Berufe unter der Lupe

Tiny-House zur eigenen Sattlerei umgebaut

Mit 23 hat die Uckermärkerin Laura Koppe schon ihre eigene Firma. Geplant war das nicht. Aber nach der Lehre hatte die Landesbeste partout niemand einstellen wollen.
Laura Koppe hat Technik und Material bei zwei Werkstattauflösungen erworben. Das ist ihr Startrüstzeug.
Laura Koppe hat Technik und Material bei zwei Werkstattauflösungen erworben. Das ist ihr Startrüstzeug. Claudia Marsal
Das neue Reich der jungen Sattlerin in der Prenzlauer Franz-Wienholz-Straße 21 ist acht Meter lang.
Das neue Reich der jungen Sattlerin in der Prenzlauer Franz-Wienholz-Straße 21 ist acht Meter lang. Claudia Marsal
An Werkzeug mangelt es offensichtlich nicht.
An Werkzeug mangelt es offensichtlich nicht. Claudia Marsal
Hier findet sie alles, was sie braucht.
Hier findet sie alles, was sie braucht. Claudia Marsal
Der ehemalige Wohnwagen ist zur Werkstatt umgerüstet worden.
Der ehemalige Wohnwagen ist zur Werkstatt umgerüstet worden. Claudia Marsal
Diese Sitzbank soll in den Firmentransporter rein.
Diese Sitzbank soll in den Firmentransporter rein. Claudia Marsal
Prenzlau

Wie cool ist das denn? Wenn Laura Koppe aus Prenzlau morgens zur Arbeit will, dann muss sie nur die Wohnungstür aufmachen und einmal quer über den Hof spazieren. Dort steht seit ein paar Monaten nämlich ein ausgemustertes Tiny-House. Also ein Wohncontainer, der lange Zeit einer Familie aus Polen als Behausung diente. Als er zum Verkauf stand, schlugen die Koppes zu. Sie erwarben die rollenden vier Wände, um daraus einen Ein-Mann-Betrieb für die Tochter zu machen.

Mehr lesen: Handwerk hat noch 29.000 Ausbildungsplätze zu vergeben

An die Ankunft des Kolosses erinnert sich die 23-Jährige noch genau. Für das acht Meter lange und drei Meter breite Unikum musste sogar ein Schwerlasttransporter her. Kurz nach der Ankunft begann Vater Burkhard Koppe dann mit seiner Laura den Umbau. „Wir haben alles rausgerissen, um Platz für Werkzeuge und Material zu schaffen. Wo einst Bett und Küche standen, sind jetzt Nähmaschinen und Lederballen zu finden“, erklärt die junge Frau. An das einstige Tiny-House erinnert eigentlich nur noch die Toilette. Denn auf ein WC wollte die neue Besitzerin auch am Arbeitsplatz nicht verzichten.

Erst schlug sie einen anderen Berufsweg ein

Seit November verdient Laura Koppe hier nun ihre Brötchen. Dabei hatte sie sich den Start in ihr Berufsleben ganz anders vorgestellt. Plan Nummer eins sah einst die Karriere als Hörgeräteakkustikerin vor. Doch schon während der Ausbildung merkte sie, dass ihre Vorstellungen wenig gemein hatten mit dem Alltag.

Also sattelte die Prenzlauerin um. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Sie sah sich nämlich nach einer Lehre als Sattlerin um. „Mein Papa hat mich ermutigt, weil ich schon als Kind gern genäht und gebastelt habe.“ Doch das Ganze war leichter gesagt als getan, erinnert sich die Uckermärkerin zurück. „Ich habe mir die Finger wund geschrieben mit Bewerbungen, aber niemand wollte mich haben.“

Siegerin im Landeswettbewerb

Der Job sei zu schwer für eine Frau, das habe sie immer wieder zu hören bekommen, erzählt die Kreisstädterin. Doch vor zwei Jahren klappte es endlich. Eine Firma in Neubrandenburg erklärte sich bereit, sie in die Handwerkskunst der Sattlerei einzuführen. Laura Koppe stürzte sich voller Eifer in die Arbeit und stellte sich sogar so gelehrig an, dass sie vorzeitig auslernen durfte.

Als Krönung holte sie im Oktober im Landeswettbewerb des Deutschen Handwerks den Siegertitel in ihrer Branche. Neben der Urkunde gab es einen fetten Zuschuss zur geplanten Meisterausbildung. Die nächste Etappe soll der Bundeswettbewerb sein. „Mal sehen, wann die sich melden“ – die frischgebackene Gesellin sieht dem Vergleich gelassen entgegen. Kein Wunder, schließlich hat sie den Kopf voll mit ihrer Selbstständigkeit.

Als Frau in der Branche keinen Job gefunden

Auch die eigene Firma hatte so schnell eigentlich noch gar nicht auf ihrer Agenda gestanden. „Aber nach der Lehre passierte mir dasselbe wie davor: Niemand wollte mich einstellen, weil ich weiblich bin.“ Nachdem sie sich wieder die Finger wund geschrieben hatte mit Bewerbungen, fiel über Nacht die Entscheidung, es selbst am Markt zu versuchen. „Ein paar Jahre Berufserfahrung wären mir zwar lieber gewesen. Aber was soll‘s, so bin ich eben ins kalte Wasser gesprungen.“

Wenn guter Rat teuer ist, kann sie jederzeit zu Altmeister Dieter Kolberg nach Bertikow kommen, das weiß die junge Frau: „Bei dem habe ich mal meine Motorradsitzbank machen lassen, der fand toll, dass ich in seine Branche gehe.“ Neben Fahrzeuginterieur will sie selbst sich auch um Zelte, Boote, Verdecke, Taschen und Möbel kümmern. „Ich bin breit aufgestellt und aktuell dabei, noch ein Firmenfahrzeug umzubauen, damit ich auch eine mobile Werkstatt habe.“

Weitere Texte zu unserer Serie "Berufe unter der Lupe" sind unter anderem:

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Prenzlau

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