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„Durstiger Bär“ wartet auf hungrige Gäste

VonKerstin PöllerIdyllisch gelegen ist das kleine Dorf an der Tollense. Fährt eigentlich noch ein Zug nach Sanzkow? Welche Wege führen in diesen ...

Regina und Stefan Steuer kümmern sich um die Dorfgaststätte „Zum durstigen Bären“.

VonKerstin Pöller

Idyllisch gelegen ist das kleine Dorf an der Tollense. Fährt eigentlich noch ein Zug nach Sanzkow? Welche Wege führen in diesen Ort?

Sanzkow.Egal, aus welcher Himmelsrichtung man nach Sanzkow einfliegt – jede hat ihre Besonderheit: An der einen das neue Feuerwehr- und Gemeindehaus, daneben das Bürgerhaus, an der nächsten Einfahrt die neue Brücke über die Tollense mit dem Wasserwanderrastplatz, die dritte Zufahrt führt direkt auf die ehrwürdige alte Backsteinkirche und das super gepflegte Fußballfeld, und die vierte – der Bahnhof.
Sie wussten gar nicht, dass Sanzkow einen Bahnhof hat? Es steht aber groß dran über der Hofeinfahrt von Georg Schmidt. Der Berliner Rentner hat sein gesamtes Arbeitsleben bei der Deutschen Bahn verbracht – das Hobby Gartenbahn ist ihm geblieben. Die Schienen führen über den ganzen Hof bis nach oben in die Scheune. Die Brücken sind nur leider ein wenig windanfällig – und Wind weht im Tollensetal immer. „Ich mache das für mich ganz allein“, erzählt er, „mein ganzes Leben schon. Nur manchmal kommen die Kinder gucken, die im Sanzkower „Bürgerhaus“ die Ferien verbringen. Dass sich sein eigenes „Frauchen immer ein bisschen benachteiligt fühlt“, habe aber einen anderen Grund, erklärt Georg Schmidt: Sein „Kind“, der Papagei Susi. Immer und überall ist der Vogel dabei, Schmidt fährt sogar mit seiner Susi auf der Schulter durch Berlin, geht mit ihr shoppen. „Mein Frauchen hat sich als Ausgleich inzwischen Tüffi angeschafft“, lacht er: „einen Hund.“
Im Dorf wohnen auch eine Reihe junger Leute. Zu denen gehört Stefan Steuer. Er hat gerade einen sehr schweren Gang hinter sich: Eben war er im Amt und hat den „durstigen Bären“ vom Haupt- in den Nebenerwerb umgemeldet. Drei Generationen Dorfkrug Sanzkow sind damit so gut wie Geschichte.
„Es rechnet sich einfach nicht mehr. Ich habe eine Festanstellung außerhalb angenommen, das ist sicherer, als hier auf Gäste zu warten. Gastronomie auf dem Dorf ist ein sterbender Zweig.“ Stefans Großvater Robert Steuer hatte das Haus im Herzen der Gemeinde 1972 gekauft und sich mit der Gaststätte schon zu DDR-Zeiten selbstständig gemacht. Bis er 80 Jahre alt war, hat er die Gaststätte geführt, und auch nur aufgehört, weil seine Frau erblindete. 91 Jahre alt ist der Opa geworden, und dann friedlich in Sanzkow eingeschlafen. Was aber danach die gesamte Familie erschütterte: Acht Wochen später starb auch sein Sohn. „Mein Vater hatte sich damals noch den Namen „Zum durstigen Bären“ ausgedacht, erzählt Stefan Steuer. So kam es, dass er selbst vor 13 Jahren den Dorfkrug übernahm, unterstützt von seiner Mutter Regina, die inzwischen aber auch eine Festanstellung hat: Nachdem sie morgens um 4 den Nordkurier ausgetragen hat, holt sie als Fahrdienst Leute ab und bringt sie in die Demminer AWO-Tagesstätte. „Es war eine schöne Zeit mit der Gaststätte hier, wir hatten viele Familienfeiern und Stammgäste vor allem unter den Paddlern. Doch die würden durch die nervenden Krau-
tungen mitten in der Saison auch immer weniger: „Wer einmal in einer Krautsperre steckte, kommt nie wieder.“ Schade sei es immer gewesen, dass der Dorfkrug nie in die Beköstigung der Gäste zum Sanzkower Dorffest einbezogen war, finden sie. Aber dafür sei der Truck des „durstigen Bären“ rundum in den Gemeinden bis hin nach Greifswald und zum Havelberger Pferdemarkt sehr gefragt gewesen. Für die Ferienlager im „Bürgerhaus“ 300 Meter weiter hätten sie auch immer gekocht.
Doch auch dort wird es in diesem Sommer ruhiger. „Das ist soooooo schade“, finden Restaurantleiterin Liane Pietsch und Betreuer Ekkehard Grundmann, die gerade zu einer Koch-, Restaurant- und Gastgewerbe-Azubi-Teamfahrt in dem urigen Haus weilen. „Der Berliner Verein Bürgerhaus kümmert sich um junge Leute, die nicht die typischen Ausbildungsvoraussetzungen haben“, erklärt Ekkehard Grundmann. „Schade, aber eine andere Unterkunft werden wir uns künftig nicht leisten können“, bedauert Liane Pietsch. „Wir haben einfach jetzt baulich ganz viel zu tun“, erklärt Günther Kny, der das Haus des Vereins betreut, in Sanzkow wohnt, und in der Demminer Tagesstätte für Menschen in sozialen Notsituationen sowie ehrenamtlich bei der Demminer Tafel arbeitet. Elf Workcamps gab es bisher schon beim Bürgerhaus e. V. . „Und alle lieben die Idylle hier mit den alten Bäumen, Booten, Schafen, Pferden ...“ Ein Gast habe ihm gerade gesagt: „Es ist hier wochentags so wie in Berlin nur sonntags.“ Einfach schön eben. Im Sommer jedenfalls ...

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