Früher war das Wohnhaus an der Nordmauer noch mit einem Balkon geschmückt.
Früher war das Wohnhaus an der Nordmauer noch mit einem Balkon geschmückt. ZVG / Clemens
Die ehemalige Synagoge zu DDR-Zeiten.
Die ehemalige Synagoge zu DDR-Zeiten. ZVG / Clemens
So sah die Synagoge aus, als dort noch gebetet und gesungen wurde.
So sah die Synagoge aus, als dort noch gebetet und gesungen wurde. ZVG / Clemens
Die ehemalige Synagoge heute: Nicht mehr viel erinnert noch an ihre ursprüngliche Nutzung.
Die ehemalige Synagoge heute: Nicht mehr viel erinnert noch an ihre ursprüngliche Nutzung. Pablo Himmelspach
Die ehemalige Synagoge heute: Nicht mehr viel erinnert noch an ihre ursprüngliche Nutzung.
Die ehemalige Synagoge heute: Nicht mehr viel erinnert noch an ihre ursprüngliche Nutzung. Pablo Himmelspach
Stadtgeschichte

Die Demminer Synagoge – Vergangenheit, Legende und Schuld

Am 27. Januar wird weltweit an den Holocaust erinnert. Zu den wenigen Spuren, die in Demmin vom einstigen jüdischen Leben zeugen, gehört die alte Synagoge.
Demmin

Von außen wirkt die ehemalige Demminer Synagoge unscheinbar: ein hell verputzter Altbau in Würfelform mit spitz zulaufendem Dach. Die Rollläden an den Fenstern sind heruntergelassen, die Außenfassade ist an einigen Stellen von zu viel Feuchtigkeit grün gefärbt.

Nur eine goldene Gedentafel erinnert an die Geschichte des Wohnhauses. Versteckt hinter einer dichten Hecke hängt sie an der Außenseite. „Ehemalige Jüdische Synagoge – um 1847 erbaut“, steht darauf.

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Gemeinde hatte einst über 100 Mitglieder

Zur Zeit des Baus existierte in Demmin eine aktive jüdische Gemeinde mit über 100 Mitgliedern. Händler, Handwerker und Kaufleute lebten seit 1812 mit ihren Familien in der Hansestadt und begannen bereits im Jahre 1837 mit der Planung der Synagoge. Laut einem Artikel in der „Allgemeinen Zeitung des Judenthums“ wurde die Synagoge bereits im Februar 1839 von dem Berliner Religionslehrer Salomon Pleßner eingeweiht. Während der Eröffnung wurde gesungen, gebetet und gepredigt. Auch der Landrat Baron von Maltzahn-Sommersdorf sei unter den Besuchern gewesen.

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Ob nun 1839 oder 1847 erbaut – die Zeit, in der sich die Demminer Juden in der Synagoge trafen, währte nicht lang. 1925 bestand die Gemeinde aus nur noch 34 Mitgliedern. Denn das Leben verschlechterte sich für sie in Demmin zunehmend. Die vielen kleinen Händler wurden zum Ende des 19. Jahrhunderts durch große Kaufhäuser verdrängt. Und ab den 1920er Jahren nahm dann der Antisemitismus in Demmin immer bedrohlichere Formen an.

Zwangsverkauf verhinderte Zerstörung

In der Nacht zum 10. November 1938 brannten in Deutschland dann die Synagogen. Angestachelt durch eine Hetzrede des Propagandaministers Josef Goebbels, zogen im gesamten Reich Mobs durch die Straßen, misshandelten und ermordeten Juden und zerstörten deren Geschäfte und Glaubensstätten. Auch in Demmin wüteten die Nationalsozialisten und stießen die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof um. Die Synagoge hingegen blieb unversehrt.

„Die Synagoge entging nur durch den Verkauf einer Zerstörung“, sagte Bürgermeister Thomas Witkowski kürzlich in einer Rede zum 83. Jahrestag der Reichspogromnacht. Doch was im Juni 1938 stattfand, war keine Rettung der Synagoge. Vielmehr war es ein Zwangsverkauf im Rahmen der Enteignung jüdischen Besitzes. Die Baulichkeit sei in den Besitz einer Tischlerfamilie übergegangen, die den Platz dringend zu Erweiterung ihrer Anlagen brauche, schrieb das Demminer Tageblatt am 30. Juni 1938 über den Verkauf des sogenannten „Judentempels“. „Eine alte Bruchbude, die bei uns kein Lebensrecht mehr hat, die Synagoge, wird verschwinden“, heißt es abschließend.

Zu diesem Zeitpunkt sind die Tage, in denen in Demmin jüdisches Leben stattfand, längst vorbei. Nur noch vier jüdische Bürger lebten im Sommer 1938 in der Hansestadt. Und die einst intakte Gemeinschaft, die gemeinsam Gottesdienste und Beerdigungen feierte, in der sich die Mitglieder halfen und sich unterstützten, war längst auseinandergebrochen. Geblieben war ein Rest, der zum größten Teil zu alt war, um die Stadt noch zu verlassen.

Käufer begehen zum Kriegsende Selbstmord

Dieser Rest wurde in der Stadt geächtet und gemieden. Als am 14. Februar 1940 mit Ida Davidsohn eine der letzten verbliebenen Jüdinnen Demmins verstarb, fand sich in den ersten Tagen niemand, der sie beerdigen wollte. Bis sich dann drei Tage später ausgerechnet der alte Sargtischler und Vater des Möbelfabrikbesitzers erbarmte, Ida Davidsohn zu beerdigen. Auf Bitten des Superintendanten Dr. Achterberg setzte er sie auf dem christlichen Waldfriedhof bei, wie Erla Vensky im Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern schreibt.

Große Teile der Familie des Tischlers nahmen sich zu Kriegsende 1945 das Leben. Einen Zusammenhang mit einer auf sich geladenen Schuld durch den Kauf bestritt der Sohn des Eigentümers jedoch später. „Mein Bruder und ich waren keine Parteigenossen, auch meine Eltern gehörten niemals der NSDAP an. Der Tod meiner Eltern erfolgte auch keineswegs aus irgendwelchen politischen Motiven“, sagte der Sohn des Eigentümers später in einer von Petra Clemens veröffentlichten Broschüre zum Kriegsende.

Heute erinnert nicht mehr viel an die ursprüngliche Nutzung des Gebäudes, seit vielen Jahren ist es nun ein Wohnhaus. Eine jüdische Gemeinde gibt es in Demmin nicht mehr.

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