EIN STREITPUNKT SIND DIE KOSTEN

Das Projekt Garnisonkirche spaltet Potsdam

Das berühmte Gotteshaus steht für glanzvolle Momente wie für düsterste deutsche Geschichte. Ihr geplanter Wiederaufbau sorgt für großen Streit in der Landeshauptstadt. Inzwischen steht das Vorhaben völlig auf der Kippe.
dpa
Einzelne Elemente der Kirche wie die originalgetreue Wetterfahne sind schon rekonstruiert.
Einzelne Elemente der Kirche wie die originalgetreue Wetterfahne sind schon rekonstruiert. Ralf Hirschberger
Potsdam.

Schon zum Reformationsjubiläum 2017 soll die Potsdamer Garnisonkirche wieder die Stadtsilhouette der einstigen Preußenresidenz zieren. Von Anfang an ein ehrgeiziger Termin. Nun ist fraglich, ob das Projekt überhaupt zu realisieren ist.

„Es ist so gut wie erledigt“, meint Simon Wohlfahrt, Sprecher des Bürgerbegehrens „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“. Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) hat dagegen keinen Zweifel, dass der Turm wiederaufgebaut wird, für den seit einem Jahr die Baugenehmigung vorliegt. Das Gotteshaus spaltet die Stadt.

Zunächst haben die Gegner des Projektes einen Etappensieg erzielt: Ihr Bürgerbegehren war jüngst mit 14 285 gültigen Stimmen erfolgreich. Wie es weitergeht, entscheiden heute Potsdams Stadtverordnete in einer Sondersitzung. Lehnen diese das Bürgerbegehren ab, haben die Einwohner erneut bei einem Bürgerentscheid das Wort. Rund 133 260 Menschen sind dann – möglicherweise am 14. September parallel zur Landtagswahl – zur Abstimmung aufgerufen.

Private Stiftung im Mittelpunkt des Streites

Dabei geht es nicht um ein einfaches Ja oder Nein zum Wiederaufbau. Gefragt wird, ob die private Stiftung Garnisonkirche aufgelöst werden soll oder nicht. Die Stiftung ist die Initiatorin für den Wiederaufbau – mit prominenten Unterstützern wie Brandenburgs früheren Ministerpräsidenten Manfred Stolpe und Matthias Platzeck (beide SPD). Der Ausgang ist unklar. Die Stadt hat Zweifel, ob es ihr möglich wäre, eine private Stiftung aufzulösen.

Die Projektgegner sehen so oder so ein Ziel erreicht: „Mit dem Bürgerbegehren haben wir es schriftlich: Viele Menschen sind dagegen“, erklärte Wohlfahrt. Potenzielle Spender schrecke dies ab, denn: „Jeder möchte für etwas spenden, was auf Zustimmung stößt.“

Heike Schulz, die in der Ausstellung „Fragmente und Perspektiven“ in der Kapelle an der Garnisonkirche arbeitet, beobachtet beides: Unterstützer, die jetzt abwarten, und solche, die nun erst recht aktiv werden. „Erst heute war wieder eine Besucherin da, die ihr Geld zusammengekratzt hat für eine Spende.“

Befürworter der Kirche brauchen private Spenden

Die Unterstützung von Spendern ist nötig. 100 Millionen Euro sind für das gesamte Projekt veranschlagt. Allein für den ersten Bauabschnitt, den Kirchturm, sind es knapp 41 Millionen Euro. „Knapp die Hälfte davon haben wir“, berichtet die Sprecherin der Stiftung, Friederike Schuppan. Darin enthalten seien zwölf Millionen Euro vom Bund.

Viel Bewegung ist derzeit nicht an der Baustelle zu sehen, wo 2005 der Grundstein für den Wiederaufbau gelegt wurde. Ein Modell wird im Informationszentrum gezeigt. Die originalgetreu rekonstruierte Wetterfahne wird draußen von einem Drahtkäfig geschützt. Die Angst vor mutwilliger Zerstörung der Gegner ist offenbar groß.

„Wir bedauern, dass es uns nicht gelungen ist, Ziele und Absichten des Projektes zu vermitteln“, sagt Schuppan. Pfarrerin Cornelia Radeke-Engst möchte an dem Ort Menschen verschiedener Generationen ins Gespräch bringen. Zum 70. Jahrestag des Anschlags auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde die Kapelle in Nagelkreuzkapelle umbenannt. „Geschichte erinnern, Verantwortung lernen und Versöhnung leben – dieser Dreiklang möge zukünftig von der Nagelkreuzkapelle ausgehen“, betonte dabei der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider.

Die Kritiker des Wiederaufbaus verweisen dagegen vor allem auf den in die Geschichtsbücher eingegangenen „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933. Damals reichten sich Reichspräsident Paul von Hindenburg und Reichskanzler Adolf Hitler demonstrativ die Hände – und besiegelten so symbolisch die Verbindung von Preußentum und Nationalsozialismus. 1968 ließen DDR-Obere nicht zuletzt deshalb die Kriegsruine sprengen.

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