In Neubrandenburg stellten Berater für Flüchtlinge ihre Arbeit vor und sprachen dabei zahlreiche Missstände im
In Neubrandenburg stellten Berater für Flüchtlinge ihre Arbeit vor und sprachen dabei zahlreiche Missstände im Landkreis an. Robin Peters
Die Integrationsbeauftragte der Landesregierung, Jana Michael, und der Sozialdezernent im Landkreis, Michael Löffler, bet
Die Integrationsbeauftragte der Landesregierung, Jana Michael, und der Sozialdezernent im Landkreis, Michael Löffler, beteiligten sich an der Diskussionsrunde. Robin Peters
Migration

„Ukrainische Flüchtlinge werden bevorzugt“ – Streit um Flüchtlinge an der Seenplatte

Lange Wege, wenig Geld und überhaupt Probleme an allen Enden. Ukrainer würden als Flüchtlinge bevorzugt. Die Kritik war groß beim Aktionstag der Migrationsberatung.
Seenplatte

Brauchen Flüchtlinge und Migranten im Alltag in neuer Umgebung einen Rat, dann gibt es für sie im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte nicht allzu viele Ansprechpartner. Knapp ein Dutzend Akteure, die sich in der Region um Aufnahme und Integration bemühen, nutzten jüngst den Aktionstag der Migrationsberatung im Bürgerhaus in Neubrandenburg, um ihrem Ärger über Unterbesetzung, Ungerechtigkeiten und eine wackelige Finanzierung ihrer Arbeit Luft zu machen.

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Kritik in vielen Bereichen

Stefan Semjank, Migration-Fachreferent des Diakonischen Werkes Mecklenburg-Vorpommern e.V., warnte vor einer Kürzung von Geldern für die Migrationsberatung für Erwachsene. So plane der Bund künftig 22 Millionen weniger für diese Zwecke als bisher auszugeben. Dabei würde eine gute Beratung zukünftigen Problemen, wie etwa Arbeitslosigkeit unter Zuwanderern, vorbeugen.

Semjank hatte an diesem Tag wenigstens auf Lösungsansätze für den Nahverkehr gehofft, damit Migranten nicht weiter stundenlange Fahrten mit dem löchrigen Nahverkehrssystem zu Behörden in der Mecklenburgischen Seenplatte auf sich nehmen müssen. Doch die konnte ihm der Sozialdezernent in der Kreisverwaltung, Michael Löffler (SPD), nicht liefern.

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Löffler räumte ein, dass die Ausländerbehörde außerhalb von Neubrandenburg schwer erreichbar sei. „Das ist eine Schwäche, die wir haben.“ Im Nahverkehr werde zwar ständig nachgebessert. Aber viel wollte der Dezernent nicht versprechen: „Wir werden nie eine optimale Lösung finden.“ Vereinzelt organisiere man zumindest Fahrdienste, etwa in Burg Stargard.

Medizinische Versorgung mangelhaft

Und auch für die von Marie Ortmann aus der Hochschule Neubrandenburg angesprochene, mangelhafte medizinische Versorgung von Flüchtlingen und Migranten hatte Löffler keine schnelle Lösung parat: „Beim Ärzte-Problem werden nur Löcher gestopft“, wusste er. Ortmann sprach insgesamt von einer „miserablen Migrationspolitik“.

Ständig müsse sie für Klienten Alternativen suchen, weil es keine Strukturen gebe. Das frustriere. „Der Job macht Spaß, aber auch betroffen und traurig.“ Samuel von Frommannshausen vom CJD stellte klar, dass insbesondere die Befristung von Projekten und Angeboten die Menschen aus dem Berufsfeld vertreibe. Die Fluktuation sei hoch. Es werde endlich eine auskömmliche, langfristige Finanzierung benötigt.

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„Ukrainische Flüchtlinge werden bevorzugt“

Joel Ilchmann vom Jugendmigrationsdienstes im Quartier der Awo Neubrandenburg-Ostvorpommern e.V. berichtete überdies, dass die Kapazitäten seines Projektes stark begrenzt seien. „Der ländliche Raum taucht gar nicht auf.“ Sylvia Holzapfel aus der Migrationsberatung des DRK Kreisverbandes Neubrandenburg e.V. kritisierte außerdem die Ungleichbehandlung von Geflüchteten.

Sie betreue 52 Ortskräfte aus Afghanistan, die an der Seenplatte untergebracht seien. Diese müssten sich mit mehr bürokratischen Hürden wie der Befristung von Aufenthalten und Ausweisen herumschlagen, als Zuwanderer aus der Ukraine. „Ukrainische Flüchtlinge werden bevorzugt“, so ihre Schlussfolgerung.

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Integrationsbeauftragte wünscht sich mehr Frauen in Spitzenpositionen

Die Integrationsbeauftragte der Landesregierung, Jana Michael, hob hingegen hervor, dass erst die Ukraine-Krise wieder Bewegung in die Migrationspolitik gebracht habe – nach Jahren des Strukturen-Rückbaus. Doch auch sie wünscht sich Besserungen. Mehr Frauen müssten in Spitzenpositionen vertreten sein, damit beispielsweise mehr auf die Versorgung von Schwangeren und Babys geachtet werde.

So seien zum Beispiel selten geeignete Betten beschafft worden. Auch Mecklenburg-Vorpommern müsse aus ihrer Sicht stärker als Einwanderungsland wahrgenommen werden, sich weltoffener und diverser präsentieren. Die Migrationsberatung brauche eine stärkere Lobby.

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Sozialdezernent Löffler konnte an diesem Tag immerhin die neue Integrationslotsin für den Landkreis vorstellen. Fortan soll Lilya Reschetnikowa für eine bessere Vernetzung auch zwischen den Beratungsangeboten und Behörden sorgen.

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