DDR-MOPEDS

Simson-Fahren ist „einfach ein Lebensgefühl und pure Leidenschaft”

Zu DDR-Zeiten von Simson gebaute Mopeds und Motorroller sind unverwüstlich und haben viele Fans. In Ostbrandenburg sind es die „Zweitaktpioniere“, gegründet von einer begeisterten Fahrerin.
dpa
Silke Gute, Begründerin des Klubs „Die Zweiradpioniere”, sitzt auf einem „Sperber” aus DDR-Zeiten
Silke Gute, Begründerin des Klubs „Die Zweiradpioniere”, sitzt auf einem „Sperber” aus DDR-Zeiten vom Hersteller Simson. Patrick Pleul
Zu DDR-Zeiten gebaute Mopeds und Motorroller sind offenbar unverwüstlich und haben viele Fans deutschlandweit. Unter ihne
Zu DDR-Zeiten gebaute Mopeds und Motorroller sind offenbar unverwüstlich und haben viele Fans deutschlandweit. Unter ihnen sind in Ostbrandenburg die „Zweitaktpioniere”, gegründet von einer begeisterten Fahrerin. Patrick Pleul
Silke Gute, Begründerin des Klubs „Die Zweiradpioniere” und ihr Mitstreiter Kay Bandte arbeiten an einem Mope
Silke Gute, Begründerin des Klubs „Die Zweiradpioniere” und ihr Mitstreiter Kay Bandte arbeiten an einem Moped „Spatz”. Patrick Pleul
Ersatzteile für die Simsons sind begehrt.
Ersatzteile für die Simsons sind begehrt. Patrick Pleul
Gehört in jede Simson-Werkstatt: die Benzin-Mischtabelle.
Gehört in jede Simson-Werkstatt: die Benzin-Mischtabelle. Patrick Pleul
Sauen ·

Wenn Silke Gute „Schwalbe“, „Sperber“ oder „Spatz“ aus der Scheune holt, entpuppt sie sich nicht etwa als Ornithologin. Vielmehr bekennt sich die Ergotherapeutin aus dem brandenburgischen Sauen (Oder-Spree) zu ihrer Leidenschaft für alte Zweitakt-Mopeds der DDR. Für die 46-Jährige ist nichts entspannender, als sich zum Feierabend den kirschroten Helm aufzusetzen, um auf einem ihrer fünf motorisierten Zweiräder mit knatterndem Geräusch eine Runde zu drehen. „Andere setzen sich aufs Pferd, um den Stress zu vergessen, ich steige aufs Moped“, beschreibt die Begründerin des Klubs „Die Zweiradpioniere“ ihre Gefühle.

Ihre Liebe zu den alten Maschinen, von denen 6,5 Millionen zu DDR-Zeiten in den damaligen Simson-Werken Suhl (Thüringen) sowie in den Industriewerken Ludwigsfelde (Brandenburg) gebaut worden waren, begann für die gebürtige Zwickauerin schon früh. Ihr Vater arbeitete im VEB Sachsenring Zwickau, wo zu DDR-Zeiten der Trabant produziert wurde, sie selbst jobbte in den Ferien in dem Werk. Und von den liebevoll „Rennpappe“ genannten Zweitakt-Autos war es für sie nicht weit zu motorisierten Zweirädern. „Ich wollte schon immer „Simson“ fahren, hatte aber nie Zeit dafür“, bekennt sie. Erst als der Sohn erwachsen war, stieg die selbstständige Ergotherapeutin vor sieben Jahren erstmals auf ein Moped. Ihre „Schwalbe“, Baujahr 1982, erstand sie auf einem Flohmarkt.

Damals lebte sie bereits seit einigen Jahren in Sauen und sah Nachbarn mit ähnlichen Mopeds durchs Dorf düsen. Schnell wurde ihre Scheune zum Treffpunkt. Zudem baute sie sich dort eine kleine Hobby-Werkstatt und tüftelte mit „Gleichgesinnten“, wie sie beschreibt. „Freitags wurde unser Stammtisch, auch Silvester feiern wir jedes Jahr zusammen und machen an den Wochenenden gemeinsame Touren, also gründeten wir 2015 den Klub.“ „Zweitaktpioniere“ sind derzeit 20 Mitglieder zwischen 15 und 60 Jahre alt. Dazu kommen laut Silke Gute rund 500 „Fans“, die über die sozialen Medien Kontakt halten.

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Mehr Fahrspaß als moderne Mopeds

Einer, der die Faszination für alte DDR-Mopeds absolut nachvollziehen kann, ist Detlef Pasenau. Der Kfz-Meister im Ruhestand führte seine „Simson“-Werkstatt in Frankfurt (Oder) noch bis 2005. Und er kam auch mit der Rente nicht von den Zweirädern los: Auf seinem Grundstück in Alt Zeschdorf (Märkisch-Oderland) präsentiert er 60 Mopeds und Roller in einem kleinen Museum. Darunter ist die komplette Typen-Palette aus den Simson-Werken bis zum Baujahr 1980. Die „alten Dinger“, wie er sie liebevoll nennt, würden einfach mehr Fahrspaß bieten, als neue gesamtdeutsche Mopeds. „Da kannst Du schalten und treten und mit bis zu 60, 70 Stundenkilometern losdüsen“ beschreibt Pasenau.

In der Regel seien es Männer, die bei einem Besuch in Alt Zeschdorf mit ihm ins Fachsimpeln geraten. Frauen wie Silke Gute seien in der „Szene“ eher selten, sagt Pasenau.

Mehrere Hundert Mopedklubs in Deutschland

Das kann auch Maren Katerbau bestätigen. Die Fotografin und Autorin hat für ihr im vergangenen Jahr erschienenes Buch „Zweitakt“ fünf Jahre lang recherchiert und Dutzende Mopedklubs deutschlandweit besucht. Mehrere Hundert gebe es in der Bundesrepublik, schätzt sie. „Die meisten finden sich natürlich im Osten, aber auch in Westdeutschland, beispielsweise rund um Stuttgart werden „Schwalbe“ und „Sperber“ als kultige Oldtimer verehrt.“

Die geballte Frauenpower – immerhin fünf der „Zweitaktpioniere“ sind weiblich – begegnete Katerbau nur in Sauen. „Aus meiner Erfahrung ist das eher eine Männerkultur in einer ganz eigenen Welt. Auch wenn die Fans der DDR-Zweitakter von Herkunft und sozialer Stellung unterschiedlicher nicht sein könnten, über die Maschinen entsteht so ein ganz eigenes Gemeinschaftsgefühl“, hat sie beobachtet.

Im Obergeschoss ihrer Schrauber-Scheune hat Silke Gute ein Gästezimmer speziell für Bikerinnen eingerichtet. „Das lief 2019 gut an, motorisierte Frauen, aber auch Radlerinnen auf der Durchreise, haben hier übernachtet – für eine Spende in Form einer Tankfüllung“, sagt die Wahl-Sauenerin. Aufgrund der Corona-Beschränkungen musste sie ihr Angebot einmal wieder einstellen.

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Schwalbe-Fahren als Lebensgefühl

Als „Schrauberin“ würde sich Silke Gute selbst nie bezeichnen. Könnte sie sich heute beruflich noch einmal entscheiden, würde sie eine Ausbildung zur Feinmechanikerin machen. „Ich kann einen Vergaser reinigen, aber da gehört nicht viel dazu. Da gibt es Fans mit weit mehr Ahnung“, sagte sie. Einer von ihnen ist „Zweitaktpionier“ Kay Bandte aus Briesen (Oder-Spree). „Wenn Du fahren willst, musst Du auch reparieren können“, sagt der 32-Jährige, der mit den Simson-Maschinen des Opas groß geworden ist. Gemeinsam mit ihm hat Gute im vergangenen Jahr eine professionelle Werkstatt für DDR-Zweitakter im benachbarten Pfaffendorf eröffnet.

„Da wurden wir förmlich überrannt. Wenn der Motor tropft oder das Nadellager hin ist, muss ein Profi ran. Und so eine Reparatur ist meist sehr aufwendig“, erzählt sie. Weil die DDR-Zweitakter nicht mehr hergestellt werden, seien die noch genutzten Maschinen wahre „Oldtimer“ und häufig reparaturbedürftig. „Schwalbe, Spatz oder Sperber sind inzwischen Kult und im Wert immens gestiegen. Sie zu fahren, ist einfach ein Lebensgefühl und pure Leidenschaft“, schwärmt Gute.

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