Trauertuch

Demmin setzt 1000 Kreuze gegen das Vergessen

Mit einem riesigen Tuch wird in der Demminer Kirche St. Bartholomaei jetzt dauerhaft an das Schicksal der Stadt in den Wirren des Zweiten Weltkriegs erinnert.
Rund elf Meter ist das Demminer Trauertuch lang. Am unteren Ende gibt es noch keinen Abschluss. Pastor Karsten Wolkenhauer rec
Rund elf Meter ist das Demminer Trauertuch lang. Am unteren Ende gibt es noch keinen Abschluss. Pastor Karsten Wolkenhauer rechnet damit, dass weitere Flicken dazu kommen. Karsten Riemer
Demmin

Auch 75 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs bestimmen am 8. Mai Trauer und Andacht die Welt der Demminer. Tausende sind in den Wirren der letzten Kriegstage ums Leben kommen. Die Stadt stand in Flammen. Alljährlich sind die Opfer dieser Zeit zumindest für einen Tag wieder allgegenwärtig im Gedächtnis der Hansestadt. Ein warmes Flackern von Tausend Kerzen symbolisierte das jedes Jahr in der Evangelischen Kirche St. Bartholomaei. Doch das einstige Lichtermeer wird künftig durch farbige Kreuze ersetzt. Handgearbeitet und auf Stoff genäht, bilden sie das Demminer Trauertuch, welches am Freitag um 16 Uhr offiziell bei einem Gedenkgottesdienst enthüllt wird.

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Gut elf Meter ist dieses Stück Kunsthandwerk lang und lässt den Betrachter daneben winzig wirken. „Je nach Zählung sind darauf über 1000 Kreuze“, so Pastor Karsten Wolkenhauer. Und in der Tat ist es kunsttypisch nicht immer ganz einfach zu verorten, wo welches Kreuz seinen Ursprung und sein Ende hat. Auch ein Fragezeichen findet sich darunter, versteckt auf einem der insgesamt 22 Quadrate, aus denen das Tuch derzeit besteht. „Das ist hoch symbolisch aufgeladen“, freut sich Wolkenhauer. Da bildet auch die Wahl der Stoffe keine Ausnahme. So ist zumindest bei einem Kreuz klar, dass es aus einem Stück eines alten Soldatenmantels hergestellt wurde.

Einige Tuchteile aus großer Ferne zugesandt

Wie immens die Anteilnahme an der Demminer Tragödie ist, zeigt sich jedoch nicht nur in der schieren Größe des Tuchs. Vielmehr ist es die Beteiligung an der Handarbeit selbst, die dem Trauertuch seinen Wert verleiht. Denn nicht etwa eine einzelne Person steckt dahinter. Die separaten Flicken, die in den vergangenen Tagen aneinandergefügt wurden, sind das Werk vieler Hände. So haben sich unter anderem Schulen und Kirchgemeinden an der Realisierung der Idee beteiligt. Selbst aus Ribe in Dänemark sind Flicken in die Hansestadt gekommen.

Unter den Einsendungen finden sich zudem Stücke von Menschen, deren Leben erst durch die Gewalt der letzten Kriegstage begann. Kinder sowjetischer Soldaten, die zumeist nicht gewollt waren. So hat das Netzwerk „Distelblüten – Russenkinder in Deutschland“ vier Tücher zum Gesamtprojekt beigesteuert. Die Gestaltung ist bewegend und den Distelblüten ist es ein Bedürfnis, daran mitzuwirken, heißt es in einer beigefügten Grußbotschaft.

Von fertig kann noch keine Rede sein

Dass die Botschaft hinter dem Tuch für die Öffentlichkeit sichtbar wird, stand in den vergangenen Wochen allerdings unter keinem guten Stern. So waren beispielsweise Näharbeiten in größeren Gruppen durch die Corona-Krise nicht mehr möglich. „Wir haben nicht damit gerechnet, dass es fertig wird“, sagt Wolkenhauer. Doch die Berichterstattung über das ambitionierte Stück Handarbeit habe dem ganzen noch mal neuen Schwung verliehen. Nach und nach kamen weitere Näharbeiten hinzu.

Von einem Abschluss kann indes keine Rede sein. „Zwei Felder liegen noch“, so der Pastor. Und auch wenn weitere Kreuze ihren Weg nach Demmin finden, sollen sie auf dem Tuch berücksichtigt werden. „Um die genaue Zahl ging es nie“, sagt er. Das Trauertuch wäre als dauerhaftes Symbol gedacht. So wird es auch nach dem 8. Mai die Kirche schmücken, wachsen und vor allem an die Vergangenheit der Stadt und das Schicksal der Menschen erinnern.

 

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