SKANDAL IN EBERSWALDE

Nach Vernachlässigung von Fünfjähriger Debatte über Meldepflicht

In Eberswalde soll eine Fünfjährige jahrelang ohne Tageslicht gelebt haben müssen. Der Fall löste eine politische Debatte aus. Derweil gibt es weiter keine Unterlagen von Jugendamt und Krankenhaus.
dpa
Nach der Inobhutnahme eines vernachlässigten Mädchens in Eberswalde debattieren die brandenburgischen Landtagsfrakti
Nach der Inobhutnahme eines vernachlässigten Mädchens in Eberswalde debattieren die brandenburgischen Landtagsfraktionen über eine Meldepflicht für Jugendämter bei Verdachtsfällen. Patrick Pleul
Der Vorfall in Eberswalde hat großes Medieninteresse erregt.
Der Vorfall in Eberswalde hat großes Medieninteresse erregt. Patrick Pleul
Eberswalde.

Nach der Inobhutnahme eines vernachlässigten Mädchens in Eberswalde debattieren die brandenburgischen Landtagsfraktionen über eine Meldepflicht für Jugendämter bei Verdachtsfällen. „Darüber müssen wir nachdenken”, sagte Grünen-Fraktionschefin Petra Budke am Dienstag in Potsdam. Außerdem sei zu prüfen, ob eine Pflicht für Vorsorgeuntersuchungen für Kinder zwischen zweieinhalb und dreieinhalb Jahren verfassungsrechtlich möglich sei.

Der SPD-Fraktionsvorsitzende Erik Stohn sah zunächst keinen Bedarf für eine Anzeigepflicht, sagte aber, darüber könne man nachdenken. Sein CDU-Kollege Jan Redmann betonte, das Kontrollsystem müsse auf allen Ebenen überprüft werden.

Das Jugendamt des Kreises Barnim hatte eine Fünfjährige im Dezember in Obhut genommen, nachdem eine Familienhilfe gerichtlich erwirkt worden war. Der Kreis sprach von Anzeichen von Unterernährung und Sprach- und Verhaltensauffälligkeiten. Das Jugendamt versuchte demnach seit 2017, der Familie zu helfen. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) überprüft derweil die Hintergründe des Falls.

Hat der Kreis Barnim rechtmäßig gehandelt?

„Wir sind in Kontakt mit dem Jugendamt und dem Krankenhaus, in dem das Kind war, können Näheres dazu aber im Moment nicht sagen”, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Dienstag. „Wir haben zur Zeit noch keine Akten des Jugendamtes.” Der Bericht des Krankenhauses liege der Behörde ebenfalls noch nicht vor.

Die Staatsanwaltschaft hatte ein Ermittlungsverfahren wegen des Vorwurfs der Misshandlung von Schutzbefohlenen gegen unbekannt eingeleitet. Der Landrat des Kreises, Daniel Kurth (SPD), hatte am Montag die Aufgabe des Jugendamts als schmale Gratwanderung bezeichnet. „Ich glaube, es ist hier – das muss man selbstkritisch eingestehen – vielleicht an manchen Stellen zu nachsichtig gehandelt worden.”

Auch das Potsdamer Jugendministerium möchte nähere Informationen über den Gesundheitszustand des Kindes erhalten. Das Ministerium wolle auch den Bericht der Klinik vom Dezember einsehen, in dem das Mädchen zur Behandlung gewesen sei, sagte Sprecherin Antje Grabley. Das Ressort hatte am Montag vom Jugendamt des zuständigen Landkreises Barnim eine Stellungnahme angefordert und will prüfen, ob der Kreis rechtmäßig gehandelt hat.

Empfehlung für Jugendämter

Eine Meldepflicht für die Jugendämter, dem Jugendministerium besondere Vorkommnisse zu melden, gibt es laut Ministerium nicht. Das Ressort empfiehlt den Ämtern aber, bei Anzeichen für Straftaten die Staatsanwaltschaft zu informieren.

Grünen-Fraktionschefin Budke sagte: „Ich denke, da hat es tatsächlich Versäumnisse gegeben.” Der AfD-Fraktionsvorsitzende Andreas Kalbitz zeigte sich offen für eine Meldepflicht der Jugendämter: „Das ist eine Sache, die sich ohne große Veränderung leicht umsetzen ließe.” Bei Vorsorgeuntersuchungen müsse aber zwischen dem Erziehungsrecht der Eltern und dem Kindeswohl abgewogen werden. Die Linksfraktionsvorsitzende Kathrin Dannenberg betonte: „Wir müssen die Strukturen vor Ort um das Kind herum stärken.”

Die „Märkische Oderzeitung” hatte berichtet, das Mädchen habe jahrelang kein Tageslicht gesehen und solle mindestens zwei Jahre auf sich allein gestellt gewesen sein. Der Landrat hatte dies nicht bestätigt und auf den ausstehenden Krankenhausbericht verwiesen.

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Eberswalde

Kommende Events in Eberswalde

zur Homepage