Brandenburgs Finanzministerin Katrin Lange (SPD)
Brandenburgs Finanzministerin Katrin Lange (SPD) Soeren Stache
Interview

„Die Abbestellung von Zügen ist der falsche Weg“

Warum Brandenburgs Finanzministerin Katrin Lange (SPD) es für einen schlechten Plan hält, im Land drei Nebenbahnen abzuschaffen, erklärt sie im Interview mit Benjamin Lassiwe.
Potsdam

Frau Lange, welche Bedeutung hat der Nahverkehr in einer ländlichen Region wie der Prignitz?

Eine zunehmende Bedeutung. Denn auch in den ländlichen Regionen stabilisieren sich die Einwohnerzahlen. Der Rückgang ist fast zum Erliegen gekommen, teilweise wachsen die Regionen wieder. Da kommt es auf ein gutes Verkehrsangebot an. Ich glaube, ein solches attraktives Angebot wird sich oftmals seine Nachfrage schaffen. Wir sollten den Nahverkehr daher stärker angebotsorientiert und weniger nachfrageorientiert organisieren. Natürlich erzielt eine Verbindung zwischen Pritzwalk und Meyenburg nicht die Passagierzahlen wie im Berliner Speckgürtel. Aber ein gut ausgebautes Verkehrsnetz soll ja gerade dazu beitragen, die verschiedenen Regionen unseres Landes miteinander zu verbinden.

 

Das heißt, eine Abbestellung von Bahnlinien wäre eigentlich der falsche Weg.

Ja, das ist der falsche Weg. Das passt nicht in die heutige Zeit, gerade wenn man über Themen wie die Verkehrswende, den Zusammenhalt im Land oder gleichwertige Lebensverhältnisse redet.

 

Es wird immer wieder argumentiert, dass Züge auf Nebenstrecken zu teuer sind. Was sagt da die Finanzministerin dazu?

Ja, es ist teurer als auf den voll ausgelasteten Hauptstrecken der Bahn. Aber es ist auch keine Kunst, den Nahverkehr wirtschaftlich zu betreiben, wo sehr viele Menschen leben – oder den Fernverkehr auf den ICE-Rennstrecken zwischen den Metropolen. Aber die Bahn ist ein integriertes System. Eine Schwächung der kleineren Strecken schwächt letztlich auch das gesamte System. Niemand fährt erst 25 Kilometer, um dann in den Zug zu steigen. Und was einmal weg ist, kommt selten wieder.

In der Uckermark gibt es die RB 63, die bislang nur im Probebetrieb von Eberswalde bis Templin fährt. Dort sind während des Probebetriebs angeblich nicht genügend Fahrgäste zusammengekommen. Deswegen soll die Strecke nun abbestellt werden...

Dabei darf man nicht vergessen, dass wir zwei schwierige Corona-Jahre hinter uns haben, in denen weniger Menschen mit der Bahn gefahren sind. Ich denke, da lohnt ein zweiter Blick. Der Landesnahverkehrsplan, der die Strecke nicht enthält, ist ja noch in der Diskussion. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Es heißt ja oft, dass der Zug im ländlichen Raum nicht an jeder Gießkanne halten kann. Das stimmt schon – aber Eberwalde und Templin sind keine Gießkannen, ebenso wenig wie Pritzwalk und Kyritz.

Ist es aus Ihrer Sicht denn finanzierbar, in den ländlichen Räumen ein angebotsorientiertes Verkehrsmodell zu machen?

Ich meine ja. Es geht da um die Regionalisierungsmittel des Bundes. 2012 hatten wir knapp 404 Millionen Euro Regionalisierungsmittel, 2022 sind es schon 484 Millionen Euro. Wenn mein Kollege Verkehrsminister Guido Beermann (CDU) nun mehr Mittel vom Bund fordert, kann ich ihn darin nur unterstützen. Da stehe ich an seiner Seite. Denn der steigende Finanzbedarf ist an sich ja ein gutes Zeichen: Es zeigt, dass die Attraktivität des Bahnverkehrs zunimmt. Die Bahn hat Zukunft – in ganz Brandenburg.

 

Für das bestehende Angebot wären also die nötigen Mittel vorhanden?

Das beraten wir gerade gründlich. Aber ich hoffe, dass es eine gute Lösung geben wird. Noch mal: Es darf keine Abkopplung der ländlichen Regionen geben – es wäre das falsche Signal in der heutigen Zeit.

 

Um das Thema noch etwas auf die größere Ebene zu heben: Man hat im Moment den Eindruck, Brandenburg ist besonders stark um eine Kooperation mit Berlin bemüht. Sie sind eine Politikerin aus dem Berlin fernen ländlichen Raum. Wie gucken Sie denn darauf?

Die intensivere Kooperation mit Berlin ist natürlich sehr vernünftig: Wir sind eine gemeinsame Hauptstadtregion. Aber es darf nicht der Eindruck einer einseitigen Konzentration auf das Berliner Umland entstehen – während im ländlichen Raum ein Rückbau stattfindet. Das Bahnnetz muss das ganze Land im Blick haben. Ich meine, die Zeiten des Rückbaus sind generell vorbei. Da ist der Bogen in der Vergangenheit sowieso überspannt worden.

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