75 JAHRE KRIEGSENDE IN DEMMIN

Einstiges Horst-Wessel-Ufer wird Gedenkort für Massensuizid

Trotz historischer Belastung der Stelle in Demmin hält die Arbeitsgruppe an ihrem favorisierten Standort für den „Garten der Erinnerung“ fest. Es gibt sogar erste Entwürfe.
Jetzt steht es fest: Auf der freien Grünfläche neben der Brücke zum Hanseviertel wird Demmins neuer Gedenkplatz
Jetzt steht es fest: Auf der freien Grünfläche neben der Brücke zum Hanseviertel wird Demmins neuer Gedenkplatz entstehen. Kai Horstmann
So könnte Demmins „Garten der Erinnerung” einmal aussehen: Schautafeln sollen Einheimische und Touristen &uum
So könnte Demmins „Garten der Erinnerung” einmal aussehen: Schautafeln sollen Einheimische und Touristen über die schrecklichen Ereignisse im Frühjahr 1945 und die wechselvolle Geschichte des Standorts informieren, Sitzbänke zum Verweilen und Innehalten einladen. ZVG/Ingenieurbüro Teetz
Demmin ·

Nach monatelanger Diskussion scheint nun endlich Klarheit darüber zu bestehen, wo der neue Platz zum Gedenken an die Opfer des Demminer Massensuizids im Frühjahr 1945 entstehen soll. „Wir haben uns nach nochmaliger Beratung innerhalb der Arbeitsgruppe dazu entschieden, dass die Fläche vor der Fischerinsel trotz ihrer wechselvollen Vorgeschichte am besten für den geplanten ‚Garten der Erinnerung‘ geeignet ist“, erklärte der UWG-Fraktionsvorsitzende Eckhardt Tabbert gegenüber dem Nordkurier. Dieser Standort war zuletzt in die Kritik geraten, weil der gesamte Uferbereich neben der heutigen Brücke zum Hanseviertel von 1933 bis 1945 den Namen der Nazi-Ikone Horst Wessel trug.

„Will die Arbeitsgruppe den Neonazis zukünftig wirklich diese Stätte als Podium für ihren alljährlichen Mummenschanz am 8. Mai anbieten?“, fragte kürzlich Wolfgang Holst vom SPD-Ortsverein und warf den Verantwortlichen eine ignorante Haltung bei der Wahl des Gedenkortes vor. Eckhardt Tabbert wies diesen Vorwurf nun vehement zurück. „Es gibt viele Plätze und Gebäude in der Stadt, die zur Zeit des Nationalsozialismus nach NS-Größen benannt wurden und heute für andere Zwecke genutzt werden.“ Deswegen spreche auch nichts dagegen, auf der Fläche vor der Fischerinsel eine Erinnerungsstätte zu errichten. Die Vorbereitungen für dieses Projekt seien bereits in vollem Gange, betonte der UWG-Mann.

Gedenkort soll möglichst bunt und einladend gestaltet werden

So wurden in Zusammenarbeit mit Steffen Teetz vom gleichnamigen Demminer Ingenieurbüro schon einige Vorentwürfe erarbeitet, die zeigen, wie der „Garten der Erinnerung“ künftig aussehen könnte. Der neue Gedenkort soll demnach mit Blumenrabatten, blühenden Sträuchern und mehreren Sitzbänken möglichst bunt und einladend gestaltet werden. Auf großen Schautafeln können sich Einheimische und Touristen entlang eines angelegten Rundwegs über die damaligen Ereignisse und die Geschichte des Platzes informieren. Denkbar wäre es auch, das von Cora Fisch geschaffene „ResonanzFELLd“ am Stichkanal in den neuen Gedenkplatz zu integrieren, wenn die Künstlerin dem zustimmen sollte, versicherte die Arbeitsgruppe. Für diesen Vorschlag hatte sich jüngst auch die Fraktion des Demminer Interessenverbundes (IVD) starkgemacht.

Eigentlich wollten die Mitglieder der Arbeitsgruppe in dieser Woche erneut zusammenkommen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Doch nun hat die Corona-Pandemie ihren Plänen einen Strich durch die Rechnung gemacht, wie Ernst Wellmer mitteilte. „Wegen der aktuellen Kontaktbeschränkungen müssen wir unsere Sitzung bedauerlicherweise auf einen späteren Zeitpunkt verschieben“, so der Altbürgermeister. Sobald Zusammenkünfte wieder erlaubt sind, wolle man darüber beraten, welche der von Zeitzeugen überlieferten Erlebnisberichte und Bilder aus Karl Schlössers Zyklus „Brennendes Demmin“ auf den Schautafeln veröffentlicht werden könnten. Außerdem soll dann ein erster Kostenrahmen für die Planungsarbeiten vorgelegt werden. Im Haushalt der Stadt stehen für die Realisierung des Projekts immerhin 10.000 Euro zur Verfügung.

Ob der „Garten der Erinnerung“ wie ursprünglich geplant noch in diesem Jahr eingeweiht werden kann, steht derzeit aber noch in den Sternen. „Das lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt schwer sagen und hängt letztlich auch davon ab, wann eine Firma gefunden wird, die die Baumaßnahme bei der Fischerinsel ausführt“, sagte Eckhardt Tabbert.

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Kommentare (2)

Das jenseitige Ufer war damals unerreichbar! Alle Brücken gesprengt; Demmin war wie eine Mausefalle. Die Unglücklichen nahmen sich auf der anderen Seite das Leben.

war ein junger Sturmabteilungsmann (SA) in Berlin. Im Winter 1930 wurde er abends beim Öffnen seiner Wohnung von Kommunisten ins Gesicht erschossen. Er war der Verfasser des Horst-Wessel-Liedes, das zu DEM Nazi-Lied wurde. Von 1933 bis 1945 bildete es im Anschluss an das Deutschlandlied den zweiten Teil der Nationalhymne. Zudem wurde das eigentlich kommunistische Lied "Der kleine Trompeter" auf Horst Wessel umgetextet und zu einem Kampflied der neuen Bewegung, das damals jeder mitsingen konnte.