Wie heirate ich einen Millionär und Pläne von der Zukunft

Männer verdienen Geld, Frauen tragen Make-Up – Starre Rollenbilder gibt es auch in Russland. Trotzdem haben junge Studentinnen eine klare Vorstellung von ihrer Karriere. Einige sehen ihre Zukunft eher im Ausland.

Autor Carsten Gansel im Kreise seiner russischen Studentinnen.
Autor Carsten Gansel im Kreise seiner russischen Studentinnen.
Carsten Gansel

In einem der letzten Notizen hatte ich von einem Seminar berichtet, in dem wir auch über männliche und weibliche Rollenbilder in Russland in Gespräch kamen. Gemeinsam hatten wir uns über die schöne russische Redewendung amüsiert, „зато свой“! - „Aber er ist mein“. Egal, was für ein schlaffer Typ er auch ist. Die weiblichen Rollenbilder, von denen die Studentinnen in diesem Zusammenhang berichten, sind durchaus vergleichbar mit jenen, die es in Deutschland gibt und die in gewisser Weise als ein Pendant zu denen der Männer gelten können.

Es gebe in Russland jene Frauen, die vollständig auf Karriere setzen und ihr alles unterordnen. Die Gegenvariante, das seien solche, die möglichst „zu Hause“ bleiben wollen und im Großziehen von Kindern ihre Aufgabe sehen. Und dann gebe es noch mindestens einen Typ von Frau, der darauf aus ist einen Millionär zu heiraten, um sich dann voll und ganz in den Konsum und die Pflege des Make-ups stürzen zu können. Es fällt in diesem Zusammenhang auch der Name von Tatjana Ogorodnikowa, der Frau eines Oligarchen, die in diesem Metier hinreichend Erfahrungen und einige Bestseller publiziert hat. Und mit Blick auf die Gegenwart wird das Ex-Glamour-Girl Xenia Sobtschak genannt, die Wladimir Putin bei den Präsidentschaftswahlen herausfordern will.

Moderatorin will 16 Jahre Putin beenden

Die heutige Moderatorin, die eine Big-Brother-Variante im russischen TV moderiert hat, wird von den Studentinnen aber nicht Ernst genommen. Die suche doch nur die Show. So ähnlich soll sich Sobtschak auch mit Blick auf die Wahlen 2018 geäußert haben. Es gehe ihr darum, die Spielregeln für „die Show“ zu verändern. Und sie sei gegen alle. So lautet auch ihr Wahlspruch „Gegen alle“! Vertreten will sie all jene, denen 16 Jahre Putin zu viel sind. Die Studentinnen gehören, so scheint es mir, nicht dazu. Sie fühlen sich von „so einer“ nicht repräsentiert. — Im Zusammenhang mit den Rollenbildern kommen wir schließlich auch auf die Zukunft zu sprechen. Es ist dies eine Frage, die zwar sehr persönlich ist, aber da wir in den Seminaren inzwischen viel Ernsthaftes besprochen und gleichzeitig gemeinsam viel gelacht haben, kann man auch darüber reden.

Es sind sehr unterschiedliche Lebensentwürfe, von denen ich nun erfahre. Eine größere Gruppe der Studentinnen möchte möglichst erfolgreich das Studium abschließen, dann als Lehrerin arbeiten und eine Familie gründen. Das ist die Mehrzahl. Dann gibt es – das sagen die Studentinnen selbst – sehr „romantische Ziele“ mit einem netten Mann, mehreren Kindern, einem Haus und Pferden außerhalb von Moskau. Ganz anders sind die Vorstellungen von, nennen wir sie mal, Irina. Sie sagt von sich, das sie ein Mensch sei, der „mit großer Aufmerksamkeit das zukünftige Leben plant“ und daher „sehr konkrete Vorstellungen“ hat. Sie sieht „leider“ – so ihre Aussage – ihre Zukunft nicht in Ihrem Heimatland Russland. Ihr Ziel ist es, im Ausland zu arbeiten, konkret in Südkorea, weil sie „unabänderlich von Koreanisch und der koreanischen Kultur begeistert“ ist. Dort möchte sie ihren Weg gehen. Dies auch deshalb, weil Russland jungen Menschen, die ihren „Beruf mit Bildung verbinden wollen“ nach wie vor keine Perspektive bietet.

In Südkorea sei es anders, dort sind „gesellschaftliche Berufe wie zum Beispiel Lehrer, Professoren und Ärzte sowie verschiedene Arten des Staatsdienstes“, so die Meinung von Irina, „stark geachtet“ und es seien „ehrenvolle Tätigkeiten“. In Russland ist das leider anders, da hätte diese Berufe „viel Stress und nicht genug Geld“. So müssten sich Lehrer durch „Nebenverdienste“ ihren Lebensunterhalt verbessern. Das sei keine Perspektive. In Südkorea hätten Ausländer, die Fremdsprachen unterrichten, sehr gute Möglichkeiten. Der abschließende Satz von Irina zeigt noch einmal, dass sie bemüht ist, sehr realistisch ihre Zukunft anzugehen. „Also ich bin ein Realist und weiß, dass es mir nicht leicht fallen wird, meine Ziele zu erreichen. Und vielleicht wird alles fehlschlagen, aber schon heute gebe ich mir große Mühe und hoffe, dass ich meinen Weg zum Erfolg finden werde.“

"Ich weiß nicht, wer ich in fünf Jahren bin, ich weiß nicht einmal, wer ich heute bin."

Während Irina ihren Text vorliest, hören alle gespannt zu und nicken zustimmend, als sie betont, wie stark sie sich schon jetzt anstrengt, um sich möglichst viel anzueignen. Und ich kann das nur bestätigen. Das Engagement aller Studentinnen in den Seminaren war sehr hoch. Als wir nun auch über die deutschen Studienbedingungen und Verhältnisse sprechen, sind sie an einer Stelle sprachlos. So ist es an einigen deutschen Universitäten – darunter an der Uni Greifswald – inzwischen üblich ist, dass Studentinnen und Studenten nicht mehr in Seminaren anwesend sein müssen und dennoch Hausarbeiten in diesen Seminaren schreiben und Prüfungen ablegen können. „Wie das?“, fragen „meine“ russischen Studentinnen. „Wie soll das gehen?“ Und eine ergänzt: „Sind die Unis bescheuert?“ Ich kann dem nur zustimmen.

Als ich dann noch mitteile, dass die Studentinnen und Studenten, die nie anwesend waren, dann aber die Lehrveranstaltungen „evaluieren“, bei denen sie nie anwesend waren, sind die Studentinnen fassungslos. Auch, als ich ein Beispiel gebe. So fand sich kürzlich in einer Kommission der Uni Greifswald mal gerade eine Stimme, die für eine Anwesenheit in Seminaren und gegen die Aufhebung des bisherigen Beschlusses votiert hat. Dabei meint Anwesenheit ja überhaupt nicht, dass man nicht mal fehlen kann. „Und wie ist das bei Ihnen in Gießen“, fragen sie. Ich kann zum Glück mitteilen, dass diese Regelung an der Uni Gießen – es hat sie auch mal gegeben – wieder aufgehoben wurde. Aber selbst in den Zeiten da es den Beschluss gab, kann ich mich nicht daran erinnern, dass Studentinnen und Studenten in der Germanistik davon Gebrauch gemacht haben. Jedenfalls nicht in meinen Seminaren.

Nach dieser „Kommunikation“ über eine der vielen Fehlentwicklungen in Deutschland kommen wir wieder auf die Zukunft. Einen ganz anderen Zukunftsentwurf liest nun nämlich Anja vor. „Ich hoffe, dass ich nicht die einzige in dieser Welt bin, die sich mit 20 Jahren so seltsam fühlt“, so beginnt ihr Text. Pläne und Träume habe sie viele. Einer sieht so aus: „In fünf Jahren bin ich Schullehrerinn, die in ihrer Schule etwas Besonderes macht. Nicht nur durch ihre Sprachkenntnisse, sondern vor allem durch die Didaktik. Praktische Didaktik.“ Und dann notiert Anja, dass ihre Träume „meistens mit der Arbeit verbunden sind“, obwohl sie „manchmal auch von einem netten Freund träume“. Aber ernüchtert schätzt sie dann ein: „Jetzt habe ich das fast aufgegeben und denke mehr an meine Karriere. Und Reisen“. Abschließend liest Anja dann folgenden Satz vor: „Aber das alles ist doch eine Abweichung vom Thema. Und ich würde gern eine Antwort geben, wenn ich die nur hätte. Wer ich in fünf Jahren bin, das weiß ich nicht, ich weiß noch nicht mal genau, wer ich jetzt bin.“