Schichtwechsel in der Schwedter Raffinerie: PCK-Angehörige verlassen über den Haupteingang ihren Arbeitsplatz. Ein L
Schichtwechsel in der Schwedter Raffinerie: PCK-Angehörige verlassen über den Haupteingang ihren Arbeitsplatz. Ein Lieferstopp von russischem Öl würde für alle große Auswirkungen haben. Eva Martina Weyer
Energiepolitik

Öl-Embargo bedroht PCK in Schwedt – das sagen die Menschen dort

Seit 1963 ist die Raffinerie das Herz von Schwedt. Nicht nur die Belegschaft macht sich deshalb große Sorgen, wie es weitergehen soll. Zudem könnte auch der Straßenbau bedroht sein.
Schwedt

Ein Öl-Embargo gegen Russland scheint so gut wie beschlossene Sache. Und wohl nirgendwo im Nordosten Deutschlands wird das mit so großer Spannung verfolgt wie in Schwedt, wo die Erdölleitung Freundschaft (Druschba) endet. In Schwedt herrscht Einigkeit: PCK ist das Herz der Stadt, und zwar seit 1963, als das erste Erdöl aus Russland eintraf. In der Raffinerie arbeiten rund 1200 Beschäftigte. Sie bangen um ihren Arbeitsplatz. Mindestens die gleiche Zahl an Arbeitskräften ist in Firmen tätig, die direkt vom PCK abhängen. Auch bei ihnen herrscht Zukunftsangst.

Wirtschaftsminister Habeck konnte Sorgen kaum besänftigen

Schwedts Bürgermeisterin Annekathrin Hoppe (SPD) hatte genau aus diesem Grund Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (B90/Grüne) eingeladen, doch bei seinem Besuch Anfang der Woche konnte dieser die Sorgen der Menschen kaum besänftigen. „Ich kann nicht mehr leise sein“, sagt Hoppe, die selbst drei Jahre in der Raffinerie gearbeitet hat. „PCK ist meine Herzensangelegenheit. Wir können uns mit dem Embargo nicht so sehr schädigen, dass die Konsequenzen für uns viel schlimmer sind als für Russland.“

Lesen Sie auch: AfD und Linke wollen Öl-Embargo-Ausnahmen für Ostdeutschland

Hoppe wertet Habecks Besuch und seine Aktivitäten zwar positiv. „Aber da sind noch viele Dinge ungeklärt, zum Beispiel die alternative Ölversorgung über Rostock und Danzig. Es geht vor allem um ausreichenden Ölmengen.“

Am Umbau der Raffinerie mit einem neuen Konzept besteht, auch vor dem Hintergrund des Klimawandels, kein Zweifel mehr. Acht Jahre hat Brandenburgs Wirtschaftschaftsminister Jörg Steinbach (SPD) dafür veranschlagt. Die Transformation wegen des Öl-Embargos nun bis zum Jahresende hinzukriegen, halten viele für unmöglich.

Wie wird es dem Straßenbau ergehen?

Katrin Wallura ist Geschäftsführerin der Apparate- und Wärmetauscher GmbH. Dort arbeiten 57 Beschäftigte und fünf Azubis. Bis zu 80 Prozent der Aufträge realisiert die Firma jedes Jahr für das PCK. Die Reparaturabteilung von Apparatebau ist sogar zu 100 Prozent vom Chemiewerk abhängig. „Wenn das von heute auf morgen wegfällt, ist das problematisch für uns“, sagt Wallura. Sie sorgt sich auch um die schlechte Öffentlichkeitswirkung für Schwedt und das PCK, wo sie doch gerade junge Ingenieure einstellen will. „Es nützt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken“, ist sie überzeugt. „Wir müssen eigene Strategien mit verschiedenen Szenarien entwickeln, damit wir überleben können.“

Mehr dazu: Radikale Klima-Aktivisten zeigen, wie sie die Pipeline zum PCK Schwedt blockieren

Einer, der die Entstehung der Schwedter Raffinerie schon am Reißbrett verfolgt hat, ist Siegfried Gipp. „Ich bin seit 1959 mit dem Erdöl verheiratet“, sagt der Doktor der Chemie und der Physik mit Augenzwinkern. Gipp ist überzeugt, dass ein Öl-Embargo Deutschland mehr schaden würde als Russland. „Ausgerechnet die Raffinerie, die Erdöl am umweltfreundlichsten verarbeitet, will man jetzt schädigen“, ist Gipp empört. „Außerdem kann keiner die in Schwedt hergestellten Produkte ersetzen. Da ist nicht nur Benzin und Diesel. 30 Prozent des deutschen Bitumens kommen aus Schwedt und Leuna. Wie ergeht es dann dem Straßenbau?“

Einige fürchten, dass ihr Lebenswerk zerstört wird

Siegfried Gipp gehört zur Aufbaugeneration des Erdölverarbeitungswerkes. Viele von ihnen sind im Seniorenverein PCK zusammengeschlossen. Nicht wenige befürchten, dass ihr Lebenswerk gegen die Wand gefahren wird.

Davor warnt auch Hans-Otto Gerlach, von 1991 an zehn Jahre Geschäftsführer der Raffinerie: „Es ist schmerzlich, dass eine Spitzenraffinerie wie PCK in Schwierigkeiten gerät, und zwar nicht, weil sie selber etwas falsch gemacht hat, sondern weil komplexe und unvorhersehbare Ereignisse eingetreten sind. Wenn Bundespolitiker jetzt versprechen, dass die Raffinerie ohne russisches Öl eine Zukunft hat, dann werden wir das auch einfordern“, so Gerlach, der auch im Kreistag sitzt.

Auch in der Unternehmervereinigung Uckermark rechnet man mit Engpässen. Präsident Ulrich Menter sagte nach Habecks Besuch: „Wir sind einerseits optimistisch, weil jede Veränderung auch Chancen birgt. Wir haben viele innovative Unternehmen, die sich auf die Transformation im PCK einstellen.“ Aber die Konsequenzen eines Öl-Embargos seien in vollem Umfang noch nicht absehbar. „Weil die Geschwindigkeit so hoch ist, gibt es auch Ängste. Bis Jahresende geht dieser Umbau sicherlich nicht“, denke Menter.

zur Homepage