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Lange Haft für Kindstod gefordert

Die Angeklagte Erna F. unterhält sich in Neuruppin im Gericht mit ihrem Anwalt Uwe Furmanek.
Die Angeklagte Erna F. unterhält sich in Neuruppin im Gericht mit ihrem Anwalt Uwe Furmanek.
Bernd Settnik

Der Indizienprozess gegen eine 74-jährige Frau, die vor 42 Jahren in Schwedt ihren acht Jahre alten Sohn ermordet haben soll, neigt sich dem Ende zu. Die Staatsanwältin fordert zehn Jahre Freiheitsstrafe für ein „fast perfektes Verbrechen“.

Erna F. hat „Hand an ihr eigenes Kind gelegt“. Das stand am Dienstag für Staatsanwältin Anette Bargenda fest. Demnach habe die heute 74-jährige Erna F. in der Nacht zum 5. November 1974 in ihrer Schwedter Wohnung ihren achtjährigen Sohn Mario mit Stadtgas (Brenngas) getötet. Bargenda beantragte wegen heimtückischen Mordes vor dem Landgericht Neuruppin eine Freiheitsstrafe von zehn Jahren. Für Erna F. gilt beim Strafmaß das DDR-Recht, das bei Mord von zehn Jahren bis lebenslang reichte.

„Es ist ein fast perfektes Verbrechen“, sagte Bargenda. Und hätte nicht 2009 ein anonymer Brief das Verfahren ins Rollen gebracht, wäre die Tat, wie von der Angeklagten geplant, im Sande verlaufen, so die Staatsanwältin. Erna F. hatte den Tod ihres Sohnes als Unfall dargestellt. Das hatte Rechtsmediziner Wolfgang Mattig unter anderem wegen der hohen Kohlenmonoxidkonzentration im Blut des Kindes ausgeschlossen. Auch ein technischer Defekt käme nicht in Betracht. „Es spricht alles für eine Tötung und dafür hatte nur die Angeklagte ein Motiv und die Gelegenheit“, so die Staatsanwältin. Der verhaltensauffällige Sohn sei der lebenslustigen Frau im Wege gewesen.

Mehrere Aspekte sprächen für die Schuld von Erna F., unter anderem die Aussage ihrer damals zwölfjährigen Tochter, die die Mutter schwer belastet hatte. So soll Mario in der Tatnacht allein im Kinderzimmer geschlafen haben, was bis dahin noch nie vorgekommen sei Die Mädchen dagegen hätten die Nacht im Schlafzimmer der Mutter verbracht bei geklapptem Fenster, was auch unüblich gewesen sei. Staatsanwältin Bargenda hielt die Tochter, die ein gestörtes Verhältnis zur Mutter hat, von der sie sich mit 14 Jahren zum Vater abgeschoben fühlte, für glaubwürdig.

Verteidiger bezweifelt Aussagen zum Tathergang

Anders der Verteidiger Uwe Furmanek.: „Die Zeugin hat gelogen und der Strafkammer einen falschen Eindruck vermittelt.“ An dem dreistündigen Plädoyer der Staatsanwältin hatte er einiges auszusetzen. Sie habe detailreich über den Gang der Ermittlungen und den Leumund der Angeklagten geredet, aber wenig zum Tathergang. Der könne sich nicht so ereignet haben, wie in der Anklage beschrieben. Ein Kind werde doch wach, wenn man es aus dem Bett hole und über ausströmendes Gas halte. „Das lässt sich ein Achtjähriger nicht gefallen. Das ist ohne Gewaltanwendung nicht möglich.“ Dafür gebe es aber keine Anhaltspunkte.

Auch Hinweise, dass der Junge zuvor betäubt worden war, gebe es nicht. „Es ist reine Spekulation. Es gibt weder einen plausiblen Tathergang, der nachweisbar ist noch ein Mordmotiv.“ Erna F. habe die normalen Probleme einer alleinerziehenden Mutter von drei Kindern gehabt. Für ihn reichten die Beweise für eine Verurteilung nicht aus. Er beantragte einen Freispruch. Die Entscheidung des Gerichts wird für den 13. Oktober erwartet.