ANONYME SCHMIEREREI

Fieser Angriff auf die Seele einer Ex-Demminerin

Auf solche Grüße aus der Heimat kann man verzichten: Obszöne Schmierereien an ihrem früheren Wohnort Demmin machten Lena (14) das Leben zur Hölle.
Ordnungsamtschef Jörg Küthe dokumentierte den Schriftzug und sorgte für seine Entfernung.
Ordnungsamtschef Jörg Küthe dokumentierte den Schriftzug und sorgte für seine Entfernung. Kai Horstmann
Warum ihre Telefonnummer mit einem obszönen Text auf einen Bürgersteig geschmiert wurde, weiß Lena bis heute n
Warum ihre Telefonnummer mit einem obszönen Text auf einen Bürgersteig geschmiert wurde, weiß Lena bis heute nicht. Der daraus resultierende Anruf warf sie aus der Bahn. Monika Skolimowska
Demmin ·

Eine ominöse Handynummer versuchte kürzlich immer wieder, die 14-jährige Lena – einst Demminerin, seit drei Jahren wohnt die Schülerin in einem anderen Bundesland – zu erreichen. Irgendwann, als der Anrufer es bereits ein Dutzend mal versucht hatte, ging sie im vermeintlich richtigen Moment ran. Doch was sie zu hören bekam, schockierte und beschämte das Mädchen.

„Du Hure, du Schlampe“, raunte ein unbekannter junger Mann auf Deutsch und Russisch. „Dann forderte er mich auf, ihm einen zu blasen“, erzählt Lena. Und weiter: „Im Hintergrund lachte ein Mädchen.“ Der Anrufer, Lena schätzt ihn auf 19 bis 21 Jahre, sagte auch, dass es von ihr Nacktbilder im Internet gebe. „Aber ich habe mich nie nackt fotografieren lassen.“

Letzteres war wohl zum Glück nur eine leere Drohung. Die Stimme des Unbekannten, die widerlichen Beschimpfungen und Aufforderungen am Anfang des Gesprächs, brannten sich jedoch schmerzhaft in Lenas Bewusstsein. Wer wollte sie dermaßen demütigen – und warum? Als sich der Anrufer am nächsten Tag wieder meldete, konfrontierte sie ihn mit dieser Frage. Die Antwort machte den Teenager fassungslos: Auf einem Demminer Bürgersteig stehe doch geschrieben: „Ich blas dir einen für 10 Euro“. Darunter sei ihre Handynummer vermerkt.

Tief verletzt von allen zurückgezogen

Lena schickte sofort ihren Bruder los, der noch nahe Demmin lebt – doch der fand die Schmiererei nicht. Später sendete der unbekannte Anrufer ein Handyfoto mit dem Schriftzug. Lena war verzweifelt: In was für eine ekelhafte und unsägliche Geschichte war sie da hineingeraten? Vor wenigen Jahren hatte sie in Demmin noch einem Mädchen an ihrer alten Schule geholfen, als dieses gemobbt wurde – jetzt war sie in ihrer alten Heimat plötzlich selbst Opfer geworden. Und das, obwohl sie schon so lange nicht mehr dort lebt. „Man denkt nicht, dass so etwas einen mal selber treffen kann“, sagt Lena.

Lenas Leben ging nach den Anrufen ganz normal weiter – doch das Mädchen veränderte sich. Gegenüber der Mutter verhielt sich Lena abweisend. Nur nicht reden. Schon gar nicht darüber, was passiert war. Wenn sie aus der Schule kam, huschte sie sofort ins Zimmer. Nicht mal gegenüber ihrem Bruder, der spürte, dass etwas nicht stimmt, konnte sich Lena öffnen. „Ich habe mich allein gefühlt, weil ich weder mit der Familie oder Freunden darüber sprechen wollte.“ Eine Zeit lang hoffte sie, dass alles von allein vorbeigehen würde – aber das tat es nicht. Im Gegenteil: Manchmal dachte das Mädchen sogar darüber nach, sich zu ritzen oder anderweitig selbst zu verletzen – um damit Schmerz der Demütigung zu übertünchen.

Gespräch mit der Mutter tat richtig gut

Die Geschichte erreichte den Nordkurier, was völlig unerwartet zu einer ersten positiven Wendung führte. Lena hatte nichts dagegen, dass das, was ihr passiert war, anonymisiert in der Zeitung erscheint – doch der Autor verlangte dafür die Zustimmung ihrer Eltern und ermutigte das Mädchen, ihnen von ihrem Problem zu erzählen. Lena überlegte hin und her – und öffnete sich tatsächlich ihrer Mutter. Es kostete sie viel Überwindung, war aber der Durchbruch. „Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich mich nach dem Gespräch richtig befreit gefühlt habe“, erinnert sich Lena. „Ich habe gemerkt, dass es mir richtig gut getan hat.“

Auch die Mutter war sehr froh darüber, dass sich ihre Tochter ihr anvertraut hat. Aber auch sie bekam es mit der Angst zu tun. Was für Leute sind da mit welchen Absichten in die Privatsphäre ihres Kindes eingedrungen? Was, wenn sich dunkle Gestalten der Rotlichtszene wegen der obszönen Schmiererei berufen fühlen, anzurufen – und ihre Tochter mit großen Versprechungen ins kriminelle Milieu locken? Jugendliche sind ja manchmal sehr leichtgläubig und schnell zu beeinflussen! Die Gedanken einer Mutter laufen in so einem Moment natürlich auf Hochtouren, alles Schlimme ist plötzlich vorstellbar.

Gestärkt aus der Krise gekommen

Zum Glück blieb es bei dem einen Anrufer. Trotzdem war das Ganze kein Dummerjungenstreich, betont Ordnungsamtsleiter Jörg Küthe, den der Nordkurier im Zuge der Recherchen informiert hatte. Nach umgehender Inaugenscheinnahme des Schriftzugs veranlasste er sofort, das schmuddelige Gekrakel zu entfernen. „Auf was für Ideen da einige kommen, das ist unbegreiflich“, so Küthe.

Lena ist gestärkt aus der Krise herausgegangen. „Ich empfehle, stark zu bleiben“, rät sie anderen von Mobbing betroffenen Teenagern. „Auch die schlechteste Zeit geht einmal vorbei. Vor allem sollte man mit anderen darüber reden. Mit den Eltern, Geschwistern und Freunden. An der Schule gibt es Vertrauenslehrer. Oder aber auch mit den anonymen Sorgentelefonen, die sich diesen Problemen annehmen.“ Sich selbst zu verletzen sei keine Lösung, so Lena.

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Kommentare (1)

Es beginnt schon in der Schule und kann jeden treffen!