Erinnerungsort

Demminer Speicher-Verein fürchtet neuen Nazi-Treffpunkt

Braucht es einen neuen Erinnerungsort, der an die Demminer Suizidtragödie erinnert? Der Lübecker Speicher Verein sieht das kritisch.
Nordkurier Nordkurier
Die Mädchen-Statue von Karl Schlösser wird bleiben. Die große Frage ist, wie der Platz drum herum gestaltet wi
Die Mädchen-Statue von Karl Schlösser wird bleiben. Die große Frage ist, wie der Platz drum herum gestaltet wird. Denny Kleindienst
Georg Nikelski, Vorsitzender des Lübecker Speicher Vereins.
Georg Nikelski, Vorsitzender des Lübecker Speicher Vereins. Denny Kleindienst
Thomas Witkowski, Fraktionsvorsitzender der Demminer CDU.
Thomas Witkowski, Fraktionsvorsitzender der Demminer CDU. Georg Wagner
Demmin

Es sind Fragen offen. Zu viele Fragen nach Meinung des Lübecker Speicher Vereins. Während der Jahreshauptversammlung haben die Mitglieder sich intensiv ausgetauscht zum geplanten Erinnerungsort für die Demminer Suizidopfer. Nun bezieht der Verein Stellung. „Als direkter Nachbar des aktuell favorisierten Standorts und als engagierte Bürgerinnen und Bürger aus Demmin und dem Umland lehnen wir sowohl die bisher erkennbare Intention als auch den bevorzugten Standort in aller Entschiedenheit ab“, schreibt der Vereinsvorsitzende Georg Nikelski im Auftrag der Mitgliederversammlung. Das Schreiben ging auch an Bürgermeister Michael Koch und die Präsidentin der Stadtvertretung, Christiane Sack.

Offene Diskussion gefordert

„Mit großer Sorge sehen wir eine ahistorische und vereinfachende Verengung des nachvollziehbaren Anliegens, der Einordnung der Geschehnisse zum Kriegsende 1945 in Demmin einen entsprechenden Raum und eine angemessene Form zu geben“, heißt es darin außerdem. Das Schreiben bringt allerdings keine grundsätzliche Wir-sind-dagegen-Haltung zum Ausdruck. Vielmehr ist es ein Vorstoß, um über den geplanten Erinnerungsort öffentlich zu diskutieren.

Auch wenn Eckhardt Tabbert (UWG), dessen Fraktion gemeinsam mit der Demminer CDU/FDP-Fraktion den Antrag zur „Gestaltung eines Platzes“ stellte, nach eigener Aussage schon viele positive Rückmeldungen aus der Bevölkerung bekommen hat, so waren vor allem die städtischen Ausschüsse bisher der Raum, wo darüber gesprochen wurde. Nach einigen Leserbriefen zum Thema, die der Nordkurier abgedruckt hatte, gibt es mit dem Speicherverein nun eine weitere Stimme, die aus dem Kreis der Bürger kommt. So wird denn auch betont, dass die Vereinsmitglieder „zu einer ergebnisoffenen Diskussion gern bereit sind.“

Falscher Ort ausgewählt?

Dass es ihnen damit ernst ist, dass sie sich selbst noch nicht auf einen Standpunkt festgelegt haben, macht das Schreiben ebenfalls deutlich. Darin werden vor allem Fragen gestellt und Zweifel geäußert. Fragen wie: Wie kann eine angemessene Unterscheidung zwischen Kriegsopfern, Tätern und Verzweifelten gelingen, damit die beabsichtigte Wirkung und Identifikation mit diesem Gedenkort eintritt? Sehen sich die Vertreter aus Politik und Verwaltung in der Lage, allein diese komplexe, vielschichtige, politisch missbrauchsanfällige und ästhetisch anspruchsvolle Aufgabe zu entscheiden? Gibt es tatsächlich einen starken Wunsch seitens der Bevölkerung der Stadt nach einem weiteren Gedenkort für die Suizidopfer?

Deutlich macht der Verein derweil, dass er den lauten Platz an der Kreuzung für den falschen Platz hält. Dass „wir uns vor einem neuen Nazitreffpunkt fürchten.“ Und er weist daraufhin, dass dieser Platz bereits ein Gedenkort ist – für den Demminer Ehrenbürger Karl Schlösser. Georg Nikelski schreibt: „Wir bitten Sie eindringlich, von diesen Planungen vorerst Abstand zu nehmen und vielmehr einen Klärungsprozess über Inhalt, Sinn, Form und Ort voranzuschalten.“

Die Demminer Stadtvertreter haben derweil entschieden – und zwar keineswegs einstimmig. Noch einmal wurde in der jüngsten Sitzung das Für und Wider aufgezählt. Guido Fröschke (IVD) schlug der CDU, FDP und UWG vor, den Antrag zurückzuziehen und neu zu überlegen, wie man der Tragödie gedenken will. Fröschke machte schließlich den IVD-Standpunkt klar: „Wir sind gegen einen Extraplatz.“ Norina Mittendorf (AfD) störte sich an den düsteren Bildern vom brennenden Demmin, die am neuen Erinnerungsplatz gezeigt werden sollen.

Stadtvertreter stimmen zu

Thomas Witkowski (CDU) betonte, man sei immer gesprächsbereit, allerdings liege der Antrag auch nicht erst seit gestern vor. Und gerade wegen des Rückgriffs auf die Schlösser-Bilder vom brennenden Demmin ist Witkowski überzeugt, dass damit ein früherer Plan Bestand hat: Auf diesem Platz Karl Schlössers Kunst zu präsentieren. Stefan Tabbert (UWG) erklärte: „Dieser Platz ist überfällig.“

Zwölf Stimmen gab es schließlich für den Antrag. Die IVD-Fraktion und die AfD-Fraktionsvorsitzende stimmten dagegen, die übrige AfD-Fraktion enthielt sich. Zwölf dafür, sechs dagegen, vier Enthaltungen. Damit wurde der Antrag angenommen. Im kommenden Haushalt wurde damit Geld eingestellt, um mit den Vorbereitungen zu beginnen.

Der Demmin-Überblick per Mail

Was gibt's Neues im Demminer Land? Unsere Reporter fassen wöchentlich die wichtigsten Nachrichten und Geschichten für Sie in unserem kostenlosen Newsletter zusammen. Jetzt schnell anmelden!

Stadt. Land. Klassik! - Konzert in Demmin

zur Homepage

Kommentare (2)

Nun ist der Schuld-Kult auch in Demmin angekommen.

Das müsste auf dem Schild stehen. Wenn man ehrlich wäre!