Ihr Leben lang haben die Fleischer Eckhard und Eva Reichelt gearbeitet. Der Umgang mit den Kunden wird ihnen wohl am meisten f
Ihr Leben lang haben die Fleischer Eckhard und Eva Reichelt gearbeitet. Der Umgang mit den Kunden wird ihnen wohl am meisten fehlen. Sophia Brandt
1968 stand noch Helga Reichelt hinter der Theke.
1968 stand noch Helga Reichelt hinter der Theke. ZVG
In der von Herbert Reichelt aufgebauten Fleischerei setzten die Betreiber auf Fachkräfte.
In der von Herbert Reichelt aufgebauten Fleischerei setzten die Betreiber auf Fachkräfte. ZVG
Herbert Reichelt (rechts) gründete 1968 seine Fleischerei in Demmin.
Herbert Reichelt (rechts) gründete 1968 seine Fleischerei in Demmin. ZVG
Traditionsbetrieb geschlossen

Diesen Wurstgeschmack werden die Demminer vermissen

Seit über 50 Jahren prägte die Fleischerei Reichelt die Demminer Innenstadt. Die Kunden schätzten, dass es hier noch wie früher schmeckte. Doch nun ist Schluss.
Demmin

Für Eva und Eckhard Reichelt von der gleichnamigen Fleischerei in Demmin waren die letzten Tage des Jahres besonders emotional: All die herzlichen Worte, die Blumen und Geschenke ihrer Kunden haben Eindruck hinterlassen.

„Es war bewegend, wenn die Kunden gesagt haben: Jetzt ist Schluss“, erzählt Eckhard Reichelt. „Sie haben es bedauert, konnten aber auch verstehen, dass wir aufhören", ergänzt seine Frau.

Lesen Sie auch: Corona-Krise macht Bäckern und Fleischern in MV zu schaffen

In der Berufsschule kennengelernt

Mit der Schließung ihres Traditionsbetriebs in der Clara-Zetkin-Straße geht eine Ära zu Ende. 1968 hatte Eckhard Reichelts Vater, der mit seiner Familie aus Berlin in die Hansestadt gezogen war, an der Stelle der früheren Fleischerei Ott den Familienbetrieb aufgebaut. Auch Eva Reichelt stammt aus einer Fleischerfamilie. Dass sie die Tradition fortführen würden, stand bei beiden nicht zur Debatte.

„Unsere Eltern haben schon in gewisser Weise darauf hingewirkt, dass wir weitermachen“, erzählen sie. Bereut haben sie es nicht. „Wir haben von Anfang an gesehen, wie es läuft“, sagt Eva Reichelt. „Und mussten auch als Jugendliche von Anfang an mithelfen und anpacken.“

Nach der Wende Handwerksmeister gemacht

In der Berufsschule in Malchin lernten Eckhard und Eva Reichelt einander kennen. Später ging es zum Studium der Fleischwirtschaft nach Oranienburg. Als dann Eckhard Reichelts Mutter Helga krank wurde, stieg das Paar im Demminer Familienbetrieb ein, bis Eckhard Reichelt ihn nach dem Tod seines Vaters 1994 vollständig übernahm.

Größere Unsicherheit als die Nachfolge bereitete die Wende. „Wir wussten zuerst alle nicht, wie es weitergeht“, erinnert sich Reichelt. Aus Furcht, dass sein Diplom nicht mehr anerkannt werden würde, machte er noch seinen Handwerksmeister.

Zeitweise bis 50 Mitarbeiter

Nach der Wende standen auch Sanierung und Umbau an. Eine Produktionshalle wurde gebaut, später zog der Laden innerhalb des Hauses in neue Räumlichkeiten, wodurch sich seine Fläche verdreifachte. So lange wie für den Umbau hatte die Fleischerei bis dahin noch nie und auch danach nie wieder geschlossen, sagen die Reichelts. In den letzten 30 Jahren sei ihr Laden abgesehen von Feiertagen keinen einzigen Tag zu gewesen. Ab 1993 eröffneten die Reichelts sogar weitere Filialen.

Insgesamt sechs Läden, unter anderem in Tutow, Anklam und Greifswald betrieben die Demminer Fleischer zeitweise mit bis zu 50 Mitarbeitern. Am Ende waren es nur noch fünf. Nicht wegen des Fachkräftemangels, sondern weil die Inhaber bewusst beschlossen, mit Aussicht auf ihre baldige Rente kein neues Personal einzustellen. „Das war nie unsere Philosophie und wäre den neuen Mitarbeitern gegenüber auch nicht fair gewesen“, erklären sie.

Stammkunden schätzten besonderen Geschmack

Auch als die Mietverträge für die Filialen ausliefen und neue Konditionen auf sie zukamen, dachten sie maßvoll in die Zukunft und lehnten eine Verlängerung ab. Ende 2021 mussten sie so nur noch den Laden schließen, in dem vor über 50 Jahren alles begonnen hatte.

Bis zuletzt seien die Stammkunden ihnen hier trotz billiger Supermarkt-Angebote treu geblieben. Sie schätzten die Qualität und den traditionellen Geschmack der mehrfach DLG-prämierten Reicheltschen Produkte. Obwohl sie ihr kulinarisches Angebot um Salate und Gerichte und das Leistungsspektrum um einen Imbiss und Partyservice erweiterten, der Renner blieben bis zuletzt die verschiedenen Wurstsorten nach DDR-Art

„Das heißt: Alles ist mit Edelgewürzen selbst zusammengestellt“, erklärt Eckhard Reichelt, einst Obermeister der Fleischerinnung. Die Rezepte, die teilweise noch von seinem Vater stammten, seien weitergeführt und hier und da überarbeitet worden. Jede Generation habe sich eingebracht.

Kein Interesse der Töchter an Nachfolge

Nun aber sind die Würste der Reichelts Vergangenheit. Was mit dem Laden wird, steht noch nicht fest. Nachdem die Unternehmer in ihrem Berufsleben stets langfristig planen mussten, gehen sie in ihrer Rente alles Schritt für Schritt an. Große Pläne haben sie noch nicht. „Es kommt, wie es kommt“, sagen die Eheleute, die sich jetzt mehr um ihre Gesundheit kommen wollen. Dass es mit der Fleischerei Reichelt vorbei ist, so viel ist jedoch längst klar. Die Töchter wollten die Familientradition am Ende nicht weiterführen.

Eine ist Tierärztin, die andere habe zwar Fleischwirtschaft studiert, arbeite aber heute in einem anderen Zweig der Lebensmittelbranche und sei mit ihrem Beruf zufrieden. „Man kann seine Kinder nicht zwingen oder ihnen Steine in den Weg legen, nur damit sie fortführen, was andere angefangen haben“, sind die Eltern überzeugt. „Jeder bestimmt seinen eigenen Weg und sollte mit seinem Beruf glücklich sein.“

Die Reichelts waren glücklich mit ihrem Beruf. Selbstständig und kreativ arbeiten zu können und abends zu sehen, was sie geschafft hatten, bereitete ihnen Freude. Vor allem aber sei es der Umgang mit den Kunden, den sie vermissen werden, da sind sich beide einig. „Wenn man die Kunden zufrieden machen konnte, war das toll“, sagt Eckhard Reichelt.

Der Demmin-Überblick per Mail

Was gibt's Neues im Demminer Land? Unsere Reporter fassen wöchentlich die wichtigsten Nachrichten und Geschichten für Sie in unserem kostenlosen Newsletter zusammen. Jetzt schnell anmelden!

zur Homepage

Kommentare (1)

Das Fleischereiensterben geht weiter. Genauso wie das Bäckereiensterben.