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Das Storkower Phantom hat nun ein Gesicht bekommen

Ein Polizist steht im Oktober 2011 vor dem Anwesen einer Berliner Unternehmerfamilie. Damals wurde auf die Tochter ein Anschlag verübt.
Ein Polizist steht im Oktober 2011 vor dem Anwesen einer Berliner Unternehmerfamilie. Damals wurde auf die Tochter ein Anschlag verübt.
Patrick Pleul

Er fährt viel Fahrrad, läuft meistens zu Fuß und campiert gern im Wald. Zwei Jahre blieb der jetzt geschnappte mutmaßliche Berliner Gewalttäter und Kidnapper unentdeckt. Jetzt droht ihm eine lange Freiheitsstrafe. Es wäre nicht die erste.

Lange war er ein Phantom. Jetzt gewinnt der Mann, der mindestens drei spektakuläre Gewaltverbrechen am Südrand Berlins begangen haben soll, an Gestalt. Er lebte monatelang im Wald, ist topfit und durchtrainiert, gebraucht skrupellos seine Pistole und ist ein Meister im Verwischen von Spuren. Dazu kommt ein längeres Straftatenregister.

So präsentierte die Polizei der Presse einen festgenommenen 46-jährigen Tatverdächtigen, der in den vergangenen beiden Jahren versucht haben soll, Angehörige zweier Berliner Millionärsfamilien zu entführen beziehungsweise sie äußerst brutal attackierte. Damit hatte er in der Region Angst und Schrecken verbreitet.

Ansonsten jedoch blieb der Beschuldigte seltsam unsichtbar. „Zu Personalien werden wir nichts sagen“, machte Polizeipräsident Arne Feuring schnell klar. Die Öffentlichkeit erfuhr nur noch, dass der Festgenommene keine engen familiären Bindungen hat und wohl ein Einzeltäter ist. „Für uns ist das nur ein Etappensieg“, stellte der Leiter der am 5. November 2012 gegründeten Sonderkommission „Imker“, Siegbert Klapsch, vorsichtig fest. Denn der „dringende Tatverdacht“ sei nur auf eine lange Indizienkette gegründet. Immerhin erließ das Amtsgericht Frankfurt/Oder Haftbefehl gegen den Berliner, der schon im Herbst vergangenen Jahres zu 40 Verdächtigen zählte.

Zuvor war ein damals 51-jähriger Berliner Investment-Manager aus seiner Villa in Storkow verschleppt und im Schilf am Großen Storkower See festgehalten worden. Der maskierte Täter drang in das Haus des Opfers ein und schoss mit einer Pistole in die Decke. Dann zog er sein Opfer mit einem Kajak durch das kalte Wasser zu einer Schilf-Insel. Der Entführte konnte sich nach zwei Tagen befreien.

Im August 2011 wiederum soll der mutmaßliche Täter die Ehefrau des Berliner Unternehmers Pepper vor ihrem Ferienhaus in Bad Saarow (Oder-Spree) mit einem Knüppel schwer verletzt haben. Zwei Monate später schoss er maskiert laut Polizei auf die Tochter der Familie, die auf einer Koppel mit ihrem Pferd beschäftigt war. Ein Wachmann schützte die junge Frau mit seinem Körper. Er erlitt eine Querschnittslähmung.

Spätestens im Oktober vergangenen hatte die Polizei ein Auge auf den mutmaßlichen Täter. Da habe er bei einer Zeugenvernehmung teilweise wahrheitswidrige Angaben gemacht und sich über sein Alibi ausgeschwiegen, berichtete Soko-Chef Klapsch.

Seit März war dann das Mobile Einsatzkommando dem „Waldmenschen“ und „Maskenmann“ auf den Fersen und beobachtete ihn – kein leichter Job, denn tageweise radelte er bis zu 130 Kilometer. Sonst ging er meistens zu Fuß. In Einkaufsmärkten benutzte der Tatverdächtige grundsätzlich keine EC-Karte, sondern zahlte in bar.

Wichtige Puzzleteile in den Ermittlungen sind der wiederholte Gebrauch einer Pistole vom Typ Ceska und eine Decke, die bei der Entführung in Storkow benutzt wurde. Dazu kommt ein längeres Straftatenregister. So schoss er bei einer gewaltsamen Auseinandersetzung 1997 mehrfach und verletzte drei Menschen. Ein Gericht verurteilte ihn danach zu einer Haftstrafe von drei Jahren und neun Monaten. In den Jahren 2003/04 beging der Inhaftierte eine Serie von Brandstiftungen in Berlin und campierte auf einer Schilfinsel in einem der vielen Seen Berlins. Es folgte eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und drei Monaten. Nach den jüngsten Taten griff schließlich am Dienstagabend ein Spezialeinsatzkommando der Polizei in Berlin-Köpenick zu. Die Ermittler erwarten ein mühsames Verfahren, um den Mann zu überführen. Polizeipräsident Feuring: „Wir haben nicht den klaren Beweis.“