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DDR-Kochbuch als Kult – nach fast 60 Jahren noch aktuell

Das Phänomen ist schwer zu erklären: Die DDR gibt es seit drei Jahrzehnten nicht mehr, aber „Wir kochen gut” und „Das Backbuch” sind immer noch gefragt. Zum Verlagsjubiläum ist etwas besonderes geplant.
dpa
Potsdam: Sternekoch Jörg Frankenhäuser blättert in dem „Kochbuch” vom Verlag der Frau aus den 70er
Potsdam: Sternekoch Jörg Frankenhäuser blättert in dem „Kochbuch” vom Verlag der Frau aus den 70er Jahren. Bernd Settnik
Das „Kochbuch” gehört wie das Buch „Wir kochen gut” zu den auch als Reprint immer wieder neu aufg
Das „Kochbuch” gehört wie das Buch „Wir kochen gut” zu den auch als Reprint immer wieder neu aufgelegten DDR Kochbüchern. Bernd Settnik
Potsdam ·

Wie wird eine ordentliche Rinderroulade zubereitet, wann gelingt das Rotkraut so wie es bei Oma sonntags auf den Tisch kam und ist ein Biskuitboden wirklich nur etwas für sehr geübte Bäcker? Seit fast sechs Jahrzehnten geben zwei Bücher aus dem Leipziger Buchverlag für die Frau, der in diesem Jahr seinen 75. Geburtstag feiert, darauf Antworten. Per Mundpropaganda erfahren auch aus dem Westen Zugereiste von den beiden Standardwerken aus DDR-Zeiten. Trotz Internet und Youtube wird nach wie vor gern ins Bücherregal zu den beiden Ratgebern gegriffen.

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1952 erschien in dem Leipziger Verlag für die Frau der Titel „Unser Kochbuch” von Paula Elisabeth Fuchs, der in kurzer Zeit 20 Auflagen erreichte, sagte Verlagssprecherin Susann Jaensch. Der heutige Küchenklassiker „Wir kochen gut” von 1962 basiere zum Teil auf diesem Grundkochbuch. 1967 erschien dann „Das Backbuch”. Bis zur Wende wurden beide Titel in mehreren Millionen Exemplaren verkauft. In der DDR Geborene wissen: Wie viele Dinge im Mangel-Sozialismus waren sie nur schwer im Handel zu finden, sondern eher Bückware – nur durch gute Beziehungen erhältlich.

Kulinarische Reisen in die sozialistischen Bruderländer

Die beiden Bücher sind lange nach dem Ende der DDR immer noch die Flaggschiffe des Verlags. „Generationen von DDR-Bürgern sind damit groß geworden”, erklärt der Historiker Stefan Wolle (70), wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums in Berlin, die andauernde Beliebtheit und die heute noch wachsende Fangemeinde. Kochbücher über französische oder italienische Küche – die Länder waren zu DDR-Zeiten ja „Klassenfeinde” – waren im DDR-Buchhandel nicht erhältlich. „Es hätte ja auch an den Zutaten gefehlt, an besonderen Gewürzen”, sagt er. Kulinarische Reisen seien mit dem Kochlöffel allenfalls in die sozialistischen Bruderländer möglich gewesen.

Wolle denkt auch daran, dass damals der Rückzug ins Private und ins Familienleben wichtig war, um das Politische herauszuhalten. „Da wollte man perfekt sein, etwas Tolles auf den Tisch bringen, an dem man mit der Familie oder Freunden saß”, sagt er.

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Die Kochbuchklassiker „Wir kochen gut” und „Das Backbuch” standen zu DDR-Zeiten gefühlt in jedem Haushalt. Vor der Wende hießen in den Ausgaben Pasta noch Nudeln, gekocht wurde mit einfachen Öl und nicht mit dem aus Oliven und Mozzarella war ein völlig unbekannter Genuss. Fotos waren meist schwarz-weiß, einige auch in Farbe.

Komplett-Relaunch von „Wir kochen gut” und „Das Backbuch”

Heute sind in dem Buch „Wir kochen gut” etwa 1000 Rezepte aufgeführt: Klassiker wie Ungarischer Gulasch, Frikassee oder Königsberger Klopse sind dabei, aber auch gebratene Languste, Fasan oder flambierte Kirschen. Sie seien präzise und anschaulich beschrieben, erläutert Sprecherin Jaensch. Mittlerweile sind beide Titel auch in Reprintausgaben aus den 1970-er Jahren auf dem Markt. „Für alle Nostalgiker und Fans, die die alte Ausstattung der Klassiker lieben”, sagt sie.

Zum Verlagsjubiläums wird es im Mai einen Komplett-Relaunch von „Wir kochen gut” und „Das Backbuch” geben: für die neue Generation von Koch- und Backenthusiasten, die sich Grundkenntnisse im Kochen und Backen aneignen wollen. Andere erinnern sich wehmütig an die Gerichte, die sie von früher kennen und die sie nachkochen wollen. „Wir müssen uns neue Zielgruppen erschließen, damit die Klassiker auch in Zukunft weiter leben”, sagt Jaensch.

Zu DDR-Zeiten wurden in dem Verlag vor allem Ratgeber herausgegeben: zum Kochen, Backen, Schneidern, aber auch zu Kindererziehung und Ehe. Heute sind im Programm auch Titel wie die Thüringer Küchenbibliothek, in der seit 1993 bereits 14 Bücher erschienen. Weit über eine halbe Million Exemplare wurden verkauft. Eine Miniaturbuchreihe, die seit 35 Jahren besteht, ist heute begehrtes Sammlerobjekt. Fast 370 Bände im Format 6,2 mal 9,5 Zentimeter sind erschienen.

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DDR-Museum in Berlin

„Nur wenige Verlage, die im Osten kurz nach dem Krieg gegründet wurden, existieren heute noch”, sagt Geschäftsführer Lutz Gebhardt, zu dessen Verlagsgruppe grünes herz (Ilmenau) seit 2015 der Leipziger Verlag gehört. Kochbücher und alles zu Haus, Garten, Natur und Gesundheit werden weiterhin zu der Kernkompetenz gehören, die noch ausgebaut werden solle. Im Oktober ist ein Buch mit den Lieblingsrezepten der Leser geplant. Gesucht werden nach Verlagsangaben kulinarische Schätze: Rezepte, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Im DDR-Museum in Berlin stehen die Koch- und Backbücher aus sozialistischen Zeiten in der Kücheninstallation. „Die meisten Clicks auf unserer Internetseite haben wir bei Beiträgen zu DDR-Kochrezepten”, sagt Wolle. „Die sind immer gefragt.”

Der Patron des Potsdamer Sterne-Restaurants „Kochzimmer”, Jörg Frankenhäuser, freut sich, dass er endlich im Besitz des Kochbuches aus dem Leipziger Verlag ist. „Meine Mutter rückt ihr Exemplar nicht raus. Es wird nur vererbt”, sagt der 45-Jährige. Das Buch liegt derzeit griffbereit auf dem Schreibtisch im Büro des Restaurants. „Es wurde mit viel Fleisch gekocht. Und dann immer mit einer Mehlschwitze”, erinnert er sich an die Kindheit.

Frankenhäuser liebt aber heute die nach DDR-Rezept zubereiteten gefüllten halben kalten Eier. „Die macht meine Mutter am besten. Deshalb fahre ich nach Beelitz”, sagt er. Für seine Neue Preußische Küche blättert er ab und zu in dem Buch und sucht Anregungen: „Natürlich modern zubereitet”.

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