Zugausfälle, Überfüllungen

Wieder Chaos im Bahn-Verkehr zwischen Berlin und Ostsee

Erneut haben Bahn-Reisende zwischen Berlin und den Ostsee-Zielen Rostock, Rügen und Usedom an diesem Wochenende mit überfüllten Zügen zu kämpfen. Dabei zeigt sich, dass die Bahn an den Problemen nicht ganz unschuldig ist.
Benjamin Lassiwe Benjamin Lassiwe
Ulrike Beckmann Ulrike Beckmann
Am Bahnhof Gesundbrunnen war der Zug Richtung Ostsee bereits überfüllt.
Am Bahnhof Gesundbrunnen war der Zug Richtung Ostsee bereits überfüllt. privat
Vor allem die Fahrradmitnahme gestaltet sich extrem problematisch - das Bild entstand am Sonnabendvormittag im RE3.
Vor allem die Fahrradmitnahme gestaltet sich extrem problematisch - das Bild entstand am Sonnabendvormittag im RE3. privat
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Berlin.

Das Unheil klingt blechern: Pünktlich um 10 Uhr 10 meldet sich an Gleis 10 des Berliner Bahnhofs Gesundbrunnen eine Frauenstimme per Lautsprecher. „Information zum RE3 nach Prenzlau über Eberswalde, Angermünde: Aufgrund einer Störung im Betriebsablauf fällt dieser Zug leider ersatzlos aus. Reisende nach Prenzlau benutzen bitte den RE3 nach Stralsund über Bernau, Eberswalde, Angermünde...“

Eigentlich soll der zusätzliche RE3 nach Prenzlau, der am Wochenende wenige Minuten hinter dem im Sommer meist vollen Zug zur Ostsee verkehrt, eine Entlastung sein. Brandenburger, die einfach nur nach Hause wollen, sollen nicht in das Chaos des Reiseverkehrs zu den Stränden von Rügen und Usedom geraten. Doch am Sonnabend ist dieser Zug ausgefallen.

Nicht nur Regionalzüge, auch Fernzüge überfüllt

Als wenige Minuten später der reguläre Regional-Express Richtung Ostsee einfährt, ist das Chaos, das sich in den vergangenen Wochen regelmäßig ereignet hatte, perfekt. Hunderte Ausflügler drängen mit Fahrrädern, Kinderwagen und Rollkoffern in den ohnehin schon überfüllten Zug. Fünf Minuten später steht der Zug immer noch am Bahnsteig. Drei Mädchen mit Fahrrädern versuchen, in letzter Minute einzusteigen. Sie wollen nur bis Bernau, und eigentlich ist schon längst kein Platz mehr in den fünf Doppelstockwaggons. „Na gut, bis Bernau könnt ihr noch rein“, sagt der Schaffner. „Aber wenn in Lichtenberg ein Kinderwagen kommt, müsst Ihr wieder raus. Eigentlich sind das hier ja die Plätze für Rollstuhlfahrer und Kinderwagen.“

Mit gut fünf Minuten Verspätung verlässt der Zug den Bahnhof – immerhin können hier noch alle Reisenden mitfahren. Doch ob das auf den 21 Unterwegs-Bahnhöfen so bleibt? Einige Minuten später schreibt die Bahn in ihrer App: „RE 3308 Bernau (b. Berlin) → Stralsund Hbf: Information. Hohes Fahrgastaufkommen. Keine Fahrradmitnahme möglich.“ Ähnliche Informationen finden sich bei fast allen Zügen, die am Sonnabend von Berlin Richtung Ostsee unterwegs sind. Nicht nur die Regionalzüge sind überfüllt, auch bei einigen Fernzügen warnte die Bahn, alle Plätze seien bereits reserviert. Auch am Freitag hatte unsere Redaktion bereits Berichte zu überfüllten Zügen erhalten.

Bahn sieht die Verantwortung beim Land

Am Donnerstag hatte die Bahn auf Nordkurier-Nachfrage eingeräumt, es sei „kein Einzelfall”, dass wegen überüfllter Züge auch Fahrgäste zurückblieben. Schuld daran sei aber das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern, das keine weiteren Züge bei der Bahn in Auftrag gebe.

Dass auch die Bahn einen Anteil an den Problemen hat, zeigt jedoch ein Zug von Berlin nach Stralsund, der für den Mittag angekündigt war: Er werde ausnahmsweise nur mit vier statt fünf Wagen und ohne Fahrradwagen verkehren, war in der App zu lesen. „Eine Mitnahme kann nicht garantiert werden”, hieß es dazu lapidar. Alltag an einem Sonnabend auf dem Weg zur Ostsee.

+++ Update: Wieder bleiben Fahrgäste zurück +++

Wie unsere Redaktion von Fahrgästen aus dem Zug genannten erfuhr, blieben auch dieses Mal wieder Fahrgäste an den Bahnhöfen auf der Strecke zurück, weil der Zug restlos überfüllt war. Probleme machte vor allem die Fahrradmitnahme: Die Fahrgäste berichteten von Wagons, in denen die Räder bis zur Decke gestapelt waren. Eine Familie, die eigentlich nur bis Prenzlau reisen und daher den Entlastungszug nehmen wollte, der dann aber ausfiel (siehe oben), berichtet, dass der Zug so überfüllt gewesen sei, dass ab Bernau keine Fahrräder mehr mitgenommen werden konnten. Auch Fahrgäste ohne Rad hätten es schwer gehabt, einen Platz zu finden. Als in Angermünde die ersten Fahrgäste mit Rädern aussteigen wollten, habe das große Sortieren begonnen. Schon vorher hätten die Fahrrad-Fahrgäste versucht, die Räder im Zug so zu organisieren, dass Fahrgäste, die zuerst aussteigen, ihre Fahrräder dicht am Ausgang abstellen bzw. ablegen konnten.

Immer wieder sei neu sortiert worden, zwischendurch weinende Kinder, Schlangen an den Toiletten und kaum ein Durchkommen - alle Treppenstufen waren besetzt, jeder noch so kleine freie Platz am Boden vereinnahmt. Durch die langen Zu- und Aussteigezeiten verlor der Zug von Bahnhof zu Bahnhof immer mehr Zeit.

Vor allem die Fahrradmitnahme gestaltet sich extrem problematisch - das Bild entstand am Sonnabendvormittag im RE3.

Nordkurier-Aktion: Melden Sie uns überfüllte Züge!

Weil weder die Bahn noch das Schweriner Verkehrsministerium eine Statistik darüber führen, wie oft die Züge überfüllt sind, bitten wir Sie um Ihre Mithilfe. Wenn Sie in den kommenden Tagen mit der Bahn zwischen Berlin und MV unterwegs sind, schreiben Sie uns, wie voll Ihr Zug ist! Sie erreichen unsere Redaktion per E-Mail an desk-online@nordkurier.de, auf Facebook, sowie auf Twitter. Sie können auch einfach mit dem Hashtag #zugvollmv twittern. Alle Infos zu der Aktion gibt’s hier.

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