BOMBENABWURFPLATZ IN DER PRIGNITZ

Vor zehn Jahren gewannen die Bombodrom-Gegner

Wo einst Sowjet-Kampfflugzeuge übten und schossen, wollte die Bundeswehr nach 1990 auch Tiefflüge trainieren. Dagegen bildete sich eine große Protestbewegung, die vor zehn Jahren Erfolg hatte. Nun wird an das „Bombodrom“-Aus erinnert.
dpa
Mit einem großen Aufkleber „Die Heide ist frei – 09.07.2009” haben Mitglieder der Bürgerinitiative Freie Heide ein Schild an der Kyritz-Ruppiner-Heide bei Wittstock überklebt.
Mit einem großen Aufkleber „Die Heide ist frei – 09.07.2009” haben Mitglieder der Bürgerinitiative Freie Heide ein Schild an der Kyritz-Ruppiner-Heide bei Wittstock überklebt. Uwe Tackmann
Der frühere Gefechtsbeobachtungspunkt auf dem Bombodrom-Gelände.
Der frühere Gefechtsbeobachtungspunkt auf dem Bombodrom-Gelände. Bernd Settnik
Eine Zielmarkierung und Bombentrichter sind beim Überflug des früheren Bombodrom Geländes bei Fretzdorf zu erkennen.
Eine Zielmarkierung und Bombentrichter sind beim Überflug des früheren Bombodrom Geländes bei Fretzdorf zu erkennen. Bernd Settnik
Waldweidenröschen blühen auf dem einstigen Bombodrom-Gelände.
Waldweidenröschen blühen auf dem einstigen Bombodrom-Gelände. Bernd Settnik
Der frühere Gefechtsbeobachtungspunkt auf dem Bombodrom-Gelände bei Fretzdorf.
Der frühere Gefechtsbeobachtungspunkt auf dem Bombodrom-Gelände bei Fretzdorf. Bernd Settnik
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Wittstock.

Der Eurofighter-Absturz an der Müritz und die Feuer bei Lübtheen in Mecklenburg treiben auch vielen Menschen am ehemaligen „Bombodrom“ bei Wittstock im Norden Brandenburgs Sorgenfalten auf die Stirn. In dem Zusammenhang wollen am 9. Juli die Begründer der jahrelangen Proteste gegen den geplanten Luft-Boden-Schießplatz an das Planungs-Aus vor 10 Jahren erinnern. „Wir haben scheinbar alles richtig gemacht damals“, sagt der langjährige Landrat Christian Gilde, der die Proteste der Initiativen „Freie Heide“ und „Freier Himmel“ mit angeschoben hatte. Die Region südlich der Müritz habe jetzt „einen Himmel, der keinen Lärm macht.“

So habe sich Tourismus langsam entwickeln können, aber Schlagbäume dominieren auf dem Gelände immer noch. Und im Brandfall würde das Löschen auf dem rund 12 000 Hektar großen Ex-Schießplatz auch kompliziert: Es liegt wie bei Lübtheen noch tonnenweise Munition im „Bombodrom“. „Das Beräumen ist eine Generationenaufgabe“, sind sich Gilde und Wittstocks Bürgermeister Jörg Gehrmann einig. Nach 1945 hatte die Rote Armee die dünn besiedelte Heide zwischen Neuruppin, Rheinsberg, Mirow und Wittstock besetzt. Jahrzehntelang trainierten Piloten Schießen und extreme Flugmanöver. Anwohner mussten Flug- und Panzerlärm ertragen, manche Geschosse verfehlten auch Ziele und schlugen in Gebäude ein.

Der Widerstand dauerte 17 Jahre

Es gab zudem mindestens einen Jagdflugzeugabsturz und fast 300 Panzer, die sich in der Region verfahren hatten. „Das mit dem Fluglärm wäre mit der Bundeswehr nicht anders geworden“, sagt Gilde. Der damalige Brandenburger Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) habe ihm den Tipp gegeben, dass die Bundeswehr das „Bombodrom“ übernehmen wollte. 17 Jahre dauerte der Widerstand, mehr als 100 Protestwanderungen gab es. Manchmal, aber zu selten, meint Gilde, war auch der damalige Potsdamer Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) da. Zeitweise waren die Osterwanderungen die größten in Deutschland.

 

 

Am 9. Juli 2009 war es dann soweit: Die Bundeswehr mit Minister Franz-Josef Jung (CSU) verzichtete auch angesichts gerichtlicher Niederlagen auf das „Bombodrom“. „Da haben wir in Schweinrich gefeiert, wo alles begann“, erinnert sich Gilde. Schilder erinnern in Mecklenburg und Brandenburg überall an dieses Datum.

Auf weiten Teilen des Geländes ist es immer noch zu gefährlich

Inzwischen ist zwar Einiges passiert, aber den meisten Anwohnern nicht genug. So ist die alte Straße zwischen Gadow und Gühlen-Glienicke immer noch gesperrt. „Keiner kann garantieren, dass Passanten von der Straße in das Umfeld gehen, und dort wird es gefährlich“, zeigt Gehrmann Verständnis für die Bundesbehörde, die für die Munitionsberäumung zuständig ist.

Etwa die Hälfte der Fläche – vor allem im Norden – gehört zu Wittstock, der Rest Rheinsberg, Neuruppin und anderen. Im Süden geht es am besten voran, wo die Sielmann-Stiftung rund 4000 Hektar zur Bewirtschaftung übernommen hat. Bei Pfalzheim wurde kürzlich der erste Aussichtsturm eröffnet, der weite Blicke in eine Idylle ermöglicht, in der die Stille Besucher besonders berührt. Statt lauter Triebwerke von Militärjets sind meist nur Pferdehufe und ihr Trappeln bei Kremserfahrten zu hören.

Die Heide wird von Jahr zu Jahr schöner

„Die Ansätze der Heide sind in diesem Jahr sehr gut. Ab Mitte August zeigen sich die ersten zartlila Blüten“, sagt Jörg Müller, der bei der Stiftung das Projekt Naturschutz und Technik betreut. „Nationales Naturerbe“ heißt das Vorhaben der Stiftung. Nach und nach werden Wege von Munition beräumt, Rastplätze werden angelegt. Jetzt stehen 14 Kilometer öffentliche Wanderwege und vier Rastplätze bereit. Rund 500 000 Euro Spendengelder gibt die Stiftung nach eigenen Angaben für die Betreuung der Fläche aus, um Besuchern grandiose Naturerlebnisse zu bieten.

Wie auf anderen Ex-Militärflächen ist dabei die Natur selbst der „Feind.“ So würde das Gelände bald zugewachsen sein, wenn man Bäumen und Sträuchern nicht Einhalt gebietet. Im Stiftungsgelände wird deshalb gezielt Feuer gelegt, um die Verholzung der Heide zu verhindern – allerdings in der kalten Jahreszeit.

Es soll bald ein Museum zum Thema Bombodrom geben

Eine Initiative aus Zempow im Norden des „Bombodroms“ kümmert sich unterdessen um die Historie des damaligen Widerstandes. Nach der Auflösung von „Freier Heide“ und „Freiem Himmel“ soll dort ein Museum entstehen, das an den friedlichen Bürgerprotest erinnert. Bis dahin können Gäste darüber mehr in der Kirche in Wittstock erfahren – dort gibt es eine Ausstellung darüber. „Solch ein Protest, der weitgehend ohne persönliche Verletzungen geblieben ist, wäre heute im Zeitalter von Facebook und Co. wohl nicht mehr möglich“, meint Gehrmann.

„Für uns war der Widerstand aus Mecklenburg damals sehr wichtig“, betont der Ex-Landrat. Rund um die Müritz ist nach 1990 wieder eines der gefragtesten Urlaubsgebiete entwickelt worden. Auch deshalb sehen es Kommunalpolitiker wie der Bürgermeister von Waren an der Müritz, Norbert Möller (SPD), es sehr kritisch, wenn Eurofighter oder Tornados über der Müritz wieder sehr tief fliegen.

Irgendwo müsse die Bundeswehr zwar üben, aber extreme Tiefflüge und riskante Manöver sollte nicht dort stattfinden, wo sich Tausende Urlauber erholen, meint Möller. Der jüngste Eurofighter-Absturz mit einem Toten bei Nossentiner Hütte hat viele Anwohner geschockt. „Wir sind nur knapp einer größeren Katastrophe entgangen“, sagt die Bürgermeisterin eines Dorfes, in dem Flugzeugteile auf etlichen Grundstücken und sogar neben der Kita gefunden wurden.

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