"Was halten Sie von Wladimir Putin?" – Immer wieder eine Frage (2)

Putin hat den Russen und dem riesigen Land wieder eine „Große Geschichte“ gegeben. Und das ist gut so!

Wladimir Putin
Wladimir Putin
Alexei Druzhinin/POOL SPUTNIK KREMLIN

Ich hatte schon einmal, vor einigen Wochen, auf Heinrich Heine verwiesen. Der lässt in seiner „Nordsee“ (1826/27) eine Dame fragen: „Doktor, was halten Sie von Goethe?“ Und es folgt durch den Erzähler eine Kommentierung: „Die Dame hatte, ohne es zu wissen, die allerschlauste Frage getan. Man kann ja einen Mann nicht geradezu fragen: was denkst du von Himmel und Erde? Was sind deine Ansichten über Menschen und Menschenleben? Bist du ein vernünftiges Geschöpf oder ein dummer Teufel? Diese delikaten Fragen liegen alle in den unverfänglichen Worten: Was halten Sie von Goethe?“

Den Hinweis auf Heinrich Heine danke ich einem Kollegen, der viel zu früh verstorben ist, dem Münchener Literaturwissenschaftler Karl Eibl. Der hat angemerkt, dass mit der Frage „Was halten Sie von?“ wechselseitige Erkennungsprozesse in Gang gesetzt werden. Und in der Tat, weiß man nach einer entsprechenden Antwort, mit wem man es zu tun hat. Das funktioniert auch in der Gegenwart.

Man könnte also einen beliebigen Medienstar nehmen, einen Künstler, Dichter oder gar Politiker und fragen, „Was halten Sie von?“ Die jeweilige Antwort lässt Rückschlüsse zu: über den persönlichen Geschmack, die literarischen Vorlieben und nicht zuletzt über den politischen Standort und die Sicht auf die Welt. Ich könnte also fragen: „Was halten Sie von Merkel?“ – Ich möchte jetzt nicht darüber räsonieren, wie die Ergebnisse aussehen. Freilich könnte die gleiche Frage angewandt werden auf Seehofer, Söder, Schulz, Lindner oder Sarah Wagenknecht. Die entsprechenden Antworten würde es möglich machen, den Sprecher schnell zu verorten, in sozialen Milieus, Gruppen, Wertegemeinschaften oder Parteiungen. Wollte man nun die Frage: „Was halten Sie von Putin“ beantworten, dann ist dies im Falle von Russland nicht ohne die Entwicklungen nach 1989 machbar. Denn Wladimir Putins Popularität – und, dass er populär ist, davon konnte ich mich hinreichend überzeugen – basiert auf den Erfahrungen, die die Russen in und mit den 1990er Jahren gemacht haben.

Boris Jelzin galt als Trinker und peinlich

Freilich kann man, wie es in den meisten deutschen Medien und unter Politikern aller möglichen Couleur der Fall ist – die historischen Fakten ausschließen und vergessen machen wollen, aber analytisch und sinnvoll ist das nicht. Meine Studentinnen, die um die 20 sind,  haben – und davon war bereits einmal die Rede – darauf verwiesen, wie schlimm für ihre Familien die 1990er Jahre waren. Gorbatschow hatte in ihrem Verständnis viele Ideen, aber er hat nichts umgesetzt. Und Jelzin, auch davon sprach ich, würde in manchen der Familien regelrecht „gehasst“! Er war – so die jungen Leute – ein Schwachkopf und ein Trinker, und er war peinlich. Ich wurde auf Youtube-Sequenzen verwiesen, die wohl noch heute im Netz zu finden sind, für die man sich in Russland schämen müsse. Ich habe diese Youtube- Darstellungen bisher nicht sehen können, werde das aber unbedingt nachholen.

Die 1990er Jahre unter Jelzin waren eine Zeit, in der „Vieles“ möglich war. Wollte man in russischen Bildern bleiben, dann könnte man sagen, es wurde „das Fell des russischen Bären“ aufgeteilt. Es kam in kürzester Zeit zu Privatisierungen von Betrieben und ganzen Industriezweigen, und das gemeinschaftliche Eigentum schanzten sich die alten Eliten, frühere Parteigenossen und die Zeichen der Zeit erkennende Jugendfunktionäre zu. Chodorkowski oder Abramowitsch, das sind nur einige von ihnen. Jelzin machte es möglich. Ein Freund teilte mir mit, dass das Land unter Jelzin von seiner Tochter Tatjana Djatschenko zusammen mit dem Oligarchen Boris Beresowsky regiert wurde. Arbeitslosigkeit, Armut, Existenznot, das alles kennen russische Familien aus den 1990er Jahren, und meine Studentinnen haben mehrfach Beispiele gegeben. Und dann kam Waldimir Putin, ein früherer KGB-Mann ins Spiel, der Jura studiert hatte und bis 1990 in der DDR stationiert war. Über den früheren St. Petersburger Bürgermeister Sobtschak und Boris Jelzin stieg er auf. Viele, mit denen ich sprach, schätzen ihn rückblickend als sehr schüchtern ein, aber eben nicht als „schwach“, was man von Gorbatschow sagt. Und er sei eines eben nicht, Wladimir Putin sei kein "Pofigist"! Das ist eine Wortbildung aus dem „Gassenjargon“, die freundlich übersetzt "Scheiß-egal-Mensch" bedeutet und Personen bezeichnet, denen außer der eigenen Bereicherung nichts wichtig ist.

Die Folge – und hier gibt es trotz Unterschieden bei jenen, mit denen ich mich ausgetauscht habe – ist eine gewisse Einheitlichkeit in der Einschätzung: Mit Putin habe ein Aufschwung begonnen, den man auch in den Familien habe sehen können und der anhält. Eine Studentin verwies sogar auf die Jahre vor 1989 und sagte: „Uns ging es doch schlechter als allen andern sozialistischen Ländern, weil wir alle unterstützt haben.“ Sie verwies dabei auf Erfahrungen ihrer Eltern, die früher öfter mal in der DDR waren. Als ein entscheidendes Moment höre ich immer wieder: Mit Putin sei in Russland endlich wieder Stabilität garantiert und ein Ordnungsrahmen geschaffen worden. Ich habe nachgefragt und auf die zahlreichen Oligarchen verwiesen, die es in Russland gibt und die sich das ehemals ‚gemeinschaftliche Eigentum’ angeeignet haben. Die Antwort auf meine kritische Rückfrage sieht so aus: Ja, die gibt es. Doch diese Oligarchen würden nicht auf Putins Kappe gehen, aber er müsse mit ihnen leben.

Es geht um Selbstbewusstsein

Aber nun zur „Großen Geschichte“: Jelzin erzählte gar keine „Geschichte“ von Russland. Sie war weder groß noch klein, sie existierte nicht. Putin bezieht sich statt dessen auf Russlands „Große Geschichte", ja er befördert sie. Genau damit hängen auch die Diskussionen über den Patriotismus zusammen. Ich habe auch hier mehrfach nachgefragt, weil es freilich schwer ist, von Außen Entwicklungen in einem so riesigen Land wie Russland einzuschätzen. Die Antwort eines Kollegen, der sich in den deutsch-russischen Beziehungen und in der Geschichte Russlands hervorragend auskennt, sieht so aus. „Zuerst haben wir alle an das Jahr 1612 erinnert, das heißt an das Ende der Unruhen und Wirren in Moskau, den Sieg über die polnischen Kremlbesatzer und die Thronbesteigungen der Romanows“, sagt er. Was die Folge gewesen sei, ist klar. Es kam zu einer Verschlechterung der polnisch-russischen Beziehungen. Wenig später, so der Kollege, „wurde der Marsch beziehungsweise der Zug vom ‚Unsterblichen Regiment’ in Ostsibirien von einem Bürger initiiert.“ Davon weiß man in Deutschland wenig. „Jahrelang gingen dort im Zug ganz freiwillig Leute mit Bildern ihrer gefallenen oder von Regime ermordeten Familienangehörigen.“ Zweiter Weltkrieg und Gulag kamen hier – so könnte man sagen – in der Erinnerung zusammen. Diese Idee habe erst Jahre später die Großstädte erreicht.

„Seitdem kommt jährlich auch Putin mit dem Bild seines Vaters“, teilt der Kollege mit. „Die Menschen gehen schweigend ins Zentrum zum Roten Platz in Moskau oder Hauptplätzen ihrer Heimatstädte – inzwischen weltweit –, also auch in Israel, den USA, Frankreich oder Deutschland.“ In diesem Rahmen spielt nun also die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Sieg über Hitlerdeutschland eine wichtige Rolle. Aber was um alles in der Welt ist daran „Großmachtstreben“, wie in deutschen Medien immer wieder behauptet? Dürfen „die Russen“, die bekanntlich „den Deutschen“ verziehen haben, diese „Große Geschichte“ nicht erinnern und inszenieren – über Ausstellungen, über Filme, über Reden? Wer sind diese Leute, die den Russen das verbieten und was für eine Anmaßung steckt dahinter? Statt dessen – solche Stimmen gibt es auch in Russland – sollte man doch die „Gulag-Geschichte“ ins Zentrum stellen und der stalinistischen Verbrechen gedenken! Meinen diejenigen, die das proklamieren, dass man damit in Russland ein Gemeinschaftsgefühl erzeugen und eine „Große Geschichte“ entwerfen kann, die gemeinschaftsbildend ist?

Wir wollen nochmals wiederholen, solche „Meistererzählungen“ stehen im „Dienste nationaler Identitätsstiftung“, und sie treffen den „Ton der Zeit“. Man kann ergänzen: Nach 1989 war vom „Siegergedächtnis“ in Russland nicht mehr viel übrig geblieben. Die Russen fühlten sich trotz des mit über 20 Millionen Toten erkämpften Sieges als die letzten „Looser“, als Verlierer. Mit dem Ende der Sowjetunion und dem Chaos der 1990er Jahre wurde aus dem „Sieger-Gedächtnis“ ein „Verlierer-Gedächtnis“ – in Deutschland war es genau umgekehrt! Wladimir Putin hat nun an das breite Bedürfnis der Russen nach einer „positiven Geschichte“ angeknüpft, und er hat auf der Grundlage einer zunehmenden Verbesserung der wirtschaftlichen Lage etwas geschafft, das seine Popularität mit begründet. Putin hat den Russen und dem riesigen Land wieder eine „Große Geschichte“ gegeben, jedenfalls pflegt er sie. Und damit ist nicht nur eine „nationale Identitätsstiftung“ verbunden, sondern noch etwas Anderes, das für den einzelnen ungeheuer wichtig sein kann: es geht um Selbstbewusstsein! Man schaue sich einmal in den Straßen – nicht nur Moskaus – in der Metro, in den Kaffees, Restaurants, den Theatern oder den Seminaren an den Universitäten um, man wird in selbstbewusste Gesichter blicken. Und das ist gut so!

Schließlich: Kollegen in Russland betonen, dass es bei dem Wiederaufleben der Erinnerung an 1612 oder den „Großen Vaterländischen Krieg“ auf keinen Fall um das geht, was in Deutschland und Europa andauernd – und wider die Fakten – behauptet wird, nämlich ein „Großmachstreben" oder die Vorstellung der Gründung eines „Neuen Reiches“. Die genannten Erzählungen zeigen vielmehr, dass die Russen im Gedenken der Opfer vor allem eines wollen: Frieden!

"Was halten Sie von Wladimir Putin?" – Lesen Sie hier den ersten Teil dieses Blogbeitrags.