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Warum Kneipenchor-Sänger glücklicher sind

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Steffen Trumpf

Erst ein Schnaps, dann ein Chart-Hit: In Berlin liegt Chor-Gesang in der Kneipe voll im Trend. Ein Hobby für diejenigen, die Freunde suchen, schon immer mal auf der Bühne stehen wollten und gern durch Bars ziehen. Gesangstalent kann aber auch nicht schaden.

Während die letzte Sängerin auf die Fensterbank steigt, leeren die anderen die Sektflasche. Schnell wird noch eine Runde Schnaps gekippt, dann geht es los im randvollen „Süß war gestern“, einer Bar im Berliner Stadtteil Friedrichshain. Etwa 25 Stimmen heben sich über das Kneipenrauschen, sie singen „Diamonds“ von Rihanna, „Männer“ von Herbert Grönemeyer und den Dirty-Dancing-Soundtrack „Time of my life“.

Der Berliner Kneipenchor mag auf den ersten Blick an Karaoke erinnern. Musikalisch sei man aber durchaus ambitioniert, sagt Gründer Mathias Hielscher. Zusammen mit seinem Ex-Bandkollegen Nino Skrotzki aus dem 2010 aufgelösten Indiepop-Quartett Virginia Jetzt! hat er vor gut zwei Jahren den etwas anderen Chor gegründet. „Nino hat einen Chor in Berlin gesucht, aber nur Gospel-Chöre gefunden“, erzählt Hielscher. Da habe er ein paar E-Mails an Freunde geschrieben, von denen sich 15 schließlich zum Kneipenchor zusammenfanden.

Grönemeyers Tochter ist mit von der Partie

Heute hat die gemischte Gesangstruppe ungefähr 30 Mitglieder. Sie sind zwischen 19 und 45 Jahre alt, die meisten arbeiten in der Medienbranche, im Marketing oder sind Unternehmer. Einmal in der Woche treffen sie sich zum Proben, alle paar Monate gehen sie auf Kneipentour. Einige haben früher professionell gesungen, viele haben langjährige Chorerfahrung. Auch Herbert Grönemeyers Tochter Marie singt mit. Mittlerweile nimmt der Chor aber kaum noch neue Sänger auf, nur noch „richtig gute“ Soprane und Bässe hätten eine Chance.

Ungefähr 60 000 Menschen singen mittlerweile in 2000 Berliner Chören, schätzt Meiko Köhler vom Berliner Chorverband. Der Kneipenchor illustriere dabei einen Trend. „In den letzten drei bis vier Jahren haben sich viele kleinere Gruppen gegründet.“ Köhler erhält monatlich etwa 20 Anfragen von Leuten, die einen passenden Chor suchen, hinzu kämen Hunderte Treffer bei der Chorsuche auf der Homepage des Verbands.

Chöre für jeden sexuellen und politischen Geschmack

Bundesweit ist die Anzahl der Chöre allerdings rückläufig: Laut Zahlen des Deutschen Chorverbandes sangen 2011 ungefähr 1,4 Millionen Menschen gemeinsam, knapp 350 000 weniger als noch 2002. Aber in den vergangenen Jahren seien Chöre wieder stärker ins Bewusstsein der Menschen gedrungen, sagt der Musikwissenschaftler Gunter Kreutz von der Universität Oldenburg. „Bei der Suche nach Glück ist Singen wieder eine Ressource.“ Denn im Chor seien Menschen weder gelangweilt noch überfordert, sie verfielen in einen „Flow“, erläutert Kreutz. „Das ist ein Zustand tiefer Zufriedenheit.“ Dennoch werde diese Art der Freizeitgestaltung fast nur von Gutgebildeten wahrgenommen. „Akademiker sind stark überrepräsentiert“, sagt Kreutz, der 2012 in einer große Studie Chöre in Deutschland unter die Lupe genommen hat. Unter den Sängern fänden sich fünfmal so viele Promovierte wie im Bevölkerungsdurchschnitt.

Im Chor könne fast jeder Akademiker mittlerweile seinen eigenen Lebensstil wiederfinden.  So seien Schwulen- und Lesbenchöre mittlerweile genauso selbstverständlich wie politische Gesangsgruppen. „Viele Chöre haben fast familiäre Züge“, sagt Kreutz. Den Eindruck bekommt man auch beim Berliner Kneipenchor. Arm in Arm zieht die Gruppe zur nächsten Kneipe. Groß gerahmte Brillen, bunte Schals und bedruckte Stofftaschen wippen durch die Nacht.

Im Kneipenchor sängen eher extrovertierte Menschen mit einem „gewissen Sendungsbewusstsein“, sagt Mathias Hielscher. Der Hipster-Chor, ein neues Massenphänomen? Der Trend gehe eher in eine andere Richtung, sagt Meiko Köhler vom Chorverband: „Wir sehen immer mehr Seniorenchöre.“