Der Tutower Ornithologe Friedhelm Ziemann beobachtet am liebsten Störche, Greifvögel und Eulen, kennt sich aber auch
Der Tutower Ornithologe Friedhelm Ziemann beobachtet am liebsten Störche, Greifvögel und Eulen, kennt sich aber auch mit den heimischen Gartenvögeln aus. Christine Gerhard
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Wer lässt es sich denn hier schmecken? Noch bis Sonntag sind alle Vogelfeunde aufgerufen, bei der Stunde der Gartenvögel mitzumachen. Stefan Hoeft
Vogelzählung

Eine Stunde Vogelkunde am Wohnzimmerfenster

Der Blick ins gut besuchte Futterhäuschen trügt: Auch die Vögel in den Siedlungen haben es schwer. Noch bis Sonntag werden sie bei der Stunde der Gartenvögel gezählt.
Demmin

Es war kalt, aber windstill und sonnig am Donnerstag in Demmin. Beste Bedingungen für die Aktion „Stunde der Wintervögel” des NABU, die an diesem Tag startete und noch bis einschließlich Sonntag läuft.

So lange haben Naturfreunde Zeit, innerhalb einer Stunde die Vögel vor dem Fenster, in Garten oder Parks zu identifizieren, zu zählen und die Ergebnisse an die Naturschützer zu übermitteln. Die breit angelegte, regelmäßige Aktion soll laut NABU dazu beitragen, schleichende Veränderungen in der Vogelwelt festzustellen.

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Kälte ist kein Problem, aber fehlende Nahrung

Den Vögeln, die die freiwilligen Helfer dabei in den Gärten und Parks der Region beobachten können, geht es im Vergleich zu ihren Verwandten in offeneren Landschaften zwar noch recht gut, wie der Tutower Ornithologe Friedhelm Ziemann berichtet.

Er kennt sich aus mit der Vogelwelt im Altkreis Demmin und darüber hinaus, weiß, dass die Kälte den Meisen, Sperlingen, Rotkehlchen, Amseln und Grünfinken und auch den Wintergästen aus Nordeuropa wie dem hübsch gefärbten Bergfink oder dem Seidenschwanz nichts ausmacht. „Das Limitierende ist die Nahrung”, erklärt er. „Davon brauchen sie jetzt viel, um die Körperwärme zu erhalten.”

Vielfalt hat abgenommen

Doch obwohl die in Siedlungen lebenden Vögel besser im Futter stehen als jene in Wald und Flur – selbst in den Gärten und Parks haben sich die Bestände, wie überall in den letzten Jahren, dezimiert. Friedhelm Ziemann erinnert sich, dass die Dichte vor 20 Jahren noch wesentlich höher war.

Zusätzlich habe die Vielfalt abgenommen, auch hier in Vorpommern mit seiner vergleichsweise artenreichen Vogelwelt. „Wenn man früher eine ein- bis zweistündige Vogelstimmenwanderung durch verschiedene Biotope unternommen hat, konnte man 40 bis 50 Arten hören”, verdeutlicht der Experte. „Heute sind es vielleicht noch 30. Man muss deutlich öfter oder länger unterwegs sein.”

Grund dafür sei der Verlust von geeignetem Lebensraum und Nahrung durch die intensive Landwirtschaft und natürlich den Klimawandel. Der führt auch dazu, dass einige Vögel früher aus ihren Winterquartieren zurückkehren, um als erste ihre Reviere zu besetzen. Der erste Storch der Region trifft so laut Ziemann für gewöhnlich schon Ende Januar, Anfang Februar in der Nähe von Teterow ein.

Klimawandel verändert die Vogelwelt

Einige Vögel nehmen die Reise in den Süden überhaupt nicht mehr auf sich oder fliehen spontan, wenn es doch noch einmal richtig kalt wird. Zu spät sei es dann noch nicht, meint Ziemann. Für die Kraniche sei so ein Flug nach Frankreich oder Spanien schließlich ein Katzensprung. Auch kleinere Vertreter wie Bachstelzen und Mönchsgrasmücken überwinterten verstärkt in der Region.

Doch der Klimawandel und andere Umweltprobleme verändern die Vogelwelt ganzjährig. Insbesondere Bodenbrüter wie Feldlerche oder Rebhuhn hätten hierzulande stark unter den Entwicklungen gelitten, weiß Ziemann. Und selbst Kraniche, die mit ihrem unverkennbaren Ruf in Vorpommern recht häufig zu hören sind, bekommen seit einigen Jahren weniger Nachwuchs.

Seeadler als Gewinner

Der Ornithologe vermutet, dass durch die vergangenen trockenen Frühjahre viele Brutgebiete trocken gefallen und so für Raubtiere leichter zugänglich sind. „Kraniche sind aber sehr standorttreu”, erklärt er. „Sie versuchen, trotzdem zu brüten.” Warum der Storchenbestand, der insgesamt steigt, ausgerechnet im Storchenland Mecklenburg-Vorpommern stark rückläufig ist, sei dagegen noch ein Rätsel.

Doch es gibt auch Gewinner: See- und Fischadler zum Beispiel fühlen sich laut Ziemann in der Region weiterhin wohl. „Sie sind streng geschützt, viele interessieren sich für diese Tiere”, erklärt der Experte. Überhaupt sieht er im Interesse von Bevölkerung und Politik einen Schlüssel für den Umweltschutz. „Viele haben sich von der Natur entfernt”, sagt er.

Da half aus seiner Sicht auch die Pandemie nicht, während der sich einige Ornithologie-Neulinge dem Hobby Vogelbeobachtung zugewandt hatten. Den Bezug zur Natur zu stärken, das müsse schon in der Schule anfangen, meint Ziemann, denn: „Was der Mensch nicht kennt, schützt er nicht.”

Naturschutz fängt zu Hause an

Getan wird nach seiner Ansicht trotz der Renaturierung der Moore, durch die pommersche Raritäten wie das Tüpfelsumpfhuhn, Wasserrallen oder Lemikolen wieder aufgetaucht sind, bei Weitem noch nicht genug. „Wir müssen nachhaltiger wirtschaften, nicht nur auf Gewinn, nicht immer das Letzte rausholen”, mahnt der Experte.

Doch nicht nur die Politik kann den Vögeln helfen: „Naturschutz fängt bei jedem zu Hause an”, ist Ziemann überzeugt. „Die Masse macht es.” So könne auf dem eigenen Grundstück jeder darauf achten, den Garten so zu bewirtschaften, dass die Vögel dort ausreichend Nahrung finden.

Plädoyer für „wilde Ecken”

Das bedeutet: heimische Pflanzen – denn mit vielen exotischen Gewächsen können die heimischen Insekten laut Ziemann wenig anfangen –, eine ökologische Bewirtschaftung, möglichst wenig Versiegelung, keine übertriebene Ordnung, vielleicht eine „wilde Ecke”. Um gemütlich aus dem Wohnzimmerfenster hinaus Vögel zu beobachten, braucht es dann nur noch Zeit, ein Fernglas und ein gutes Bestimmungsbuch.

Wer sich an der Aktion „Stunde der Wintervögel” beteiligen möchte, findet weitere Informationen unter www.nabu.de.

 

 

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