JARMENER MÜHLE

Bürgerinitiative konzentriert sich auf Mühlen-Neubau

Die Hoffnung, das Werk am Peeneufer zu retten, scheint selbst bei der BI „Rettet die Jarmener Mühle” nur noch gering. Dennoch kann auch die Bundeskanzlerin noch einmal Post zu dem Thema erwarten.
Eine Region macht mobil: Auch an den Schaufenstern des Greifswalder Fahrradgeschäfts Stark hängen inzwischen Protest
Eine Region macht mobil: Auch an den Schaufenstern des Greifswalder Fahrradgeschäfts Stark hängen inzwischen Protestplakate vom Kampf um den Erhalt des Mühlenstandortes Jarmen. Gudrun Stark
Jarmen.

Die GoodMills-Gruppe wird ihre für Ende September terminierten Schließungspläne für die letzte Industriemühle Mecklenburg-Vorpommerns in Jarmen unbeirrt durchziehen. Und sich weder von Engagement und Widerstand vor Ort sowie den landesweiten Protesten noch von etwaigen neuen Argumenten im Rahmen der Corona-Krise aufhalten lassen. Diese für alle Mitstreiter ernüchternde Bilanz zog die Bürgerinitiative „Rettet die Jarmener Mühle“ bei ihrer ersten öffentlichen Veranstaltung seit gut zwei Monaten. Die ging diesmal wegen der behördlichen Abstandsgebote im Kulturzentrum der Stadt über die Bühne.

Doch den Kopf in den Sand oder passenderweise ins Mehl stecken wollen die Aktivisten trotzdem nicht, sondern sich nun mit aller Kraft für einen neuen Produktionsstandort im Ort mit anderen Betreibern starkmachen. Darüber hinaus geht es um ein Nachnutzungskonzept für das die Hafensilhouette prägende alte Werk, sprich, das Verhindern einer Industrie-Ruine.

Belegschaft wandert schon ab

„Wir sollten die Kraft darauf verwenden, was machbar ist“, erklärte BI-Mitglied und Stadtvertreter Harry Erdmann (Linke). Wohl wissend, dass GoodMills bereits den Ausbau und die Verlagerung erster Bestandteile des Maschinenparks plant. So einiges von der in Jarmen stehenden Spezialtechnik ließe sich nämlich gut an anderen Standorten des europaweit agierenden Konzerns verwenden, wie der Deutschland-Geschäftsführer Christoph Klöpper bereits im Herbst 2019 gegenüber dem Nordkurier erläutert hatte.

Auch der Exodus in der Belegschaft hat bereits begonnen, selbst wenn die wegen des erhöhten Mehlbedarfs durch die Folgen der Corona-Pandemie dieses Frühjahr deutlich mehr arbeitete als sonst um diese Jahreszeit. Ende April erhielten alle Angestellten ihre Kündigung, und nach Informationen des Nordkurier haben sich drei junge Mitarbeiter inzwischen einen neuen Job gesucht. „So einen Konzern wie GoodMills werden wir nicht in die Knie zwingen“, so das Fazit von Erdmann. „Wir können im Vergleich dazu nur kleine Pflöcke einschlagen.“

Verantwortungsloses Geschäftsgebaren?

Doch auch die könnten diesem Riesen am Ende und langfristig weh tun, auf alle Fälle aber kräftig an seiner Glaubwürdigkeit hinsichtlich der eigenen Nachhaltigkeits-Devisen kratzen. Zumal die Jarmener wohl vorerst nicht aufhören werden, das Geschäftsgebaren der Gruppe öffentlichkeitswirksam zu brandmarken, das sie als völlig verantwortungslos gegenüber Stadt, Staat und Gesellschaft ansehen, schon alleine aus Klimaschutz-Gründen. Ruhe geben will die BI da jedenfalls nicht, genauso wenig wie bei ihren Bestrebungen, die Landes- und Bundespolitik in die Verantwortung zu nehmen.

So ist beispielsweise aus der im März vorm Schweriner Schloss an den Landtag übergebenen Unterschriftenliste, mit der gut 11.000 Unterzeichner den Erhalt und die Förderung regionaler Wirtschaftskreisläufe fordern, jetzt sogar eine offizielle Petition geworden. Sprich, der Petitionsausschuss des Landtages befasst sich damit, sodass die Regierung auch von dieser Seite Erklärungsbedarf erfährt. Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel soll erneut auf den Fall Jarmen und seine Folgen hingewiesen und damit zur Unterstützung genötigt werden: Ein entsprechender Brief gehe noch im Mai nach Berlin, inklusive einer Einladung zu einem Lokaltermin, so die BI.

Krise zeigt Vorteile der regionalen Kreisläufe

Bereits unterwegs ist derweil ein weiteres Schreiben an den Landesinnungsverband des Bäcker- und Konditoreihandwerks, den die Mühlen-BI als natürlichen Verbündeten ansieht. Und mit dessen Obermeistern das Thema schon im März einmal diskutiert wurde. Denn vor allem die kleinen Handwerksbetriebe hierzulande müssten sich mit dem Aus der Müllerei in Vorpommern auf Einschnitte bei der Belieferungspalette und dem Service einstellen, so die Voraussage der Jarmener Experten. Mancher Bäcker wisse noch gar nicht, was da auf ihn zukomme. „Wir brauchen da auch den Druck vom Bäckerhandwerk und den Bauern auf die Politik“, lautete eine Mahnung bei der jüngsten BI-Runde. Einschließlich der Bereitschaft, nach einer Schließung bei einem späteren Neustart dem regionalen Mehlproduzenten die Treue zu halten.

Finanziell sieht sich die BI momentan gut aufgestellt angesichts breiter Unterstützung von Bürgern, Institutionen und Firmen. Denn aus Spenden und anderen Einnahmen sind mittlerweile mehr als 3100 Euro zusammengekommen. Nicht mal die Hälfte davon ist schon ausgegeben, vor allem für Plakate, Flyer, Protestbanner und Büromaterial. Alleine von der Jarmener „Apotheke zu den drei Rosen“ bekamen die Aktivisten jetzt noch einmal 700 Euro obenauf – der aufgerundete Erlös der jüngsten Kunden-Kalender-Aktion. „In der Krise zeigt sich, dass die regionalen Produktionskreisläufe besser funktionieren als die globalen, und wie wichtig sie damit sind“, erklärte Inhaber Andreas Portugal. Was nicht nur für die Müllerei gelte, wie der Pharmazeut mit Blick auf seine eigene Branche betonte. Von daher genieße das Anliegen der BI seine vollste Unterstützung.

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