Corona-Krise

Telefon-Seelsorger klagen über steigende Aggressivität

In Brandenburg ist die kirchliche Telefonseelsorge in Corona-Zeiten stärker nachgefragt. Die Beobachtung der Ehrenamtlichen: Viele Anrufer verstehen die Situation nicht mehr.
Die Corona-Krise lässt zu Hause viele Probleme aufbrechen – eines der vielen Themen für die Ehrenamtlichen der
Die Corona-Krise lässt zu Hause viele Probleme aufbrechen – eines der vielen Themen für die Ehrenamtlichen der kirchlichen Telefon-Seelsorge (Symbolbild). Markus Scholz
Cottbus

Die junge Frau am Telefon hatte Selbstmordgedanken. Hanna Müller redete mit ihr, hörte ihr zu. Lange sprachen sie miteinander. Am Ende legte die junge Brandenburgerin den Hörer auf, im Frieden. Was aus ihr geworden ist, weiß Hanna Müller nicht. Die 58-Jährige Cottbuserin engagiert sich bei der kirchlichen Telefonseelsorge. Und die Anrufe dort sind ebenso wie die Beratung anonym. Selbst Hanna Müller darf gegenüber dem Nordkurier nicht ihren wahren Namen nennen.

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„Meine Kinder sind aus dem Haus, und da die Rente vor der Tür steht, wollte ich noch ein Ehrenamt übernehmen“, sagt die Cottbuserin. „Ich bin gesund, meine Kinder sind gesund, ich habe viel Grund zur Dankbarkeit – da möchte ich etwas von zurückgeben.“ Hanna Müller hat sich ein Jahr lang bei der Telefonseelsorge schulen lassen.

Oft belastenden Gespräche

Gesprächsführung, Seelsorge, aber auch viel Selbsterfahrung gehören zu den Ausbildungsinhalten. Jeden Monat übernimmt Hanna Müller drei Schichten von je vier Stunden am Seelsorgetelefon. Es steht an einem anonymen Ort, denn auch die Seelsorger sollen nach ihren Schichten die oft belastenden Gespräche hinter sich lassen können.

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„14 Stunden im Monat sollte man schon Zeit haben, die sollte man im Vorfeld einplanen“, sagt Corinna Preuß, die Leiterin der kirchlichen Telefonseelsorge in Cottbus. Denn die Ausbildung sei zeit- und arbeitsintensiv. „Wir bitten darum, dass die Menschen dann auch drei Jahre dabeibleiben – aber tatsächlich haben wir viele Ehrenamtliche, die schon seit mehr als 10 oder 15 Jahren, einige bereits seit 1993, als die kirchliche Telefonseelsorge in Brandenburg an den Start ging, mit von der Partie sind.“

Corona erschwert den Dienst der Ehrenamtlichen

Die Telefonseelsorge ist seit Jahren hoch nachgefragt. Die Corona-Krise allerdings hat den Dienst schwerer werden lassen. Im Frühjahr, beim ersten Lockdown, konnten nur dadurch sehr viel Gespräche mehr entgegen genommen, weil die Ehrenamtlichen zusätzliche Dienste übernommen haben, sagt Preuß. Sie habe großen Respekt vor diesem Engagement, denn auch die Ehrenamtlichen selbst seien durch die Einschränkungen betroffen.

„Wir merken auch, dass die Menschen am Telefon zum Teil aggressiver werden.“ Die Nerven lägen blank. „Die Menschen machen sich Sorgen um sich, um ihre Familie und um ihren Arbeitsplatz“, so Preuß. „Viele verstehen die Situation einfach nicht mehr.“ Dass die Gastronomie zusammenbreche, belaste Eigentümer und Beschäftigte. Ebenso sprechen die Ehrenamtlichen oft mit Eltern, deren Kinder wegen eines Corona-Falls in der Klasse nicht zur Schule gehen könnten.

„Wir können da sein für die Menschen“

„Da brechen dann zu Hause die Probleme auf.“ Was die Telefonseelsorge in solchen Fällen leisten kann? „Wir können da sein für die Menschen“, sagt Preuß. „Echt und mitfühlend, wertschätzend, verstehen wollend.“ Man wolle mit den Menschen darüber sprechen, was ihre Ängste auslöse, was sie verzweifeln lasse. „Durch das Reden, durch das darüber Sprechen wird dem Anrufenden die eigene Situation oft sehr viel klarer und es entlastet“, erläutert sie.

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Die Leiterin der Cottbuser Telefonseelsorge erinnert an einen alten Werbeslogan: „Aus Worten können Wege werden.“ Damals habe es ein Logo gegeben, das einen Telefonhörer zeigte, der sich als Brücke über eine Schlucht spannte. „Durch das Annehmen und Aushalten von emotionalen Momenten und Schwierigkeiten entstehen vielleicht neue Ideen, was man ändern kann und was es möglich ist, auszuhalten.“

Dabei ist die Telefonseelsorge als ökumenische Einrichtung offen und auch kostenlos für alle Anrufer. „Die christliche Nächstenliebe ist das Fundament unserer Arbeit“, sagt Preuß. „Wir sind für andere Menschen vorbehaltlos da, ohne zu schauen, welche Religion, welche Herkunft der Mensch hat – wir sehen den Menschen als Menschen, auf Augenhöhe, vorurteilsfrei.“

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Kommentare (6)

"“ Die Nerven lägen blank. „Die Menschen machen sich Sorgen um sich, um ihre Familie und um ihren Arbeitsplatz“, so Preuß."
Das sind auch die Menschen, die jetzt auf die Straße gehen und von der Politik und Presse und unseren kommentarschreibenden Kommentarlesern als Covidioten, Nazis und Verschwörungstheoretiker defarmiert werden.
Es würde Euch allen natürlich besser gefallen, diese Leute würden ihren Unmut und ihre Skepsis bei der Telefonseelsorge kund tun und alle machen ohne zu hinterfragen alles mit. So wie in einer echten Diktatur!
Und jetzt bitte wieder das ewige bashing mit den ewig gleichen Floskeln von links. Oder gleich die Kommentare löschen lieber NK. 🤣

Es ist doch echte Diktatur, noch nie anders gewesen seid der Wende, nur nicht mehr sozialistisch!!!!

...die demonstrieren sind Betroffene, ein großer Teil vielleicht schon, allerdings gibt es da auch genug, die eigene Interessen vertreten.

Aber was habt Ihr mit Eurer Diktatur? Einfach mal 1-1,5 Jahre die Backen zusammenkneifen. Eine deutsche Tugend war mal Disziplin, davon ist nicht mehr viel übrig geblieben, wird wahrscheinlich mit Obrigkeitshörigkeit gleichgesetzt.

veröffentlicht der Nordkurier, dass 11 Alte in einem Pflegeheim in Sachsen ins Krankenhaus gebracht wurden und weitere zahlreiche Menschen palliativ im Heim versorgt werden. Auch an Panikmache erkrankt?!

liegt doch wohl eher darin, dass ein großer Teil der Gesellschaft immer noch nicht gelernt hat, mit Ängsten und Unsicherheiten angemessen umzugehen. Im Mittelalter zog der Mob ins Judenviertel, um Feuer zu legen und so den vermeintlich ausgemachten Feind zu vernichten. Heute werden wahlweise Politiker, Wissenschaftler oder Bill Gates an den Pranger gestellt. Dabei hat sich an der Sache selbst überhaupt nichts geändert: "Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Meinung die wir über die Dinge haben" (weiß leider nicht von wem das ist) Und gerade weil Politiker genauso wenig perfekt und allwissend sind wie der Rest der Bevölkerung, braucht es Menschen vor Ort, die nicht nur meckern und auf Demos unsinnigerweise Viren verbreiten, sondern die bessere Ideen haben, diese Ideen mit anderen teilen und dann gemeinsam dafür sorgen dass es besser wird.
Wer allerdings keine besseren Ideen hat, als alles laufen zu lassen und jede Menge Tote halt in Kauf zu nehmen, der sollte sich nicht wundern, wenn ihn seine Mitmenschen als "Idiot" bezeichnen.

Ohne Verstand versteht man nicht, was andere meinen.

Euer Problem, nicht unseres.

Von mir aus kann da anrufen wer will und auch auf die Strasse gehen, wenn er mag. Wer glaubt, dass es dieselben seien, hat nichts verstanden. Am wenigsten diesen Zeitungsartikel.

Im Übrigen:

Danke an die Ehrenamtler, hier und überall 👍