Viele Dorfkrüge wie dieser in Werbellin sind längst geschlossen,
Viele Dorfkrüge wie dieser in Werbellin sind längst geschlossen, DIRK ENGELHARDT
Hans Bockisch schloss die von ihm geführte Gaststätte in Alt Grimnitz vor fünf Jahren. Ein Nachfolger fand sich
Hans Bockisch schloss die von ihm geführte Gaststätte in Alt Grimnitz vor fünf Jahren. Ein Nachfolger fand sich nicht. DIRK ENGELHARDT
Auch wenn im Gastraum die Zeit stehengeblieben scheint, wird in der Gaststätte Quilitz immer noch erfolgreich gewirtschaf
Auch wenn im Gastraum die Zeit stehengeblieben scheint, wird in der Gaststätte Quilitz immer noch erfolgreich gewirtschaftet. DIRK ENGELHARDT
Gastwirt Andreas Quilitz (52) ist stolz darauf, dass er das Gasthaus seiner Familie in der vierten Generation führen kann
Gastwirt Andreas Quilitz (52) ist stolz darauf, dass er das Gasthaus seiner Familie in der vierten Generation führen kann. DIRK ENGELHARDT
Die Gaststätte Quilitz mit der neuen Terrasse. Das Quilitz hält sich bereits seit mehr als 100 Jahren im brandenburg
Die Gaststätte Quilitz mit der neuen Terrasse. Das Quilitz hält sich bereits seit mehr als 100 Jahren im brandenburgischen Dorf Lunow nahe der polnischen Grenze.Fotos: dirk engelhardt DIRK ENGELHARDT
Landleben

Der schleichende Tod des Dorfkrugs – und wie er aufzuhalten ist

Auf dem flachen Land fällt es oft schwer, eine Gaststätte zu finden. Die Gründe für den Niedergang der Dorfkneipe sind vielfältig. Aber es gibt auch etwas Hoffnung.
Prenzlau

Dass Dorfgaststätten – meist „Dorfkrug“ genannt – eine aussterbende Spezies sind, lässt sich bei jeder Fahrt über Land beobachten. Dabei war der Dorfkrug einmal das kulturelle Zentrum dörflichen Lebens, dort spielten sich alle Treffen, alle Feiern und Konzerte ab. Wie viele der Dorfgaststätten in Brandenburg außer Betrieb sind oder abgerissen wurden, kann niemand genau sagen. Die Zahl dürfte aber sehr hoch sein. Sogar kleine Dörfer mit wenigen 100 Einwohnern hatten einst mindestens eine, manchmal sogar mehrere Kneipen.

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Offizielle „Informationen zur Anzahl der geschlossenen Gasthöfe“ gibt es nicht, wie Frauke Zelt vom Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz mitteilt. Bis Ende 2021 seien aber etwa 1900 Projekte im ländlichen Raum in Brandenburg mit insgesamt 632 Millionen Euro gefördert worden. Doch nur ein Brösel fiel davon ab für den „Erhalt und Ausbau von dörflichen Gaststätten und Cafés“, nämlich vier Millionen Euro, verteilt auf 37 private Projekte.

Bier kostete früher 45 Pfennig

Lunow, ein Dorf mit rund 1000 Einwohnern dicht an der polnischen Grenze, liegt sehr abgeschieden. Dennoch hat sich die älteste Kneipe des Dorfes, die Gaststätte Quilitz, seit mehr als 100 Jahren erhalten. „Wir führen das Gasthaus jetzt in vierter Generation“, sagt Wirt Andreas Quilitz (52) stolz.

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Und zwar im historischen Hause, wo er seit 2003 hinter dem Tresen steht. 1913 eröffnete sein Urgroßvater die Gaststätte, seitdem ist sie ununterbrochen in Betrieb. Zu Hochzeiten, erinnert sich Quilitz, gab es in Lunow einmal fünf Kneipen und zwei Cafés. Zu DDR-Zeiten übernahm der Konsum die Gaststätte Quilitz, „da kostete ein Bier 45 Pfennig“.

Initiative kümmert sich um Heidekrug

Natürlich gibt es im Quilitz auch einen Saal. Der wurde gerade renoviert und hat sogar eine Bühne mit einem 100 Jahre alten Klavier, das immer noch funktioniert. Der Saal fasst 65 Personen, so viele kamen aber schon lange nicht mehr zusammen. „Früher waren die Stammgäste jeden Tag da“, sagt Quilitz. Die alten Gäste sterben nach und nach, und die jüngeren kommen eher zum Essen. Deswegen baute Quilitz auch die Küche aus und konzentriert sich auf Gäste, die etwas essen wollen. Und weil mittlerweile fast die Hälfte der Gäste aus Berlin kommt, gibt es auch vegetarische Gerichte.

In Joachimsthal steht der alte Heidekrug noch, er nennt sich jetzt Heidekrug 2.0. Zu DDR-Zeiten wurden hier noch wilde Feste gefeiert, jetzt steht der große Saal meist leer. Eine Initiative von Dorfbewohnern hat den Raum aufwendig renoviert, freitags werden Filme vorgeführt. Am anderen Ende des Dorfes bewirtschaftete Hans Bockisch (78) bis vor fünf Jahren noch den Dorfkrug am Grimnitzsee. Auch dort gab es einen Tanzsaal und eine Bewirtung im Garten hinter dem Haus. Aus Altersgründen schlossen er und seine Frau die Gaststätte, der Tanzsaal war schon lange zuvor nicht mehr in Benutzung.

Früher mittwochs und samstags Tanz

„Als die Westdeutschen in den wilden Osten zogen, um sich umzugucken“, wie Bockisch es formuliert, fand er neue Gäste. Er musste das Plumpsklo hinter dem Haus abreißen und eine neue Toilette im Haus bauen. Zugleich blieben aber die Einheimischen, die sich sonst regelmäßig eingefunden hatten, aus. Die höheren Getränkepreise konnten die Dorfbewohner, von denen viele arbeitslos wurden, nicht bezahlen.

„Da verlagerte sich die gesellige Runde dann auf Vereine. Oder auf Garagenbars, also Verkaufsstellen von Getränken, die eigentlich mehr Laden als Bar waren“, sagt Bockisch. „Früher gab es mittwochs und samstags Tanz, da war was los“, erinnert sich der Wirt. Der Dorfkrug hatte seinen festen Platz unter den acht Gaststätten des Ortes.

Saal für Lesungen und Hochzeiten genutzt

Veranstaltungen seien jedoch schon immer ein Zuschussgeschäft gewesen. Nach dem Mauerfall öffneten überall Diskotheken, die anfangs gut besucht waren. Mittlerweile teilen sie das Schicksal der Dorfgaststätten: fast alle geschlossen. Eines der Lokale, die es geschafft haben, ist der Alte Dorfkrug Lübars. Der Gasthof liegt nah genug an Berlin und bietet hochwertige deutsch-mediterrane Küche in einem historischen Ambiente. Sogar der Saal, einer der schönsten historischen Festsäle im Norden der Hauptstadt, wird weiter genutzt. Durch den Verein „Labsaal“, der hier Lesungen, Hochzeiten, Konzerte und Tanzveranstaltungen organisiert.

Die Dehoga, der Hotel- und Gaststättenverband, weiß um das Gaststättensterben auf dem Land. Hauptgrund sei die Schwierigkeit, Nachfolger für den Betrieb zu finden, wenn die Wirtsleute aus Altersgründen zurücktreten. Dann besteht meist auch noch ein Investitionsstau, denn oft wird wegen geringen Umsatzes auf niedriger Flamme gekocht. Hinzu kommen häufig altmodische gastronomische Konzepte. Allein mit Bier und Bauernfrühstück lockt man eine verwöhnte Klientel nicht mehr.

Akteure vor Ort können Kneipen wiederbeleben

„Mit dem Niedergang der Gaststätten stirbt eine Tradition, die ihren Anfang im 16. Jahrhundert nahm“, heißt es von der Vernetzungsstelle für ländliche Räume. Im Westen Deutschlands begann das Sterben der Dorfgasthäuser schon in den 1960er-Jahren, während in der DDR die Dorfgaststätten ihre Funktion als Treffpunkt behielten. Erst in den 1990er-Jahren ging auch im Osten eine Dorfkneipe nach der anderen ein. Als Grund für das Sterben wird die zunehmende Trennung von Arbeitsort, meist in der Stadt, und Wohnort, meist auf dem Dorf, genannt.

Außerdem bildeten Vereinsheime für die Dorfgasthäuser eine zunehmende Konkurrenz. Dabei sei für fast alle Dorfbewohner die Existenz der Dorfgaststätte wichtig, hat ein Student der Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde in seiner Masterarbeit festgestellt.

Die These der Arbeit kann optimistisch stimmen: Dorfgaststätten könnten wieder zu inspirierenden Orten werden, wenn die Dorfbewohner bereit seien, diese mitzugestalten. Dazu zählen auch langfristige Kooperationen mit lokalen Akteuren wie beispielsweise der Freiwilligen Feuerwehr. Und last but not least: Das Essen kann einfach, muss aber gut sein, fand der junge Wissenschaftler heraus.

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Kommentare (1)

Einzige wirklich Ursache für das Kneipensterben sind die Preise. In der DDR kostete das Glas Bier (0,25 Liter) 40 Pfennig. Heute kostet es etwa 2,50 €. Beim Getränkehandel bekommt man die gleich Menge in der Flasche an guten Tagen für 0,20 €. Den mehr als 10-fachen Preis will doch kein wirtschaftlich vernünftig denkender Marktteilnehmer mit begrenztem Budget noch bezahlen, nur dafür das ihm das Getränk eingefüllt und an den Tisch getragen wird. Bei einem Mindestlohn von 12 €/Std. kann ich mir gut 3 Glas Bier oder aber 15 Flaschen a 0,5 Liter kaufen. Jeder weiss warum das Bier in der Gaststätte so teuer ist. Es stecken zu viele die Nase mit rein. Allein die Bürokratie frisst viele Arbeitsstunden. Wer sich mal nur mit den unterschiedlichen Umsatz-Steuersätzen für Cafe, Capuccino oder Tee beschäftigt hat und dann noch am Tisch oder ToGo beschäftigt hat, weiss was das bedeutet. Inzwischen ist sie weg, die Kneipenkultur auf den Dörfern die ja auch zu allen Zeiten auch eine wichtige Kommunikationskultur war. In einigen gibt es noch so etwas wie eine neue Esskultur wo man sich an einem mit Blumen und Unkraut dekorierten Gericht ergötzt und dann wieder geht.