Unsere Themenseiten

:

Drückt Schwerin nun den Windpark durch?

Rekordwindrad bei Altentreptow: Sieht es so auch bald am südlichen Demminer Stadtrand zwischen den Chausseen nach Beggerow und Utzdel aus?
Rekordwindrad bei Altentreptow: Sieht es so auch bald am südlichen Demminer Stadtrand zwischen den Chausseen nach Beggerow und Utzdel aus?
Stefan Sauer

Still ist es geworden um die riesigen Windräder, die eine Investorengruppe an den Demminer Stadtrand pflanzen wollte – mit Schützenhilfe aus Schwerin. Hat der frühe Protest vor Ort gewirkt? Zu früh sollten sich die Demminer nicht freuen.

Dietmar Schmidt ist gemeinhin gut informiert, was Bauprojekte in Demmin und seinen Ortsteilen angeht. Als Chef des städtischen Bau- und Liegenschaftsamtes sollte er das auch sein. Doch in diesem Fall muss er passen: „Tja, das wüssten wir auch ganz gern“, sagt er süffisant auf die Frage, was denn nun los sei mit dem geplanten Mega-Windpark am Stadtrand. „Wie da der Sachstand ist, darüber liegen uns leider keine Informationen vor.“

Man mag es ja kaum glauben: Da wollen Investoren auf einem Acker unmittelbar hinterm Demminer Vorwerk acht Windräder der neuesten Generation aufstellen lassen, jedes mit 150 Metern Nabenhöhe und damit in den Flügelspitzen doppelt so hoch wie der nicht eben kleine Kirchturm von St. Bartholomaei. Und im Rathaus weiß man nicht, was da Sache ist?

Das Problem liegt in der rechtlichen Konstruktion: Eigentlich dürfen neue Rotorenparks in Mecklenburg-Vorpommern nur in Windeignungsgebieten gebaut werden. Für die Region Demmin sind es zwei: das Dreieck Kletzin-Siedenbrünzow-Quitzerow und die Gegend um Beggerow. An beiden stehen bereits so viele Windmühlen, mehr geht kaum noch.

Mit voller Leistung zum Klassenprimus

Mehr soll aber. Findet die Landesregierung. Seit die Energiewende Gesetz ist, setzt Schwerin alles daran, seine Hausaufgaben in Sachen regenerativer Stromproduktion nicht nur abzuliefern, sondern auch Klassenprimus zu werden: 1742 Rotoren drehen sich mittlerweile im Nordosten, allein im vorigen Jahr kamen 130 dazu. Insgesamt: 2700 Megawatt. Bis zum Jahr 2020 will das Land diesen Wert fast verdoppeln. Das sind die Zahlen, die den Druck der Allianz aus Regierung und Strombranche auch in verhältnismäßig windarme Flächen des Hinterlandes hinein erklären.

Zahlen müssen aber auch die Regionen, in denen die Windfarmen gebaut werden – gewachsene Landschaften in Technikparks verwandelnd. Je mehr Megawatt, desto stärker bremsen die Rotorköpfe. Im windarmen Hinterland gibts da nur eine Lösung: Höher raus. Die gewaltigsten Windräder MVs stehen bei Breesen nahe Altentreptow. Gesamthöhe: 185,9 Meter. Der Helpter Berg, höchste natürliche Erhebung im Land, ist zehn Meter niedriger.

Ähnliche Riesen sind für Vorwerk in Planung – in Kombination mit einem Gasspeicher, der die Stromproduktion konstanter machen soll, ein Kernproblem der Windräder. Nichts genaues weiß man freilich nicht in Demmin, das Stadtparlament tagte zu dem Thema bislang nur hinter verschlossen Türen. Denn der umstrittenen Rotorenpark liegt nicht in einem Eignungsgebiet – und dürfte darum eigentlich auch nicht gebaut werden. Gäbe es da nicht das sogenannte Zielabweichungsverfahren.

Fortschritt könnte für Demmin Rückschritt sein

Auf diesem Weg kann Schwerin so ein Projekt trotzdem genehmigen – wenn es definierte Voraussetzungen erfüllt. Und in diesem Fall könnte die innovative Stromspeicher-Technik so ein Argument sein. Das Zielabweichungsverfahren gehe an der Kommune quasi vorbei, sagt der Bauamtschef: „Das Land ist Herr des Verfahrens und muss uns da nicht einbeziehen. Ich hoffe, dass es anders kommt.“

Die Hansestadt hat sich, einem einstimmigen Votum aller Fraktionen der Stadtvertretung folgend, gegen die Riesenmühlen ausgesprochen. Eine Entscheidung in der Sache ist noch nicht gefallen, betont Steffen Wehner, Sprecher des Energieministeriums. Die Öffentlichkeit werde auf jeden Fall noch einbezogen.