300 GROßBOMBEN

Oranienburg gilt als gefährlichstes Pulverfass Deutschlands

Nirgendwo im Land gibt es so viele Großbomben mit gefährlichen chemischen Langzeitzündern im Boden wie in Oranienburg. Es gab bereits Selbstdetonationen gegeben, die Gefahr für die Einwohner nimmt ständig zu.
dpa
Eine entschärfte 250 Kilogramm Bombe hängt am Kranhaken.
Eine entschärfte 250 Kilogramm Bombe hängt am Kranhaken. Bernd Settnik
Diese Blindgänger amerikanischer Bauart wogen jeweils 500 Kilo. Sie waren in Oranienburg bei der Kampfmittelsuche in sechs Me
Diese Blindgänger amerikanischer Bauart wogen jeweils 500 Kilo. Sie waren in Oranienburg bei der Kampfmittelsuche in sechs Meter Tiefe gefunden worden. Julian Stähle
Eine der beiden entschärften Bomben wird mit einem Traktor in einen Lkw verladen.
Eine der beiden entschärften Bomben wird mit einem Traktor in einen Lkw verladen. Julian Stähle
Oranienburg.

Hunderte scharfe Weltkriegsbomben werden noch immer im Oranienburger Stadtgebiet vermutet. Die Landesregierung will die gefährlichen Blindgänger so schnell wie möglich beseitigen lassen. Im Rahmen eines bundesweit bisher einzigartigen Projekts wird die Suche nach gefährlichen Weltkriegsbomben in Oranienburg (Oberhavel) ausgeweitet. In den kommenden drei Jahren erhält der Kampfmittelbeseitigungsdienst (KMBD) mehr Kompetenzen und Personal, um die Blindgänger schneller aufzuspüren und zu entschärfen. „Keine Stadt in Deutschland ist so betroffen von Großbomben mit den besonders gefährlichen chemischen Langzeitzündern wie Oranienburg“, sagte Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) am Dienstag beim Projektstart in der „Modellregion Brandenburg“. „Es hat in Oranienburg bereits Selbstdetonationen gegeben und das Risiko steigt von Jahr zu Jahr.“

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke dankte der Bundesregierung, dass sie bis zur Hälfte der Kosten zur Beseitigung alliierter Munition übernehmen will. Bislang habe das Land mit mehr als 400 Millionen Euro seit der Wende die Hauptlast der Kampfmittelbeseitigung getragen. Nun werde sich der Bund bis 2021 mit 60 Millionen Euro an der Beseitigung von Kampfmitteln in Deutschland beteiligen, versprach Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD).

Bomben können jederzeit detonieren

Mehr als 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg würden noch knapp 300 dieser Großbomben im Stadtgebiet Oranienburg vermutet, die jederzeit detonieren könnten, warnte Schröter. „Wir wollen den Wettlauf mit der Zeit gewinnen.“ Seit 1991 wurden in Oranienburg bereits 207 Weltkriegsbomben entschärft.

„Wenn wir die Bomben nicht rechtzeitig finden und entschärfen können, werden sie im Boden hochgehen, das steht fest“, sagte Oranienburgs Bürgermeister Alexander Laesicke (parteilos). Besonders furchtbar wäre die Vorstellung, dass dann auch Menschenleben gefährdet sein könnten, warnte er.

Von Donnerstag an soll der KMBD als Sonderordnungsbehörde die Suche nach Kampfmitteln und die Freigabe von Grundstücken kontrollieren. Darüber hinaus darf die Stadt auch Gelände mit niedrigerer Gefahrenlage absuchen und kann dafür Geld vom Land erhalten. Der KMBD bekommt für die Erfüllung der Aufgaben 13 zusätzliche Stellen. „Wenn sich das Modellprojekt bewährt, werden wir es auf das ganze Land ausweiten“, versprach Schröter. Brandenburg sei als Hauptkriegsschauplatz am Ende des Zweiten Weltkrieg besonders mit Altmunition belastet.

Verletze bei plötzlicher Explosion im Jahr 1991

In Brandenburg waren im vergangenen Jahr rund 296 Tonnen Kampfmittel gefunden worden. Bis Ende November wurden neun Bomben entschärft und 73 gesprengt.

Allein in Oranienburg wird mit 300 Weltkriegsbomben gerechnet, von denen die meisten mit besonders unberechenbaren chemischen Langzeitzündern versehen sind. Experten rechnen damit, dass diese jederzeit ohne äußere Einwirkung detonieren können. Die Gefahr wächst, umso länger die Bomben im Boden liegen, weil die Bestandteile im Zünder, die die Explosion verhindern, spröde werden. Seit Ende der 1970er Jahre gab es in Oranienburg fünf solcher Selbstdetonationen.

Bei einer dieser Detonationen waren im Dezember 1991 ein 44-Jähriger Mann und ein 14-Jähriges Mädchen schwer verletz worden. Die Opfer hatten sich in ihren Gärten aufgehalten, als unter der gepflasterten Straße eine vermutlich aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Bombe amerikanischer Herkunft detonierte. Die Bombe war nach damaligen Ermittlungen mit eben jenem chemischen Langzeitzünder ausgestattet und hinterließ einen sechs Meter tiefen Krater mit einem Durchmesser von 10 Metern.

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