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Boxer im Überlebenskampf

VonJörg SoldwischBei der anstehenden EM in Minsk nehmen die Amateurboxer Abschied vom Kopfschutz. Der Weg zur Annäherung an das Profiboxen wird ...

VonJörg Soldwisch

Bei der anstehenden EM in Minsk nehmen die Amateurboxer Abschied vom Kopfschutz. Der Weg zur Annäherung an das Profiboxen wird frei.

Minsk/Berlin.Die Amateurboxer lassen ein Stück Sportgeschichte hinter sich. Nach der morgen beginnenden EM in Minsk wird der unbeliebte Kopfschutz abgeschafft, die umstrittene Punktemaschine kommt schon gar nicht mehr zum Einsatz. Den in den 80er Jahren eingeführten Regeln trauert im deutschen Lager aber kaum jemand hinterher. Paradoxerweise scheint ausgerechnet die Annäherung an das Profiboxen die einzige Überlebenschance für die Amateurkämpfer zu sein. „Wir gehen mit der Zeit und stellen uns moderner auf. Was passiert, wenn man diesen Schritt verpasst, hat man an den Ringern gesehen“, sagte Michael Müller, Sportdirektor im Deutschen Boxsport-Verband (DBV). Der Amateurbox-Weltverband AIBA hat sich in vielerlei Hinsicht modernisiert. Im kommenden Jahr wird es unter der AIBA-Leitung sogar Profi-Wettkämpfe geben, die besten Sportler dürfen dann 2016 bei Olympia in Rio de Janeiro starten. Weltmeister Wladimir Klitschko hat bereits sein Interesse signalisiert.
Die Profibox-Verbände reagierten verblüfft und verärgert auf die ambitionierten und dem Vernehmen nach 130 Millionen Euro teuren Pläne der AIBA. Die Amateurboxer aber fiebern den Neuerungen entgegen. Der Kopfschutz war für viele Athleten schon lange ein Ärgernis, nicht nur, weil sie oft als „Helmboxer“ verspottet wurden. Zu rutschig, zu unbequem, zu eingeschränkt das Sichtfeld. Ursprünglich war der Helm eingeführt worden, um die Amateure, die anders als die Profis mit den Kämpfen nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten, vor schweren Verletzungen zu bewahren. Der Wegfall der Kopfschutzes bedeute aber keine erhöhte Verletzungsgefahr, betonen die Reform-Befürworter. „Die medizinische Kommission des Weltverbandes hat 3800 Amateurkämpfe ohne Kopfschutz untersucht und festgestellt, dass das Risiko für Kopf- und Handverletzungen nicht steigt“, sagt Müller und erklärt: „Ohne Helm sieht man Schläge eher kommen und kann besser darauf reagieren.“ Ein weiterer Pluspunkt ist zweifelsfrei der erhöhte Wiederkennungswert der Sportler.
In Minsk müssen die Amateure den Kopfschutz aber noch einmal aufsetzen, die Punktemaschine hat dagegen schon ausgedient. Drei Tage vor dem EM-Start wurde den Teams mitgeteilt, dass die Kämpfe im vom Profiboxen bekannten „10-Point-Must-System“ gewertet werden. Dabei erhält der Sieger einer Runde zehn Punkte, der Verlierer neun oder bei Niederschlägen noch weniger Zähler.