Sylvia Tschötschel ist Landärztin in Borrentin. Immer mittwochs impft sie bis mittags 100 Patienten – weil sie es sehr wichtig findet gegen eine „Katastrophe“ anzuimpfen. Silke Voß, dpa
Kritik am Impf-Management

Ärztin zweifelt wegen „Corona-Desaster” an ihrem Beruf

Eine Landärztin impft gegen das „deutsche Corona-Desaster“ an – notfalls auch verunfallt von zu Hause. Für die nächste Zeit sieht sie aber eher schwarz.
Borrentin

Sylvia Tschötschel ist so was wie eine Impfheldin: Mit bandagiertem Bein liegt sie verunfallt daheim und spritzt auch von dort. Eigentlich müsste überall geimpft werden, was das Zeug hält, denkt Sylvia Tschötschel. Das tut die Landärztin bereits seit Januar, seit sie mit dem mobilen Team unterwegs ist: in Ämtern, Altenheimen, Schulen, Turnhallen. Seit der Corona-Impfstoff auch in Praxen verfügbar ist, impft sie zusätzlich in ihrer Praxis in Borrentin – neben dem normalen Arztalltag mittwochs bis mittag rund 100 Patienten.

Ihrer Meinung nach lässt der Impfschutz bereits nach vier Monaten nach. „Zum Glück habe ich noch Unterstützung durch eine Kollegin“, ist sie erleichtert. Doch nach der habe sie Jahre lang gesucht. Hausärztemangel, viele Patienten, ohnehin eine Zeit der Infekte – die Belastung ist groß zurzeit. Der Einzugsbereich auch: vom Tollensetal bis Stavenhagen, früher waren das mal drei Bereiche, heute ist es einer.

Zum Arbeitsdruck kommt Frust. „Der Ton in der Praxis ist sehr aggressiv geworden. Impfgegner können wir gar nicht mehr erreichen.“ Fast nur Auffrischungen nehme sie vor, kaum Neuimpfungen.

Ungeimpfte sollten an Klinikkosten beteiligt werden

Eine Ursache in der Verweigerung sieht Sylvia Tschötschel in der „Infodemie“, der „ganzen Mist, der im Internet steht“. „Leute, die sich jährlich gegen Grippe impfen lassen lehnen plötzlich den Pieks gegen Corona ab!“ Mittlerweile fehle ihr für „diesen Egoismus“ das Verständnis. „Der größte Alptraum jedes Arztes ist die Triage, die Auswahl von Patienten für Leben oder Tod mangels Intensivbetten. Wie sage ich einem 80-jährigen, der nach Luft ringt, dass ich ihn sterben lassen muss zugunsten eines 40-jährigen Ungeimpften, nur weil er eben alt ist?“ Sylvia Tschötschel unterstütze daher die Forderung von Kassenärzten, schwer erkrankte Ungeimpfte an den Klinikkosten zu beteiligen. Drohende Szenarien wie eine Triage lassen Sylvia Tschötschel, die ihren Beruf eigentlich mit Leidenschaft ausübt, schon überlegen, diesen aufzugeben.

Neben der „Infodemie“ sieht die Ärztin eine Ursache für das „deutsche Desaster“ auch in der „katastrophalen Impfkampagne“. „Das begann mit der Priorisierung von Impfärzten, zunächst durften nur sie impfen. Zum anderen wurde Astra Zeneca fälschlich an junge Leute vergeben. Verständlicherweise haben Unverträglichkeiten bis schwere Nebenwirkungen das Vertrauen in die Impfung geschwächt.“

Schwere Verläufe vor allem bei Nichtgeimpften

Astra Zeneca hätten ältere Menschen dagegen aus medizinischen Gründen gut weggesteckt. „Dass wir den Impfstoff so schnell haben, ist ein Segen. Mit mRNA wird schließlich schon seit Jahrzehnten geforscht.“ Besorgt schaut sie auf die Statistiken und findet es erschreckend, wie niedrig die Impfquote in Mecklenburg-Vorpommern ist. Natürlich seien auch in Dänemark die Inzidenzen trotz hoher Impfrate wieder hoch, doch dort seien weit nicht so viele Tote zu beklagen.

Tschötschel geht es um die schweren Verläufe, die größtenteils auf Nichtschutz zurückzuführen seien – und um die Opfer. „100.000 Tote deutschlandweit bisher durch Corona – was muss noch passieren?“

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