Wird der Zweite Weltkrieg in Russland zu sehr heroisiert?

Es gibt Positionen, die sehr moralisierend in politische Fragen gehen. Ein kritischer Satz, der nicht in ihre Raster passt und Personen bekommen schnell eine Marke aufgedrückt. So einfach darf es nicht sein!
Im „Hotel Astoria“ in Leningrad, das sich in unmittelbarer Nähe der Isaak-Kathedrale befindet, wollte Stalin den Sieg feiern.
Im „Hotel Astoria“ in Leningrad, das sich in unmittelbarer Nähe der Isaak-Kathedrale befindet, wollte Stalin den Sieg feiern. Carsten Gansel

Heute am Tag der Deutschen Einheit ist ein Besuch im Russischen Museum von St. Petersburg geplant und abends haben die Kollegen ins Konzert eingeladen. Das passt doch. Ich muss aber nochmal an unsere Gespräche vom gestrigen Tag denken. Da haben sich doch sehr unterschiedliche Auffassungen gezeigt. Zunächst unter den jungen Leuten selbst.

Vermutlich ist es so wie in Deutschland auch. Es gibt Positionen, die sehr moralisierend und verabsolutierend an politische Fragen gehen. Und es gibt andere, die eher abgeklärt und nüchtern argumentieren. Auf den Hinweis, dass der Zweite Weltkrieg zu heroisierend dargestellt würde und kritische Stimmen fehlten, kam später der Zwischenruf einer jungen Frau, ob die Russen denn andauernd nur über den Gulag reden sollten. Oder beispielsweise über die Fehleinschätzung von Stalin, der den Hinweisen seiner Generäle nicht gefolgt ist. Die hatten wiederholt darauf hingewiesen, dass ein Angriff von Hitler-Deutschland bevor steht. Stalin hatte die Warnungen brachial unterbunden. Das kostete Hunderttausende Soldaten der Roten Armee das Leben, die erbarmungslos überrannt wurden.

Im „Hotel Astoria“ in Leningrad, das sich in unmittelbarer Nähe der Isaak-Kathedrale befindet, wollte er den Sieg feiern. Über die Verbrechen und Fehler müsse man auch reden, so der Hinweis, aber die könnten doch wohl nicht allen Ernstes das zentrale Thema für die Russen in der Gegenwart sein. Ich wollte in der Diskussion der jungen Leute nicht den Oberlehrer spielen, zumal es in nicht meine Sache sein kann, hier als Schiedsrichter aufzutreten oder Empfehlungen zu geben. Es ist fatal genug, wenn deutsche Leitmedien permanent in dieser Weise agieren oder Sendungen der Öffentlich-Rechtlichen, bei denen man bekanntlich in der ersten Reihe sitzen soll erklären, dass die Russen mehr die Verbrechen Stalins und den Gulag erinnern müssten.

Schnell haben Journalisten ihre Klischees bei der Hand

Man stelle sich einmal vor, was für eine Hybris und Arroganz dahinter steht, noch dazu bei Journalisten, die sonst gar nicht schnell genug mit Ihren Klischees bei der Hand sind und Leute in bestimmte „Ecken“. Ein kritischer Satz, der nicht in ihre Raster passt und Personen bekommen eine Marke aufgedrückt. Aber selbst haben sie auch nicht ansatzweise im Kopf, dass etwa in Leningrad, dem heutigen St. Petersburg über eine Million Menschen durch die Blockade Hitlerdeutschlands ums Leben gekommen sind. „Die Menschen lagen überall auf den Straßen, entkräftet. Stell Dir vor, über eine Million haben ihr Leben lassen müssen.“ Aber das ist lange vergessen, und heute ist die Rede davon, dass Deutschland seine „nationale Aufgabe“ – oder so ähnlich - „für die Welt“ wahrnehmen müsse. Da kann man nur sprachlos sein.

Unlängst hat die in besonders selbstbewusster Manier auftretende Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen wohl allen Ernstes mitgeteilt, man müsse mit Russland aus einer „Position der Stärke“ sprechen. Der russische Verteidigungsminister soll geantwortet haben, dass nach all dem, was Deutschland in Russland angerichtet hat, Frau von der Leyen besser „200 Jahre lang zu diesem Thema nichts sagen (solle)“. Als ich das einem russischen Kollegen mitteile, lächelt er nachsichtig und meint, das habe sie wohl mit Blick auf US-Präsident Trump gesagt. Ob er Recht hat, ich bin mir da gar nicht sicher. Ich glaube, die Frau meint es ernst.-

Ein Restaurant, das „Mein Herz“ heißt

Aber meine Stimmung bessert sich sofort, als ich zurück zum Hotel gehe und dabei einen Blick auf die Newa und das gegenüberliegende Ufer werfen kann und die Isaak-Kathedrale mit seiner goldenen Kuppel zu sehen ist. Und auf meinem Weg komme ich dann noch an einem schönen Restaurant vorbei, dass allen Ernstes den Namen „Mein Herz“ trägt, in deutschen Buchstaben, nicht in kyrillischen. Ich muss unbedingt fragen, ob es diesen Namen auch nach dem Zweiten Weltkrieg hatte oder seit wann es überhaupt existiert. „Mein Herz“, das mutet angesichts der Geschichte doch etwas zu romantisch an.

Die Fahrt zur St. Petersburger Philharmonie gestaltet sich etwas kompliziert. Wir verbringen etwa eine Stunde im Bus, die Fahrt mit der Metro hätte um die 10 Minuten gedauert. So ist das mit den Entscheidungen. Erst kurz vor der Vorstellung treffen wir ein, aber es ist allem Anschein nach auch anderen Besuchern so gegangen, denn die Gänge sind überfüllt und alle wollen noch ihre Garderobe los werden. Mit einigen Hindernissen schaffen wir es und können in der Reihe 26 Platz nehmen. Man kann von hier aus ausgezeichnet sehen und natürlich hören.

Das heutige Konzert ist etwas ganz Besonderes. Es wird dirigiert von Juri Termirkanow, der seit 1988 Künstlerischer Direktor und Chefdirigent des St. Petersburg Philharmonic Orchesters ist und zu den weltbesten Dirigenten gehören soll. Hinzu kommt der Umstand, dass im ersten Teil Jan Sibelius Konzert für Violine und Streicher in d-Moll op. 47 gespielt wird, mit dem Jungstar Emmanuel Tjeknavorian. Und in zweiten Teil Schostakowitsch Sinfonie Nr. 13. Das ist genau das Richtige für den Tag der Deutschen Einheit, könnte man sich denken.

Unser Mann in Moskau" – unter diesem Titel hatte Literaturwissenschaftler Carsten Gansel 2017/2018 mehrere Monate lang aus Moskau für den Nordkurier einen Blog geführt. Nun ist Gansel wieder in Russland, diesmal in St. Petersburg. Alle Beiträge des alten Blogs können Sie hier nachlesen.

Außerdem sind die Beiträgte aus Gansels Blog auch als Buch erschienen. Es trägt den Titel: "Meinst du, die Russen wollen... Ein Moskauer Tagebuch". Seine Lesungen sorgten im Nordosten für einen Besucheransturm.

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