KOMMENTAR ZUR VIRUS-EPIDEMIE

Der Corona-Irrsinn in Berlin

Berlin und Corona: Da trifft ein gefährlicher Virus auf eine verrückte Stadt. Da rasen Realität und Wahnsinn direkt aufeinander zu. Und da präsentiert sich die Großstadt extrem kleingeistig. Eine Betrachtung von Andreas Becker.
Berlin, die immer pumpende Hauptstadt: Erst langsam fährt die 3,7-Millionen-Einwohner-Metropole ihren Herzschlag runter.
Berlin, die immer pumpende Hauptstadt: Erst langsam fährt die 3,7-Millionen-Einwohner-Metropole ihren Herzschlag runter. Michael Kappeler
Berlin.

Zwischen den Spielplätzen im Volkspark Friedrichshain und am Wasserturm im Prenzlauer Berg liegen genau 453 Meter. Und doch sind es am Donnerstagmittag Welten, die die beiden Areale im Herzen der Hauptstadt trennen. Während der verwaiste Spielplatz im Volkspark abgesperrt und mit einem Hinweisschild, auf dem die Schließung mit dem grassierenden Coronavirus begründet wird, versehen ist, tobt am Wasserturm das pralle Kinderleben.

Willkommen in Berlin, willkommen in der Eigenmächtigkeit der Berliner Bezirke. Es ist genau jene Bezirksgrenze, die den Spielplatz in Friedrichshain von dem in Pankow (Stadtteil Prenzlauer Berg) trennt.

Halten sich die Coronaviren etwa an Bezirksgrenzen? Sind die Jungen und Mädchen am Prenzlauer Berg, dort, wo die Grünen bei Wahlen stets fast 40 Prozent der Stimmen einheimsen, resistenter gegen Viren? Oder ist Berlin einfach ein unregierbarer Kosmos, zu dessen DNA auch das regelmäßige Versinken im Chaos gehört? Schließlich wird hier schon seit fast 15 Jahren ein Flughafen gebaut, von dem alle wissen, dass er bei seiner Fertigstellung viel zu klein sein wird.

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Hipster, Egomanen und Impfverweigerer

Nun, sieben der insgesamt zwölf Bezirke in Berlin haben sich mittlerweile dazu durchgerungen, sich an die Empfehlungen der Bundesregierung zu halten und alle Spielplätze zu schließen. Die anderen fünf Bezirke argumentieren, dass man doch bitteschön auch in Corona-Zeiten den Kindern Auslauf gewähren müsse. Da schert man sich in den Bezirksämtern auch wenig um historische Fernsehansprachen, in denen die deutsche Regierungschefin eindringlich darauf erklärt, wie ernst die Lage sei.

Das Kanzleramt ist vom Prenzlauer Berg zwar nur einen Steinwurf entfernt, politisch aber hat Angela Merkel mit dem Hipster-Stadtteil, in dem volle Bankkonten, egomanische Individualität, Impfverweigerung und die Spende zu Weihnachten für ein Flüchtlingskind in Syrien den geistigen Horizont prägen, so viel gemeinsam wie der Weiße Hai mit dem Müggelsee.

Mag die Kanzlerin auch erst spät in den Corona-Krisenmodus geschaltet haben, so halten die an jeder Straßenecke und jedem Innenhof mit Latte Macchiato ausgestatteten Hobbyvirologen und Freizeitärzte im Prenzlauer das ganze Viruszeug für blanke Hysterie. Provokant lehnt man sich gegen Warnungen von Regierung und Experten auf – feiert Corona-Partys, tummelt sich in Parks und Cafés, steckt die ach so schlauen Köpfe zusammen und redet sie sich heiß.

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Und dem Nachwuchs impft man diese vermeintlich lässige Lebensweise gleich mit ein – wenn die Kinder schon nicht mehr in die Kindergärten gehen dürfen, dann steckt man dieselben Kinder eben gruppenweise privat zusammen in die großzügig bemessenen Zimmer der Penthouse-Wohnungen.

All diese Exzesse, die in der Coronakrise kontraproduktiv wirken und eine ganze Gesellschaft an den Rand der Lebensfähigkeit drücken können, waren dem Berliner Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) die vergangenen Tage schon ein mächtiger Dorn im Auge – doch in der rot-rot-grünen Landesregierung muss sich der ohnehin schwächlich wirkende Müller eher auf Samtpfötchen bewegen.

Verseucht Corona die BER-Eröffnung?

Doch Mitte der Woche platzte selbst dem sonst soften Müller der Kragen – der Sozi drohte den Bürgern seiner Stadt tatsächlich mit Ausgangssperre. Revolution, wird so mancher Berliner Linksintellektuelle gedacht haben.

Die Überraschung: Das Donnerwetter des Stadtoberhaupts zeigt tatsächlich Wirkung. Bei so manchem Start-up-Unternehmer, Sorglos-Hipster oder Ich-weiß-sowieso-alles-besser-Akademiker löste der „Anschiss“ des Bürgermeisters offenbar einen Impuls im Großhirn aus – manche stillgelegte Synapse wurde wieder belebt beziehungsweise neu entdeckt. Es hat den Anschein, als wird es langsam leerer auf Berlins Straßen und Plätzen, der Eindruck entsteht, als fahren auch die Hauptstädter das öffentliche Leben ein Stückchen runter – und begeben sich, so weit möglich, in häusliche Quarantäne.

Dort allerdings wartet das nächste Problem: Plötzlich muss Er sich um Sie, Sie sich um Ihn – und alle um die Kinder kümmern. Und das 24 Stunden. Sieben Tage die Woche. Steigt jetzt die Scheidungs- oder Geburtenrate? Berlin wird eine Antwort finden – so wie Berlin immer eine Antwort findet. Auch wenn sie irrsinnig klingt und vielleicht fernab jeglicher Realität liegt.

In diese Gefühlslage passt auch die Meldung, die am Donnerstag die Runde machte: Der Tüv muss wegen Corona-Verdachtsfällen alle Gutachter vom BER abziehen – der Höhenflug des Virus lässt damit auch die für den 31. Oktober geplante BER-Eröffnung wohl abstürzen. Wenigstens hätten sie dafür jetzt eine gute Ausrede.

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