Das einfache ländliche Seehaus in Dölitz ist beliebt bei gestressten Großstädtern.
Das einfache ländliche Seehaus in Dölitz ist beliebt bei gestressten Großstädtern. Silke Voß
Schon der Aufklärer Johann Heinrich Voß, geboren in Sommersdorf, rief zum Landleben auf. Heute erzählen histor
Schon der Aufklärer Johann Heinrich Voß, geboren in Sommersdorf, rief zum Landleben auf. Heute erzählen historische Agrargeräte an der Sommersdorfer Kirche allenfalls von der Musealität der Landwirtschaft früher. Silke Voß
Landleben

Die neue alte Sehnsucht nach dem Leben auf dem Dorf

Das Spannungsfeld zwischen „Neuer Ländlichkeit“ von Stadtflüchtern und globalen Herausforderungen in der modernen Landwirtschaft zeigt sich auch bei vielen Autoren.
Seenplatte

„Seehaus“ nennt Architekt Ronald van der Starre schlicht sein Ferienhaus mit dem imposanten Reetdach. Das Teich-Schilf wächst fast in die Zimmer, die Nachtigall scheint ihr Konzert im Haus zu geben. Schafe und Hühner wohnen im Stall direkt angrenzend, und es wird ofengeheizt so wie früher üblich.

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Die Liebe zum Detail offenbart sich bis in die kleinsten Dinge: vom Emaillewaschbecken über DDR-Armaturen bis zu schwarzen Lichtschaltern aus Bakelit. Alles atmet die Poesie der Dinge, zeitgenössischer Komfort inklusive: W-Lan, Induktionsherdplatte und Boxspringbett sollten es in den Landferien schon sein. So urig wohnen wie hier im „Nest“ Dölitz bei Gnoien wollen temporär vor allem Künstler aus den Großstädten – aus Berlin, Köln und sogar New York. Derart inspiriert ziehen nicht wenige sogar ganz hierher.

„Ein kleines Idyll würde mir reichen”

„Neue Ländlichkeit“ nennt Wolf Schmidt, Gründer der mecklenburgischen An-Stiftung, diesen durch Corona noch befeuerten Trend. In seinem Buch „Luxus der Leere“ beschreibt er die Sehnsucht nach Licht, Luft, Stille, Sterne, Moore, Muße, Zeit und nach dem Dorfe – bei jungen Leuten, die in der Großstadt im zweiten Hinterhof Kartoffeln pflanzen, imkern und den neuesten Schrei pflegen: „Rent a Huhn“, also Hühnerhaltung auf der städtischen Terrasse. Die Auflage der Illustrierten „Landlust“ übersteigt bereits die des „Focus“.

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Doch so neu ist diese Sehnsucht nach dem Land nicht. „Oh, wollt ihr Freude schauen, so wandelt Hand in Hand, ihr Männer und ihr Frauen, und kommt zu uns aufs Land!“, schrieb schon vor mehr als 200 Jahren der in Sommersdorf bei Waren geborene Homer-Übersetzer und Aufklärer Johann Heinrich Voß. Und schon weit früher formulierte der antike Dichter Horaz in Rom: „Ein kleines Idyll würde mir reichen: Häuschen, Gärtchen, vielleicht mit einem See oder Fluss in der Nähe. Dort genösse ich den Gesang der Vögel und sähe den Wolken hinterher.“ In Dölitz hätte er sich sicher wohl gefühlt.

Landwirte machen nur noch zwei Prozent der Landbevölkerung aus

Die so ersehnte Freiheit des Landlebens hatte und hat mit der immer schon harten Arbeit des Landlebens jedoch nicht viel zu tun. Der Lärm der großen Trecker und Erntemaschinen, die hohen Maisfelder, gummireifenbelegte Silagehaufen und zerfahrene Wege stören Großstädters Idyll nur. Das Bild in MV ist agrarisch geprägt, dabei machen Landwirte nur noch zwei Prozent der Landesbevölkerung aus.

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„Landwirte machen eine der letzten Gruppen in der Gesellschaft aus, die sich gefahrlos diskriminieren lassen. Sie haben ein schlechtes Image“, meint Wolf Schmidt. Um diese Polaritäten zwischen „Bullerbü und Dünger-Giftspritze“ zu entspannen, empfiehlt er das Buch „Bauern, Land“, erschienen im Kunstmann Verlag. Als Berlin-Kreuzbergerin, Intellektuelle und Autorin der linksalternativen Tageszeitung „taz“ erfülle dessen Verfasserin Uta Ruge zwar vermeintlich alle Klischees „von grün orientierten, nichtlandwirtschaftlichen Besserwissern“. Doch allein der Untertitel des Buches verspreche, worum es ihr eigentlich geht: „Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang.“

Auf der Suche nach Nachbarschaftlichkeit

In Wieck auf Rügen geboren und in den 1950ern in einem niedersächsischen Moordorf aufgewachsen, beschreibt Uta Ruge die althergebrachten Dorfstrukturen des aufeinander Angewiesenseins – vom gemeinsamen Ausrichten der Hochzeiten bis zum sich gegenseitig Beerdigen, so wie es auch in Mecklenburg üblich war. „Heute halten die etwas betuchteren Neubürger Kleinvieh auf den Weiden und ums Haus herum – Hühner, Enten und Schafe“, beobachtet Uta Ruge an der „neuen Ländlichkeit“. „Von Viehhaltung haben sie allesamt im Zweifelsfall aber keine Ahnung – und fragen, wenn es ums Ende geht, um das Schlachten nämlich, ratlos um Hilfe.“

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Auch wenn einmal ein Baum auf ihrem Grundstück umzufallen droht oder etwas Schweres bewegt werden muss, erwarten sie Hilfe von den bäuerlichen Nachbarn, meint sie. „Du hast doch einen Trecker“, heißt es dann. Aber wenn dann geholfen wurde, gebe es oft kein weiteres Angebot mehr. „Und damit meine ich nicht Bezahlung oder Gegenleistung, sondern eine Nachbarschaftlichkeit als Verpflichtung, ein gegenseitiges Erzählen seiner Geschichte und Geschichten.“

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Auch Wolf Schmidt, der aus Hamburg nach Dobin am See bei Schwerin gezogen ist, ironisiert das heutige Landleben: „Akademiker stehen dann staunend vor den Kartoffelpflanzen und fragen, wo wächst denn nun die Knolle? Sie würden wohl wieder wie zu deren Entdeckung Blüten und Blätter kochen!“ Die Dorfkommunikation habe leider stark nachgelassen. „Stattdessen sehen wir oft Schlafdörfer. Die Leute fahren zur Arbeit, kehren abends heim, machen die Tür hinter sich zu und den Fernseher an.“ Und wenn gemeinsame Aktionen auf den Dörfern organisiert werden, hätten die Landwirte heute schlichtweg kaum Zeit, daran zu partizipieren, weil sie so viel Arbeit haben.

„Einseitige Wahrnehmung von Landwirten in der Öffentlichkeit“

Heike Müller, Vizepräsidentin des Landesbauernverbandes und Geschäftsführerin des Bauernverbandes Malchin, erklärt die Situation der Landwirte von heute aus ihrer Sicht. Von wegen der Landwirt spritzt ständig Gift auf die Felder: Bei der aktuellen Vervierfachung der Düngerpreise muss er sich deren Einsatz mehrfach überlegen. Aber schon im Herbst und damit noch vor der Ukrainekrise, die die Lage freilich noch verschärft habe, seien die Preise stark angestiegen. „Gaspreise waren erhöht, das Getreide knapper und die Erzeugerpreise für Raps und Weizen sehr hoch. China bunkert Weizen, im Süden der USA sorgen Dürre und Überschwemmungen für Weizenknappheit.“

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Auch die zunächst positiv auslegbare EU-Entscheidung, dass aufgrund dieser Situation ökologische Vorrangflächen wieder landwirtschaftlich genutzt werden dürfen, habe einen öffentlich kaum bekannten Haken, so Müller: „Nicht alle Flächen aber sind ackerbaulich auch gut nutzbar. Der deutsche Sonderweg schränkt ein, dass diese Flächen erst ab Juli zu mähen und nur für Futterzwecke zu nutzen sind. Aber jeder, der einen Garten hat, weiß, wie hoch das Gras jetzt schon ist, und für Rinder ist es nicht verwendbar.“

Bauern mit großen Problemen

Zudem komme eine große Kaufzurückhaltung bei Kunden, die bei Spargel und Erdbeeren hohe Einbrüche beschert habe. Überhaupt sei die Planbarkeit für Tank, Teller und Trog höchst unsicher. Wie lange dauert der Krieg? Wann sind die blockierten Häfen wieder nutzbar? „Jetzt planen wir normalerweise fürs kommende Jahr. Aber aufgrund der späten Wahlen im Herbst hat Deutschland seinen Strategieplan in der Agrarpolitik verzögert vorgelegt. Und wir wissen nicht, was wir anbauen können“, erklärt die Landwirtin.

Als Mitglied des NDR-Rundfunkrats versuche sie, gegen „die verzerrte, einseitige Wahrnehmung von Landwirten in der Öffentlichkeit“ anzugehen. Denn Bauer sei nicht gleich Bauer, wie ein herbes Sprichwort deren „Eigenwilligkeit“ dramatisch beschreibt: Um drei Bauern unter einen Hut zu bringen, musst Du erst zwei totschlagen, heißt es darin.

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