Viele Kinder haben seelisch unter den Folgen der Corona-Politik gelitten.
Viele Kinder haben seelisch unter den Folgen der Corona-Politik gelitten. Thomas Trutschel
Ärztevertreter

Mehr Psychiater für Kinder und Jugendliche nötig

Nicht erst seit Corona fehlt es an Fachleuten, die sich um seelisch erkrankte Kinder und Jugendliche kümmern. Die Folgen der Pandemie-Politik haben das Problem massiv verschärft.
Eberswalde

In Deutschland fehlt es nach der Corona-Pandemie an niedergelassenen Fachärzten für Kinder- und Jugendpsychiatrie. „Die Uckermark ist größer als das Saarland und es gibt nur zwei Kinder- und Jugendpsychiater“, sagte der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters am Martin Gropius Krankenhaus in Eberswalde, Professor Hubertus Adam.

Zunahme an „sozialphobischen Reaktionen”

Auf Einladung des Mediziners findet dort in dieser Woche die Jahrestagung der „Bundesarbeitsgemeinschaft der leitenden Klinikärztinnen und -ärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie“ (BAG-KJPP) statt. Ihr gehören 170 Chefärztinnen und Chefärzte aus ganz Deutschland an.

Wie der Vorsitzende der BAG-KJPP, der Schleswiger Chefarzt Martin Jung sagte, erlebe man seit der Corona-Pandemie in ganz Deutschland eine Zunahme an „sozialphobischen Reaktionen“. „Viele Kinder und Jugendliche, die verlernt haben, zur Schule zu gehen, geraten in Krisensituationen, wenn sie nun in den Präsenzunterricht zurück müssen“, sagte Jung. „Wir beobachten auch einen großen Anstieg an Essstörungen deswegen.“

Ärztin rechnet mit welle chronischer psychischer Erkrankungen

Seine Stellvertreterin, die Winnender Chefärztin Marianne Klein, sagte, sie rechne damit, dass es in den nächsten zwei bis drei Jahren eine Welle chronischer psychischer Erkrankungen geben werde, die durch die Pandemie entstanden sei. „Hier brauchen wir die Unterstützung der Landespolitik“, sagte Klein. „Wir gehen davon aus, dass vor der Corona-Pandemie 18 bis 20 Prozent aller Kinder in Deutschland psychisch auffällig waren“, sagt Adam. Eine Studie aus Hamburg, die sogenannte Copsy-Studie, zeige nun, dass nach der Pandemie diese Zahl auf bis zu 30 Prozent ansteige. „Je niedriger das soziale Niveau, desto größer die psychische Not“, sagte der Eberswalder Chefarzt.

Auf Nachfrage begrüßte Adam die Ausbildung im Fach Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Medizinischen Hochschule Brandenburg (MHB). Er hoffe, dass auch die geplante Universitätsmedizin in Cottbus diesem Fach größere Aufmerksamkeit widmen werde. „Unser Problem in der Medizinerausbildung ist, dass wir ein kleines Randfach sind“, sagte Adam. „Dem Bedarf und der gesellschaftlichen Bedeutung nach ist die Kinder- und Jugendpsychiatrie in der Medizinerausbildung nicht hinreichend repräsentiert.“

Junge Patienten aus der Ukraine kommen hinzu

Unterdessen stehen die Kinder- und Jugendpsychiater bereits vor der nächsten Herausforderung. „Wir erleben auch bei uns in Eberswalde, dass allmählich die ersten Patienten aus der Ukraine vorstellig werden“, sagte Adam. Die Krankheitsbilder seien dabei unterschiedlich: „Es ist etwas Anderes, ob man rechtzeitig in Kiew abgereist ist, oder zu den Letzten gehört, die aus Mariupol herausgekommen sind.“ Klein zufolge profitierten die Kinder- und Jugendpsychiater dabei von den Erfahrungen, die in der Flüchtlingswelle von 2015 gemacht wurden.

„Damals wurden kurze Behandlungsprogramme für traumatisierte Kinder und Jugendliche entwickelt“, sagte Klein. Diese stünden nun auch in ukrainischer Sprache zur Verfügung. „Aber meistens brauchen die Kinder keine furchtbar langen stationären Aufenthalte“, sagte Klein. „Es geht um niederschwellige und rasche Hilfen.“

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