MORDFALL IN TORGELOW

Leonie war laut Notarzt Stunden vor dem Notruf tot

Leonie (6) starb an schwersten Verletzungen, die ihr laut Anklage vom Stiefvater zugefügt wurden. Der Notarzt sagte jetzt vor Gericht über seinen Einsatz in der Todesnacht aus.
Gerald Bahr Gerald Bahr
Andreas Becker Andreas Becker
Der angeklagte David H. beharrt auf seiner Darstellung der Ereignisse.
Der angeklagte David H. beharrt auf seiner Darstellung der Ereignisse. Andreas Becker
Die erste Diagnose der Rettungskräfte ergab keine Vitalzeichen, keinen Puls, keine Atmung, dafür eine Schädelfr
Die erste Diagnose der Rettungskräfte ergab keine Vitalzeichen, keinen Puls, keine Atmung, dafür eine Schädelfraktur am Hinterkopf durch stumpfe Gewalt. Tilo Wallrodt
Neubrandenburg.

War die kleine Leonie (6) aus Torgelow noch am Leben, als am 12. Januar 2019 der Notruf gewählt wurde? Das ist eine zentrale Frage, über die am Mittwoch vor dem Landgericht gesprochen wurde. Leonies Stiefvater David H. ist angeklagt wegen Mordes durch Unterlassen und Misshandlung Schutzbefohlener in sieben Fällen. Er soll das Mädchen geschlagen und getreten haben, wirft ihm die Anklage vor. Zudem soll er nicht rechtzeitig Hilfe gerufen haben, um seine Tat zu verdecken, so die Staatsanwaltschaft.

Am Mittwoch, dem zweiten Prozesstag, sagte Notarzt Robert P. aus. Er war mit Sanitätern in der Todesnacht vor Ort. Eine zentrale Frage in dem Mordprozess ist Leonies Zustand zum Zeitpunkt des Notrufes und dem Moment, als die Rettungskräfte eintrafen. An der Darstellug der Geschehnisse von David H. gibt es erhebliche Zweifel, die durch die Aussage des Notarztes bekräftigt wurden.

Stiefvater war "schlechter Laiendarsteller"

P. und sein Team erhielten beim Notruf um 19:28 Uhr nur spärliche Angaben: „Treppensturz Kind”. Nur wenige Minuten Anfahrtsweg hätten die Rettungskräfte gehabt. „Ich persönlich stellte mich auf eine schwer, möglicherweise lebensgefährlich verletzte Person ein”, sagte P.

In der Wohnung des Hauses in Torgelow „lag das Mädchen halb zugedeckt. Auf den ersten Blick eine leblose Person”, schilderte P. seinen ersten Eindruck.

Die erste Diagnose der Rettungskräfte ergab keine Vitalzeichen, keinen Puls, keine Atmung, dafür eine Schädelfraktur am Hinterkopf durch stumpfe Gewalt. Die Mutter wirkte laut Notarzt P. völlig aufgelöst, als er ihr mitteilte, dass Leonie tot sei. In seinem Gedächtnisprotokoll beschrieb er den Stiefvater bei dieser Nachricht "als schlechten Laiendarsteller".

Leonie könnte bereits seit Stunden tot gewesen sein

Die Sanitäter begannen gleich mit der Wiederbelebung. „Bei der Herzdruckmassage war schon zu spüren, dass die linke Brustkorbhälfte instabil war”, erklärte der 33-Jährige. Das deute auf Rippenbrüche hin, die später bei dem Mädchen tatsächlich festgestellt wurden. Leonies Pupillen reagierten nicht mehr auf Licht. 47 Minuten lang versuchte Notarzt P. mit den Rettungssanitätern, die Sechsjährige wiederzubeleben.

„Wir haben nicht den Eindruck gehabt, dass das Kind erst kurz vor unserem Eintreffen gestorben war”, sagte der Notarzt auf Nachfrage von Richter Jochen Unterlöhner. Richter und Notarzt gingen die sichtbaren Verletzungen des Mädchens anhand von Bildern zusammen durch. „Sie haben aus meiner Sicht alles Mögliche getan, um Leonie zu retten”, so Unterlöhner. Seine wichtigste Frage: "Wie lange war das Kind tot, als Sie eintrafen?" Die Einschätzung des Notarztes: Das Kind könnte bereits seit Stunden tot gewesen sein. Er schloss „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit” aus, dass Leonie beim Notruf um 19:26 Uhr noch lebte.

Widerspruch zu Aussage von David H.

Der angeklagte Stiefvater beharrte in seiner Vernehmung jedoch darauf, dass Leonie noch lebte, als er den Notruf abgesetzt hatte. Auf der Aufzeichnung seines Anrufes, der am ersten Prozesstag vor Gericht abgespielt wurde, war ein weinendes Kind zu hören, dass David H. mit dem Namen Leonie ansprach. Zudem sagte David H. beim Nortruf, dass Leonie noch ansprechbar war. Die Aussage des Notarztes belastet den Stiefvater daher schwer.

Rettungssanitäter Martin B. unterstrich die Aussage des Notarztes. B. beschrieb Leonies Haut beim Eintreffen in der Wohnung als fahl, eher kühl. Auf die Frage von Richter Unterlöhner, ob auch er glaube, dass Leonie schon länger tot war zum Zeitpunkt des Notrufs, sagte der Rettungssanitäter kurz und klar "Ja". Ihre Gliedmaße hätten sich kalt angefühlt.

8 Minuten vergingen zwischen dem ersten Notruf (19:26 Uhr) und dem Eintreffen der Rettungskräfte (19:34 Uhr). "Ich halte es für hochwahrscheinlich, dass der Tod schon länger eingetreten ist", sagte der 37-Jährige, der seit acht Jahren Rettungssanitäter ist.

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Und auch B. bezeichnete, wie schon der Notarzt, das Verhalten von David H. an diesem Abend als "aufgesetzt". Trauer um den Tod des Mädchens habe er ihm nicht abgenommen. Tränen, emotionale Äußerungen habe der Rettungssanitäter nicht bei dem Stiefvater erkennen könne, nur bei der Mutter.

In der Todesnacht waren auch Leonies Bruder Noah und das gemeinsame Kind von H. mit Leonies Mutter Janine Z., Jonathan, anwesend in der Wohnung.

Als der Notruf am Mittwoch noch einmal im Gerichtssaal abgespielt wurde, verließ der leibliche Vater den Raum. „Verrecken sollst du”, sagte er noch zum Angeklagten.

 

 

 

 

 

 

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