TROCKENE SOMMER

Wandern die Kraniche bald aus Brandenburg ab?

Gut ein Viertel der deutschen Brutpaare nistet in Brandenburg. In diesem Jahr gab es allerdings kaum Nachwuchs. Naturschützer befürchten ein Abwandern der größten europäischen Vogelart.
dpa
Viele der angestammten Kranich-Quartiere sind ausgetrocknet.
Viele der angestammten Kranich-Quartiere sind ausgetrocknet. Patrick Pleul
Criewen.

Beate Blahy und Eberhard Henne sind besorgt. Die beiden Naturschützer aus der Uckermark sind bekennende Kranichfans, engagiert in der Brandenburger AG Kranichschutz. Die anhaltende Trockenheit habe der größten europäischen Vogelart in diesem Jahr stark zugesetzt, beobachteten beide. Kraniche bevorzugen Nist- und Schlafplätze im flachen Wasser, um sich vor Feinden wie Fuchs, Wildschwein oder Marderhund zu schützen. Doch viele der angestammten Quartiere sind ausgetrocknet.

„Die Reproduktion der Tiere sinkt, weil das Wasser fehlt”, sagt Henne, der gerade von einer deutschlandweiten Kranichtagung zurück gekehrt ist und von einer ähnlichen Situation in Mecklenburg-Vorpommern berichtet. Weil die Bedingungen nicht stimmten, hätten viele Kraniche erst gar nicht gebrütet, die Gelege seien von anderen Tieren geplündert worden. „Auf 100 erwachsene Kraniche kommen normalerweise zehn Jungvögel. In diesem Jahr waren es nur zwei bis drei”, sagt Blahy.

Beide Naturschützer betreuen seit 2003 ein etwa 25 Quadratkilometer großes Monitoring-Gebiet in der Uckermark. Im vergangenen Jahr hätten dort 28 Kranich-Brutpaare noch 19 Küken groß gezogen, in diesem Jahr seien es noch fünf Jungvögel gewesen.

Kraniche könnten aus Brandenburg verschwinden

Sorgen macht sich auch Norbert Schneeweiss von der Naturschutzstation Rhinluch (Ostprignitz-Ruppin), die den größten Brandenburger Kranichrastplatz im Linumer Bruch betreut. Auch er bestätigt einen Brutrückgang bei den Schreitvögeln. „Überall fehlt das Wasser. Wir haben keine Reserven, die wir in das Teichland und vor allem auf die Rastflächen pumpen könnten”, sagt er.

Halte die Trockenheit als ein Zeichen des Klimawandels an, so könnte das beeindruckende Naturschauspiel von Tausenden rastenden Kranichen auf ihrem Zwischenstopp in Richtung Süden im Linumer Bruch bald der Vergangenheit angehören. „Die Vögel werden sich sichere Rastplätze an der Ostsee und in Niedersachsen suchen und damit aus Brandenburg abwandern”, befürchtet Schneeweiss.

Streit um wenige Brutplätze

Dieser Ansicht sind auch die Uckermärker Naturschützer. „Da wo es sich anbietet, muss das Wasser in der Landschaft gehalten werden, sonst sind wir die Vögel in Brandenburg irgendwann los, sollte sich die Trockenheit auch in den nächsten Jahren fortsetzen”, sagt Henne. Da es an natürlichen Überflutungsflächen fehle, blieben den Kranichen derzeit in der Uckermark nur wenige Rastplätze: Teichlandschaften und andere Flachwasser-Gewässer wie den Grimnitzsee, an dem es vor Jahren überhaupt keine Kraniche gab.

„Zahlenmäßig ist eine Verdrängung noch nicht spürbar. Für den bedeutendsten Rastplatz im Linumer Bruch aber habe ich große Bedenken”, meint der Kranichexperte. Und auch der Streit um die wenigen idealen Brutplätze werde die Population weiter sinken lassen, befürchtet er.

Vogelzug noch bis Mitte Oktober

Weniger dramatisch sieht es derzeit Dirk Treichel, Leiter der Nationalparkverwaltung Unteres Odertal (Uckermark). 50 Brutpaare gebe es im Nationalpark entlang der unteren Oder. Allein die acht Paare im zentralen Bereich haben seinen Angaben nach in diesem Jahr elf Jungvögel. Und auch der bedeutendste Rastplatz der Zugvögel im Norden des Parks am Staffelder Polders sei mit 2500 Kranichen bereits gut gefüllt. 1000 mehr seien es dort durchschnittlich, wenn sich die Tiere vor dem Abflug zum Überwintern in Spanien dort treffen. „Aber der Vogelzug hat erst begonnen, hält noch bis Mitte Oktober an.”

Ab dem 27. September veranstaltet die Nationalparkverwaltung wieder die bei Besuchern beliebte Kranichwoche mit täglichen Führungen zu den Rastplätzen. „Da sehe ich derzeit überhaupt keine Gefahr, dass unsere Gäste keine Kraniche zu Gesicht bekommen”, sagt Treichel.

Auswirkungen des Klimawandels nicht zu übersehen

Das Gebiet des Nationalparks inklusive des sogenannten polnischen Zwischenoderlands profitiert davon, dass trotz niedriger Wasserstände noch immer Flächen leicht überflutet sind. Doch auch der Ökologe Treichel kann die Auswirkungen des Klimawandels nicht übersehen. „Brandenburg ist davon deutschlandweit am stärksten betroffen. Die Landschaft sowie Flora und Fauna werden sich in den nächsten Jahren gravierend verändern, auch im Nationalpark.”

Die Auenlandschaft sei massiv vom Wasser abhängig, komme mit extremen Wechseln bisher aber gut klar. „Viele Arten, auch Kraniche, sind da sehr anpassungsfähig. Nach zwei Jahren Trockenheit Alarm zu schlagen, ist übertrieben”, meint Treichel. Wenn die Trockenheit aber in den nächsten Jahren anhalte, könnte es problematisch werden. Das muss auch er zugeben.

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