Klaus Schmidt hat viele Projekte zu betreuen. Dass er die Beratungsstelle schließen muss, tut ihm leid.
Klaus Schmidt hat viele Projekte zu betreuen. Dass er die Beratungsstelle schließen muss, tut ihm leid. Kai Horstmann
Beratungsstelle für Betroffene häuslicher Gewalt der Arbeiterwohlfahrt (AWO) schließt zum 31. Dezember.
Beratungsstelle für Betroffene häuslicher Gewalt der Arbeiterwohlfahrt (AWO) schließt zum 31. Dezember. Kai Horstmann
Gewalt gegen Frauen

Demminer Beratungsstelle gegen häusliche Gewalt gibt auf

Am Jahrestag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen wird bekannt, dass die Awo in Demmin ihre Beratungsstelle schließen will. Dafür gebe es gleich mehrere Gründe.
Demmin

Zahlreiche Frauen sehen sich im Alltag Gewalt ausgesetzt – körperlich, psychisch und sexuell. Vergewaltigungen belasten Betroffene meist ein Leben lang. Um auf solche Schicksale aufmerksam zu machen und die Fälle häuslicher Gewalt zu verringern, wurde 1999 der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen und Mädchen eingeführt – und auf den 25. November gelegt.

Da passt es gar nicht ins Bild, dass die Beratungsstelle für häusliche Gewalt in Demmin vor dem Aus steht, wie Klaus Schmidt, Hauptamtlicher Vorstand des Awo-Regionalverbandes Demmin, mitteilte. Die Beratungsstelle ist neben der Hansestadt auch für Altentreptow, Stavenhagen, Malchin und Dargun zuständig und soll schon zum Ende des Jahres geschlossen werden.

„Jetzt ist ein Punkt erreicht, wo es aus finanziellen Gründen nicht weitergeht“

Dabei hat die Beratungsstelle eine Reihe von Erfolgen vorzuweisen. Eine Frau war regelmäßig den Schlägen ihres Ehemann ausgesetzt. Es passierte in einer scheinbar heilen Welt, in der Mitmenschen und Nachbarn die Gewalt nicht für möglich gehalten haben. Die beiden Mitarbeiterinnen der Awo-Beratungsstelle verwiesen den Mann in seine Schranken, die Frau konnte ein neues, gewaltfreies Leben beginnen.

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Das Aus für die Beratungsstelle wirkt vor diesem Hintergrund umso unverständlicher. „Mir tut es ja selber leid, dass wir die Beratungsstelle schließen müssen. Aber es gibt gleich mehrere Gründe, warum wir nicht weitermachen können“, schildert Klaus Schmidt. „Schon seit der Eröffnung vor fünf Jahren bemängelten wir immer wieder die finanzielle Ausstattung. Jetzt ist ein Punkt erreicht, wo es aus finanziellen Gründen nicht weitergeht.“

Ziel der Landesregierung sei es, ein Netz an Beratungsstellen in MV aufzubauen, so Schmidt. Diese werden durch Landesmittel finanziert, leider nicht im ausreichendem Maße. So durften laut den Landesvorschriften die Mitarbeiter nur nach einer vorgeschriebenen Vergütungsgruppe bezahlt werden. „Doch das Gehalt für solch eine Fachkraft ist einfach zu gering. Hinzu kommt ein unzureichender Inflationsausgleich für Sach- und Personalkosten. Der Eigenanteil, den wir als Träger der Beratungsstelle zu tragen haben, wurde immer größer. Für kompetente Mitarbeiter, wie wir sie beschäftigten, war das einfach zu wenig an Gehalt, das durch die Landesförderung zur Verfügung gestellt wird“, sagt Schmidt.

Befristete Arbeitsverträge und Fachkräftemangel

Ein weiteres Problem lag in der Laufzeit der Arbeitsverträge. Der Awo wurden immer nur einjährige Arbeitsverträge zugesichert. Jedes Jahr musste die Arbeiterwohlfahrt bitten, dass diese Verträge verlängert werden. „So etwas kann man auch als prekäres Arbeitsverhältnis verstehen. Das ist natürlich besonders für die Mitarbeiter unbefriedigend, denn diese müssen Jahr für Jahr um ihren Arbeitsplatz bangen. Immer wieder haben wir gefordert, dass die Landesförderlaufzeiten auf zwei oder drei Jahre hochgesetzt werden, vergeblich. Dabei ist eine Planungssicherheit für Mitarbeiter und Awo sehr wichtig“, so Schmidt.

Auch der Fachkräftemangel machte der Awo zu schaffen. Überall würden laut dem Awo-Vorstand gute Berater gesucht. Der Verband würde mit Krankenkassen, Krankenhäuser und Kurkliniken konkurrieren, die übertariflich bezahlen und eine Festanstellung anbieten können. „Da konnten wir einfach nicht mithalten und unsere beiden Mitarbeiter haben jetzt einen neuen Arbeitgeber gefunden“, erläutert Klaus Schmidt. „Dabei mache ich ihnen gar keinen Vorwurf.“

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Überdies räumt er mit einem alten Vorurteil auf. Bei den Beratungsstellen würden sicherlich mehrheitlich Frauen beraten, aber eben auch Männer. Denn es gibt auch Frauen, die körperliche Gewalt gegen ihren Partner ausüben. Hinzu kommen verstärkt Fälle, wo Trans-Menschen besonderer psychischer Gewalt ausgesetzt werden. „Kein Mann kann etwas dafür, wenn er das tiefe Gefühl hat, im verkehrten Körper zu stecken und sich als Frau fühlt. Doch gerade auf den Dörfern gibt es noch sehr konservative Einstellungen. Für manche Eltern ist es daher ein großes Problem, wenn ihr Sohn sich gerne als Frau fühlt und eine Geschlechtsanpassung vornehmen möchte“, mahnt Schmidt. „Obwohl das ganz normal sein sollte in einer toleranten Gesellschaft.“

Auch ukrainische Frauen wurden beraten

Auch der Krieg in der Ukraine hat laut Schmidt seine Spuren hinterlassen. Unter anderem wurden ukrainische Frauen beraten, die von russischen Soldaten vergewaltigt worden seien. Einige Beratungen liefen darauf hinaus, dass ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen werden musste. Umso lauter werden die Stimmen, die eine Fortführung der Beratungseinrichtung fordern.

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„Wie soll die Awo das machen? Die hoch qualifizierten Mitarbeiterinnen haben einen anderen Arbeitsplatz gefunden. Der Fachkräftemarkt für Berater ist leer gefegt. Dazu ein gedrosselter Lohn und ein prekärer Arbeitsvertrag, der immer nur für ein Jahr geschlossen wird. Das macht doch niemand mehr bei dem Angebot an freien Stellen“, fasst Schmidt zusammen.

Die Beratungsstelle ist wegen des Ausgleichs von Überstunden und dem Resturlaub der Mitarbeiter bereits geschlossen und wird wohl auch nicht wieder öffnen. Eine andere Beratungsstelle im Amtsbereich Demmin Land oder Treptower Tollensewinkel kann Schmidt nicht benennen. Betroffene sollten sich an das Sozialamt des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte wenden, empfiehlt er.

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Kommentare (1)

Das ist die AWO. Maßlos überhöhte Gehälter für die Bosse. Kein Geld für die Basisarbeit. Und ganz viele Austritte.