"Was halten Sie von Wladimir Putin?" – Immer wieder eine Frage (1)

Anders als im Westen wird in Russland eine andere Geschichte erzählt: Der Nationalstaat steht im Zentrum und stiftet Identität.

Wladimir Putin
Wladimir Putin
Alexei Druzhinin/POOL SPUTNIK KREMLIN

Egal, mit wem ich in den letzten Wochen gesprochen habe – ich meine jetzt russische Kollegen, Bekannte, Studenten – irgendwann kamen wir auf die Gegenwart und die russisch-deutschen Beziehungen. Und damit auf Russland und die Rolle von Wladimir Putin. Putin wird ja nun in der westlichen Welt beziehungsweise den deutschen Medien – über die anderen kann ich nichts Substanzielles sagen, weil ich sie nicht verfolge – als die Person dargestellt, die für jegliche Übel der Welt verantwortlich ist.

Ob das nun Hackerattacken im Bundestag sind oder die Wahlen in den USA oder in Deutschland, ob das Doping ist, Syrien, Superviren, es gibt nichts, wofür nicht irgendwie Putin die Verantwortung tragen soll. Sehen wir einmal von diesen Szenarien ab, die ein bestimmtes Bild – bewusst oder unbewusst – in die Köpfe hämmern (sollen?), steht dahinter natürlich eine Frage, die ernsthafterer Natur ist.

Immer wieder heißt es nämlich, Putin würde, an eine „imperiale Geschichte“ anknüpfen, also eine Erzählung vom „Großen Russland“, er würde versuchen, sie zu beleben und neu zu schreiben und damit sei Aggressivität verbunden, wir müssen und sollen Angst haben. Das sind so einige Thesen, die in Deutschland – so mein möglicherweise eingeschränkter Blick –  in Verbindung mit Putin in Deutschland permanent und in allen möglichen Nuancen wiederholt werden. Um diese Thesen zu belegen, werden beständig Beispiele gesammelt, die von der Ukraine bis hin nach Syrien reichen. Allerdings, auch dies mein ganz subjektiver Eindruck, wird dabei vergessen, wenigstens ansatzweise einmal die Frage zu stellen, ob nicht möglicherweise in der eigenen, der europäischen Politik, Handlungen, ja Strategien stecken, die Russland so und nicht anders reagieren lassen. Und ob es nicht Gründe geben kann, warum die Auffassungen von der Gegenwart und Zukunft auseinanderdriften und was auch Europa dazu tut, dass dies der Fall ist? Aber so lange eine Angela Merkel allen Ernstes behauptet, das ihre Entscheidungen „alternativlos“ sind, wird man schwerlich Selbstreflexionen erwarten können. Nebenbei: Ich habe bisher noch keine Antworten von zahlreichen Politologen-Kollegen auf diese Merkel-Diktionen der letzten Jahre bekommen.

Zurück zur Frage, die hier in Russland zumindest von Teilen der sogenannten „Intelligenzia“ diskutiert wird, nämlich: Russland – Putin und die „Große Erzählung“. Wenn man darüber nachdenkt, dann dürfen einige grundsätzliche Fragen, die mit dem Erinnern zusammen hängen, nicht aus dem Blick geraten, meine ich: Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, dass bevorzugt das erinnert wird, was uns und unser Selbst-Bewusstsein stärkt. Anderes wird nicht (gern) erinnert, es wird vergessen, gegebenenfalls verdrängt. Das ist nur natürlich und hat mit dem Erinnern und dem Gedächtnis zu tun. Denn: Grundlegend für den Prozess des Erinnerns ist der Umstand, dass Personen darauf aus sind, ja darauf aus sein müssen, vergangene Erfahrungen in ein sinnstiftendes Verhältnis zur jeweiligen Gegenwart zu setzen.

Nur, wenn dies gelingt, ist es möglich, unser „Ich“ zu stärken. Wenn es dem erinnernden Ich, also uns, nicht gelingt, unsere Erinnerungen sinnstiftend an gegenwärtige persönliche und gesellschaftliche Bedingungen und Bedürfnisse, Werte und Normen anzukoppeln, dann kann die eigene Identität in Frage stehen, die Stabilität einer Persönlichkeit ist nicht mehr garantiert und das Selbst-Bewusstsein untergraben. Solche Personen können sich unsicher fühlen und schwach, sie sind leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen, kleinste Schwierigkeiten scheinen unlösbar. Eine derartige Störung kann sich in dem Fall steigern, da die Person bzw. die Personengruppen traumatische Erlebnisse zu verarbeiten hat. Dazu gehören Kriegserfahrungen, Massenmord, Tod, Vergewaltigung, Bombentod, Flucht und natürlich die vielen Facetten von persönlich empfundenem schuldhaften Handeln. Solche traumatischen Ereignisse lassen sich nur schwer in die individuelle Biographie integrieren. Erfahrungen dieser Art wird das Ich daher nach Möglichkeit ausschließen, sie geraten in den Status eines „blinden Flecks“, sie werden abgelagert und wenn es funktioniert, vergessen! Man spricht einfach nicht darüber und verschließt es. Die Kriegsgeneration, also unsere Großeltern und Urgroßeltern, hat das oftmals getan. Ähnlich übrigens wie in Russland jene, die Jahre in den Gulags zubringen mussten.

Nach 1945 mussten zunächst die Trümmer weg

Was soll die lange Vorrede, werden einige jetzt fragen? Nun: Das, was für den Einzelnen gilt, das gilt natürlich auch für Gruppen, Gemeinschaften, ja schließlich ganze Länder! Man denke nur an die beiden deutschen Staaten nach 1945! In Ost und West wurde und musste erstmal nach vorn geschaut werden. Der Rückblick und die Auseinandersetzung mit dem, was in den Jahren 1933 bis 1945 gewesen war, war nicht angesagt, jedenfalls nur ansatzweise. Es ging darum – und das war durchaus nachvollziehbar – die Trümmer wegzuräumen!

Erst später begann eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Holocaust und den Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Erinnert sich jemand daran, welche Wellen noch in den 1990er Jahren die Hamburger Ausstellung zu Verbrechen der Wehrmacht geschlagen hat? Und nicht zufällig spielte für den Westen der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern eine so große Rolle. Endlich sah man, dass es aufwärts ging. Und die „Große Geschichte“, die in diesen und den folgenden Jahren erzählt wurde in Westdeutschland, das war die vom „Wirtschaftswunder“, symbolisiert nicht zuletzt durch den VW-Käfer! Und in der DDR? Hier gab es den Gründungsmythos „Antifaschismus“! In der Bundesrepublik also eine Orientierung auf Materielles, nämlich darauf, was der einzelne am eigenen Beispiel sehen konnte. In der DDR gab es mit dem Antifaschismus eher eine Verständigung auf Ideelles, auf Ideologisches, letztlich auf etwas, das man nicht „anfassen“ konnte. Kein VW-Käfer oder die neue Küche. Man lese einmal den Breifwechsel zwischen Brigitte Reimann und Wolfgang Schreyer, der in Kürze erscheinen wird (Verlag Okapi, Berlin 2018).

Können jetzt hier nicht die deutsche Geschichte nebenher beleuchten, aber wir müssen sie ansatzweise im Kopf haben, um die gegenwärtige deutsche Sicht auf Russland vielleicht nachzuvollziehen. Und wenn wir das tun, dann sollten wir an dieser Stelle noch etwas einfügen, das mit einiger Wahrscheinlichkeit kein Historiker in Abrede stellen wird: Das Kollektivgedächtnis, mithin die es tragenden Instanzen beziehungsweise Gruppen, zielen  darauf – so die Historiker Konrad Jarausch und Martin Sabrow –, „Große Geschichten“ bzw. „Meistererzählungen“ zu installieren. Bei solchen „Großen Geschichten“ handelt es sich um Erzählungen, die im „Dienste nationaler Identitätsstiftung“ stehen. Solche „Meistererzählungen“ reflektieren „kulturelle Zeitströmungen“, sie treffen den „Ton der Zeit“ und sie verfügen über „geeignete Mittel und Wege“ sich in der Öffentlichkeit „Gehör zu verschaffen“. Das meint: Sie werden über die Medien oder natürlich auch die Instanz Schule verbreitet. Die gegenwärtige deutsche und europäische Politik würde mit einiger Wahrscheinlichkeit von „nationaler Identitätsstiftung“ nicht mehr sprechen wollen. Die Rede ist von einer globalisierten Welt, in der sich die Grenzen auflösen.

Aber Russland und Putin erzählen uns eine andere Geschichte, für Russland sind die sogenannte Nationalstaaten der Geschichts-Kern. Und damit kommen wir – endlich – zur Gegenwart und zu Waldimir Putin.

Lesen Sie hier den zweiten Teil dieses Beitrags.