Georg Nikelski zeigt in der Nähe vom Haus Demmin, dass unter der Pflanzendecke Moor liegt.
Georg Nikelski zeigt in der Nähe vom Haus Demmin, dass unter der Pflanzendecke Moor liegt. Kai Horstmann
Dr. Arno de Pay weist mit einem Plakat auf die Veranstaltung am Donnerstag hin.
Dr. Arno de Pay weist mit einem Plakat auf die Veranstaltung am Donnerstag hin. Kai Horstmann
Veranstaltungen

Demminer Naturschützer werben für mehr Moor-Flächen

Moore statt Bau- und Agrarflächen – das wünschen sich einige Naturschützer. Mit diesem Thema startet der Verein Lübecker Speicher nun seine Reihe „Demminer Gespräch im Speicher“.
Demmin

Sicherlich gibt es einige Bürger, die die ungenutzten Landflächen entlang der Peene und Tollense für Verschwendung halten. Diese könnte man doch viel „sinnvoller“ für die Landwirtschaft nutzen oder dort ein Haus mit idyllischer Lage am Fluss bauen. Unter anderem darüber, warum das keine gute Idee sei, spricht am Donnerstag ab 19  Uhr im Lübecker Speicher Dr. Franziska Tanneberger von der Universität Greifswald. Die Veranstaltung, durch die NDR-Moderatorin Dörthe Graner führen wird, steht unter dem Motto „Moor – Klimaschutz in MV“ und stellt zugleich den Auftakt für eine Reihe von Gesprächen zu wichtigen Themen der Zeit dar.

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Naturschützer argumentieren gegen Bauprojekte

Allein die Tatsache, dass die beiden Flüsse in eine Moorlandschaft eingebettet sind, schränkt die Baumöglichkeiten stark ein. „Das sieht man schon an der A 20 mit dem ‚Loch von Tribsees’, wo im Herbst 2017 die Autobahn auf einer Länge von rund 800 Metern im Moor versank. Aber wir müssen gar nicht so weit gucken, wenn man sich am Hanseufer nur den großen Parkplatz bei Netto ansieht. Der hat viele Unebenheiten, da das Moor zusammensackte und somit die Pflasterung beschädigte“, erläutert Georg Nikelski vom Verein Lübecker Speicher Demmin, der beruflich im Naturschutz tätig ist.

Viel weitreichender wären dagegen die großen Folgen für den Klimaschutz. Moore entstehen dann, wenn abgestorbene Pflanzen unter die Wasseroberfläche sinken. Das oberflächlich anstehende Wasser bewirkt eine Sauerstoffarmut im Boden. Stirbt eine Pflanze ab und versinkt im Moor, geht auch der Kohlenstoff mit ihr unter und wird zu Torf. Durch immer neuere Pflanzenablagerungen wächst schließlich das Moor über viele Jahrhunderte in die Höhe, aber auch die Menge des Treibhausgases, die in einem intakten Moor nicht in die Atmosphäre entweichen kann. Allerdings kann die Torfschicht durch Wassermangel auch abgebaut werden. So wurden viele Moore bewusst entwässert, um neue Flächen hauptsächlich für die Landwirtschaft zu gewinnen. „Ein nasses Moor wächst in 1000 Jahren um gut einen Meter, aber bei Wassermangel schrumpft es in weniger als 100 Jahren um die gleiche Höhe. Mit einem Moorbohrer kann man sich Proben ziehen, um Aufschluss über die Zusammensetzung der einzelnen Schichten zu erhalten“, berichtet Georg Nikelski.

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Moore um Demmin sind Kinder der letzten Eiszeit

Laut dem Buchautor Ernst Paul Dörfler wurde in den letzten 200 Jahren den Mooren systematisch das Wasser abgegraben. In Deutschland sind inzwischen 95 Prozent aller Moore entwässert, um sie landwirtschaftlich zu nutzen. Diese Maßnahmen wurden einst als Erfolgsstory gefeiert. Was man dabei aber übersehen hat, ist die enorme Bedeutung von Mooren für den Klimaschutz. Obwohl diese weltweit nur drei Prozent der Landfläche bedecken, sollen sie laut Dörfler doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Erde zusammengenommen speichern, pro Hektar gar 20-mal mehr Kohlenstoff als Wälder. Wenn dann die Moore entwässert werden, wird das klimaschädliche Kohlendioxid freigesetzt. Von jedem Hektar entwässerten Moores werden pro Jahr im Schnitt 29 Tonnen Treibhausgase freigesetzt, wie der Autor schreibt – so viel wie ein Verbrenner-Auto ausstößt, das dreimal um den Globus fährt.

Laut Nikelski haben die Moore in der Region ihren Ursprung nach der Eiszeit vor rund 10 000 Jahren. Damals hatte sich ein sehr großer Eisblock von Skandinavien her über Vorpommern geschoben. Dabei schürfte eine Gletscherzunge unter anderem ein Gelände aus, in dem heute der Kummerower See liegt. Als die Zeiten wärmer wurden, schmolz das Eis dahin und bildete Schmelzwasserabflussrinnen, die in nordwestlicher Richtung verliefen. „Wir müssen uns vorstellen, dass auf dem heutigen Demmin ein etwa einen Kilometer hoher Eisblock lag. Diese Schmelzwasserabflussrinnen waren bis zu drei Kilometer breit. „Heute sind die Wassermengen unter anderen in der Peene mit einer Flussbreite von rund 40 Metern und der Tollense mit 20 Metern viel weniger“, schildert Georg Nikelski.

Aber Moore stünden nicht nur für aktiven Klimaschutz sondern auch für die Artenvielfalt und Hochwasserschutz, wie Dr. Arno de Pay hervorhebt. Durch renaturierte Moore habe sich so manche vom Aussterben bedrohte Tier- und Pflanzenart wieder erholt, wie etwa der Silberreiher. Moore hätten die Eigenschaft, dass sie wie ein Schwamm sehr viel Wasser halten könnten. Das liege an den großen Poren vom Torf, in denen sich das Wasser sammeln könne. „Die Eigenschaft Wasser zurückzuhalten, kommt der Umwelt dann zugute, wenn es starke Regenfälle und Hochwasser gibt. Moore können mit ihrer Saugfähigkeit Überschwemmungen vorbeugen und so größere Schäden vermeiden“, erläutert de Pay.

Er hat die Reihe „Demminer Gespräche im Speicher“ in diesem Jahr maßgeblich organisiert und freut sich auf die Moorforscherin. Die Diskussionsrunden finden im Sommerhalbjahr einmal im Monat im urigen Saal des Lübecker Speichers am Demminer Stadthafen statt. „Mit der Veranstaltung möchten wir das Bewusstsein wecken, dass wir im Raum Demmin einen ganz besonderen Beitrag für den Klimaschutz und für die Artenvielfalt leisten können, in dem wir die Moore pflegen“, sagt Dr. Arno de Pay.

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