische Männer-Typen genannt. „Da ist der eine, der liegt auf der Couch und sieht Fernsehen“, so die Beschreibung. „Und trinkt Bier“ kommt die Ergänzung. „Und der andere arbeitet und arbeitet und sucht möglichst viel für die Familie einzubringen“.

Klar, dass die Sympathie der jungen Frauen auf Typ 2 lag. Aber da gibt es noch einen dritten Typ, meldet sich eine Studentin, das sei sozusagen der „moderne Mann“. „Und wie ist der“, frage ich: „Der arbeitet viel und will auch viel verdienen, aber er will keine Familie“. Zustimmung der anderen Studentinnen, und auch der Student nickt mit dem Kopf. Einige geben dann aber ungefragt den Hinweis, dass es nicht so einfach sei, jemanden zu finden, der zu einem passt. „Das ist sicher eine Erfahrung, die auch für Deutschland zutrifft“, wage ich einzuwerfen.

Aber was ist nun in dem Fall, da man es mit einem Mann zu tun bekommt, der nicht dem Idealbild entspricht? Diese Frage ergibt sich aus dem literarischen Text, den wir gerade besprechen. Die Antwort verblüfft mich. Eine der Studentinnen lächelt und sagt, dass es im Russischen eine Redewendung gibt, die alles zusammenfasst, was in diesem Fall zu sagen ist: „зато свой“! Auf deutsch in etwa: „Aber er ist mein“. Das soll heißen: Egal, was er nun macht, ob er ein wenig zu viel trinkt, vor den Fernseher sitzt, sich nicht ansprechend kleidet und zu benehmen weiß: „Er ist nun mal mein“!

Alle lachen, und ich überlege, ob es diese Redewendung auch in Deutschland gibt. Ich müsste da mal bei den Studentinnen in Gießen nachfragen. Ich selbst würde sagen, dass es diese nette Umschreibung bei uns nicht gibt. Mal sehen. Natürlich stand auch die Frage, wie die weiblichen Rollenbilder in Russland aussehen. Auch hier hatten die Studentinnen eine Antwort parat. Dazu später.

Für den Nordkurier schildert Carsten Gansel seine Eindrücke aus Russland in dem Blog "Unser Mann in Moskau".