Waltraut Schälike lebte 18 Jahre im „Hotel Lux“

Unser Mann in Moskau war zu Besuch bei Waltraut Schälike, die 18 Jahre im „Hotel Lux“ gewohnt hatte. Beim Gespräch mit ihr ging es um Stalin, den Großen Terror, Angst, Verhaftung und das Gulag.

Waltraut Schälike ist 90 Jahre alt und auf der Höhe der Zeit.
Waltraut Schälike ist 90 Jahre alt und auf der Höhe der Zeit.
Carsten Gansel

Schon seit den 1980er Jahren waren mir Gespräche mit Autorinnen und Autoren wichtig, und so war im Laufe der Jahre eine stattliche Anzahl zusammen gekommen. Mein Mitarbeiter, Dr. Norman Ächtler, machte dann den Vorschlag, man solle doch die Gespräche, die er mit großem Interesse gelesen hatte, zu einem Band machen. Und so kam dann 2016 das Buch „Literatur im Dialog“ beim „Verbrecher Verlag“ (Berlin) heraus, der sich in den letzten Jahren einen Namen gemacht und mehrere Preise erhalten hat.

In dem Band sind 38 Gespräche vereint, darunter mit Christa Wolf, Stefan Heym, Hermann Kant, Christoph Hein, Erich Loest, Ulrich Plenzdorf, Günter Grass, Peter Kurzeck, Norbert Gstrein, Peter Härtling, Günter Grass, Alexa Hennig von Lange um nur einige zu nennen. Warum sage ich das? Weil ich nach wie vor meine, dass ein ernsthafter Austausch nicht nur über Fragen der Literatur, sondern eben auch über Politik, Kultur, ja das Leben überhaupt von Bedeutung ist. Es sollte allerdings ein Dialog sein, mithin ein Austausch, in dem man sich gegenseitig zuhört und und versucht, vielleicht sogar gemeinsam dem Wesen des einen oder anderen Problems auf den Grund zu gehen. So etwas ist auch in der Gegenwart unverzichtbar.

Allerdings, und das muss eingewandt werden, hat das nichts mit dem medialen Gerede zu tun, in denen man oft schon nach der ersten Frage merkt, dass es um einen Dialog gar nicht geht und vom Ernstnehmen des Gesprächspartners auch nicht ansatzweise die Rede sein kann. Nun sollte hier – von den wenigen im Öffentlich-Rechtlichen TV überbezahlten Moderatoren-Millionären einmal abgesehen – nicht verkannt werden, unter welchen katastrophalen Bedingungen die sogenannten „Freien“ (Journalisten) existieren müssen. Man frage einmal, wie hoch inzwischen das Zeilenhonorar ist und wie viel man für ein Foto bekommt. Und wie lange es braucht, um eine Veranstaltung zu besuchen und darüber zu schreiben oder ein Gespräch vorzubereiten.

Der lange Weg zu Waltraut Schälike

Lange Vorrede, aber auf solche Überlegungen kommt man mitunter, wenn man angestoßen wird, über Dinge zu reflektieren, die hier in Rede stehen. Mir jedenfalls war die Person von Waltraut Schälike wichtig und dies nicht nur, weil sie schon ihren 90. Geburtstag gefeiert hat. Und das, worüber sie aus eigenem Erleben berichten konnte, darüber hatte ich schon viel gelesen und auch geschrieben. Stalin, der Große Terror, Angst, Verhaftung und Gulag! – Aber bevor es zu dem Gespräch kommen konnte, musste ich Waltraut Schälike erst einmal finden, genauer ihre Wohnung.

Sie hatte mir einigermaßen umfangreich beschrieben, wie ich zu ihr gelangen konnte. Metrostation „Juschnaya“. Da war von einem Hochhaus die Rede usw. Jedenfalls fand ich das Hochhaus, aber die Nummer stimmte nicht. Zum Glück kam gerade ein Mann aus dem Haus, den fragte ich. Er klärte mich auf, dass ich hier falsch sei. Aber ich solle warten, er wolle nur seinen Müllbeutel entsorgen, dann schaue er genauer. Es schneite und ich wartete. Er kam nach kurzer Zeit wieder. Wir rätselten über das, was ich säuberlich notiert hatte.

Da wir zu keinem Ergebnis kamen, rief ich Frau Schälike schließlich an, als sie mit Erklärungen begann, von denen ich schnell erkannte, dass sie mir in der unbekannten Gegend wenig helfen würden, gab ich dem freundlichen Mann das Telefon. Nach einer längeren Verständigung schien er zu wissen, wohin es gehen sollte und er sagte: „Ich bringe sie dort hin!“ Auf meine Frage, ob dies nicht zu viel Mühe mache, teilte er mit, er hätte Zeit und er sei sowieso Rentner.

Auf dem langen Weg - so kam er mir vor - unterhielten wir uns, und es stellte sich heraus, dass er in der Schule deutsch gelernt hatte und noch einige Worte kannte. Wir sprachen auch über seine Datsche, in der die Familie im Sommer fast nur wohnte. Bei solcherart Austausch kamen wir dann nach etwa 10 bis 15 Minuten am Hochhaus von Frau Schälike an, wir hätten einen kürzeren Weg nehmen können, wie wir beide dann feststellten. Aber egal. Auf jeden Fall stand eines fest: allein hätte ich in diesem Gewirr von Hochhäusern mit diversen Untergruppen von A, B und C niemals zu der Wohnung gefunden.

Endlich in der Wohnung

Nun war ich da und aus dem Fahrstuhl aussteigend, erwarteten mich bereits die Gastgeberin und ihr kleiner Hund. Ich wurde in die Wohnung geführt, für die „klein“ der richtige Begriff ist. Frau Schälike zeigte mir die Örtlichkeit. In solchen Kontexten wird mir immer so recht bewusst, an wie Vieles wohl nicht nur ich mich gewöhnt habe und worauf ich natürlich nicht mehr verzichten möchte. Wenn es sein muss, kommt man mit weniger aus, etwa einem Arbeitsplatz, der mit herum gebauten Büchern etwa 1,5 Quadratmeter umfasst. Da standen dann auch ein PC – der sei aber virenverseucht – und ein Notebook, mit dem Frau Schälike wie selbstverständlich umzugehen wusste.

Waltraut Schälike ist 90 Jahre alt und auf der Höhe der Zeit.

Sie machte Tee, und wir setzen uns in die Küche. Unser Gespräch konnte beginnen. Aber als es beginnt, da beginnt auch ein Obernachbar mit Bohrungen. Wir halten das erst mal aus und sprechen über Moskau. Ich sage, dass aus meiner Beobachtung in den letzten Jahren wahnsinnig viel passiert ist. „Ja“, sagt Frau Schälike, seit der neue Bürgermeister da ist. „Der ist besser, als der letzte“. Ich hatte das schon mehrfach gehört und erwidere, den letzten habe Putin abgesetzt. „Stimmt“, sagt sie, „der gehörte zur alten Elite. Der konnte viel durch seine Beziehungen durchsetzen.“

Frau Schälike meint das nicht positiv. Und er war kein ‚Heutiger’! Und damit ist gesagt, dass er in etwa weiß, was eine moderne Stadt braucht. Allerdings würde „wegen der Schönheit, das gehört dazu, auch viel gemacht, was nicht gut ist“. „Was meinen Sie?“, frage ich. „Nun, für mich als alte Frau, ist es nicht gut, wenn die vielen kleinen Kioske abgeschafft werden und ich in die großen gehen muss, das ist nichts für mich. Aber das ist einfach so“. Punkt!

Für oder gegen Stalin?

Waltraut Schälikes Kinder leben in Russland, sie hat drei Söhne. Einer lebt in Kirgisien und leitet mit seiner Frau, die aus Deutschland kommt, ein Zentrum für behinderte Kinder. Es gibt sieben Enkelkinder, vier davon in Moskau. Und die würden ihr auch helfen. Als der Lärm zu groß wird, ziehen wir in das kleine Zimmer um. Frau Schälike nimmt im Sessel platz und ich auf dem Schaukelstuhl. Ganz zu Anfang hatten wir schon kurz über das Erinnern gesprochen und Waltraut Schälike sagt: „Ja, das ist interessant. Viele meiner Bekannten glauben, dass sie immer gegen Stalin gewesen sind, aber das stimmt nicht, genau das war nicht der Fall, ich kenne sie von der Jugend an. Das sind so Verdrängungen, wo man sich hinterher einbildet, das man klüger war.“

Über ihre Erinnerungen hat Waltraut Schälike schon einmal gesprochen, und es sei auch etwas publiziert worden. Aber das würde 1946 abbrechen. „Schade“, sage ich, „danach wird es doch spannend, was Ihr Leben betrifft“. „Das stimmt“, bestätigt die Dame. Und sie sagt dann noch: „Meine Einstellung ist keine moderne. Ich sage, Wenn ich gebraucht werde, dann findet man mich.“ Ich sage: „Nun ja, ich habe Sie gefunden“.

Waltraut Schälike, das muss hier hinzugefügt werden, ist in jeder Hinsicht auf der Höhe der Zeit, denn was sie mit „nicht modern“ meinte, das war eine Anspielung auf die Selbstinszenierung, die in heutigen Zeiten nötig sei, um gehört zu werden. Das ist nicht ihr Ding. Waltraut Schälike ruht in einer faszinierenden Weise in sich selbst. Selbstbewusstsein ohne jegliche Attitüde und Arroganz! Wir kommen auf ihre 18 Jahre im „Hotel Lux“ zu sprechen. „Was sind das für Erinnerungen an diese Zeit“, frage ich vage. „Gute“, so die Antwort. „Das war mein Zuhause, und das war kein besonderes Leben, wir hatten ganz kleine Zimmer“. „Wie groß?“ - „Ich habe nachher, als ich allein ein Zimmer hatte, überlegt. Mein Zimmer war so neun Quadratmeter, ohne Toilette, gemeinsame Küche“.

Auf den riesigen Korridoren gespielt

Als sie mit den Eltern und Geschwistern zusammen gelebt habe, hätten sie zusammen 20 Quadratmeter gehabt, mit 5 Personen. „Beengt?“, frage ich wiederum. Die Antwort kommt sofort: “Meine Mutter kam aus kleinen Verhältnissen, und sie hatte die Devise, man nimmt das Leben so, wie es ist. Und auch ich kannte nichts anderes. Es gab nie Zank!“ Mit Verweis auf Kinderfreundschaften verweist Waltraut Schälike darauf, dass sie viele Freunde hatte, „und wir haben alle zusammen im Korridor gespielt, es gab riesige Korridore, die Zimmer waren nie zu, immer offen.“

Gefragt nach der Prominenz der unterschiedlichen Bewohner des „Lux“ sagt die frühere ‚Mieterin’. „Also ich muss sagen, das war nicht verbreitet, dass die einen höher waren, als die anderen. Pieck und Ulbricht waren schon höher. Aber es herrschte das Gefühl der Gleichheit“. Zwischendurch unterbricht das Hündchen das Gespräch, es ist wirklich ein Hündchen, fast eine Art „Taschenhund“. „Komm zu mir“, sagt Frau Schälike, aber der hört nicht und Frau Schälike kommentiert lachend: „Der freche Hund, der will nicht.“

Und es geht weiter über das „Hotel Lux“. „Gekocht wurde in einer Gemeinschaftsküche. Als ich alleine wohnte, also längst kein Kind mehr war, habe ich gezählt, es waren 80 Leute für eine Küche, da standen Gasherde, die waren oft und immer besetzt.“ Wie funktionierte das, steht die Frage. „Wenn was frei wurde, dann stellte man den nächsten Topf rauf“. „Also eine richtige Kollektivküche“ notiere ich. „Ja, das war eine Kollektivküche.“

Otto Winzer, Erich Wendt und Lotte Ulbricht

Die Schälikes waren befreundet mit der Familie des Schriftstellers Friedrich Wolf. Auf einen Aspekt macht Waltraut Schälike aber noch aufmerksam: „Es wurde nie geklatscht, wer in wen verliebt war, und wer mit wem schlief, darüber wurde nicht geredet, das war eine private Sache.“ Jedenfalls im Umkreis der Familie, für die sie sprechen kann. Und dann kommen wir in diesem Teil doch noch auf die später Prominenten zu sprechen. Zum Freundeskreis der Eltern habe Otto Winzer gehört, der spätere DDR-Außenminister. „Der spielte immer bei uns Schach.“

Oder eben Erich Wendt, in der DDR dann Leiter des Aufbau Verlages war. Auch Lotte Ulbricht wäre öfter zu Besuch gewesen, die Mutter war mit ihr zunächst befreundet, aber das sei vor ihrer Verbindung mit Walter Ulbricht gewesen. „Lotte habe ich erst richtig kennengelernt, als Mama wieder in Deutschland war, da kam sie als alte Frau oft zu Besuch“, so die Zeitzeugin.

Und so reden wir noch weitere Stunden über die vergangenen Zeiten, das „Lux“, den untergegangenen Sozialismus, und wir kommen im letzten Teil auf die Gegenwart zu sprechen, auf Russland und Putin und Marx und die Frage, warum der Sozialismus eine Utopie ist. Waltraut Schälike hat eine Vermutung, und sie ist vom Fach als eine anerkannte Marx-Forscherin, die noch heute zu Tagungen eingeladen wird. Mit 90! Und die in jeder Hinsicht auf der Höhe der Zeit steht. Was will man mehr mit 90 Jahren, denke und sage ich, als wir nach drei Stunden gemeinsam im Fahrstuhl nach unten sind und wir uns verabschieden! „Sie haben Recht“, sagt Waltraud Schälike, „ich finde das auch!“

Für den Nordkurier schildert Carsten Gansel seine Eindrücke aus Russland in dem Blog "Unser Mann in Moskau".