Früher trafen sich die Plattdeutsch-Freunde im Museum. Heute lesen sie einander in der Bibliothek ihre niederdeutschen Te
Früher trafen sich die Plattdeutsch-Freunde im Museum. Heute lesen sie einander in der Bibliothek ihre niederdeutschen Texte vor. Foto: Christine Gerhard Christine Gerhard
Einige Stimmen des Plattdeutsch-Freundeskreises sind inzwischen auf CD konserviert. Foto: Pablo Himmelspach
Einige Stimmen des Plattdeutsch-Freundeskreises sind inzwischen auf CD konserviert. Foto: Pablo Himmelspach Pablo Himmelspach
Mit Fritz Reuter hat eine Teilnehmerin Plattdeutsch gelernt. Um ihre Patienten zu verstehen. Foto: Simon Voigt
Mit Fritz Reuter hat eine Teilnehmerin Plattdeutsch gelernt. Um ihre Patienten zu verstehen. Foto: Simon Voigt Simon Voigt
Kulturgut

Engagiert für den Erhalt der plattdeutschen Sprache

Der Freundeskreis Plattdeutsche Sprache ist nicht mehr so groß wie früher. Nicht nur „Muttersprachler” kämpfen bei den Veranstaltungen für das Niederdeutsche.
Demmin

Beim Tee- und Kaffeetrinken haben sie immer noch eine Hand frei für die Bücher und selbst ausgedruckten Din A4-Seiten, die sie vor sich auf dem Tisch oder auf dem Schoß ausgebreitet haben. Und ein Ohr für die vertraute und doch irgendwie fremde Sprache, die die Unterhaltung an der Kaffeetafel bestimmt.

Lange ist es her, dass sie zuletzt so zusammen am Tisch saßen. Vor den Kontaktbeschränkungen hatten noch mehr Liebhaber der Sprache dem Plattdeutschen Nachmittag beigewohnt. Etwa doppelt so viele waren vor Ausbruch der Pandemie in Deutschland etwa zum beliebten Weihnachtstreffen gekommen, bei dem Kochrezepte ausgetauscht werden und das Schifferklavier spielt.

Früher, als der Plattdeutsche Nachmittag noch im Museum stattfand, hätten sich regelmäßig sogar zwischen 30 und 40 Demminer zum Plattdeutschsprechen getroffen, erinnert sich Karsten Behrens vom Heimatverein. Vor etwa 25 Jahren hatte die pensionierte Deutschlehrerein Margarete Klitzing den Freundeskreis Niederdeutsche Sprache ins Leben gerufen. Damals war sie abgesehen von gelegentlichen musikalischen Einlagen die „Alleinunterhalterin“ bei den Veranstaltungen gewesen. „Sie hat sich sehr genau vorbereitet und hatte immer vier bis sechs Bücher voller Lesezeichen vor sich auf dem Tisch“, weiß Klaus Martens, der seit den ersten Treffen mit dabei ist. Inzwischen lesen alle Teilnehmer vor: kurze Texte, lustige Anekdoten, Witze, Gedichte. Manche, wie Walter Häberer, schreiben ihre Beiträge selbst. Andere tragen Sprüche auswendig aus dem Gedächtnis vor, geraten dabei aber schon mal ins Stocken oder wissen nicht weiter. Die Erinnerungen an die alten Verse sind nicht ganz erhalten geblieben.

Pandemie machte Strich durch die Rechnung

Zehn Plattdeutsch-Freunde hatten sich für den Austausch in der Hansebibliothek versammelt; wenige verglichen mit der Zeit vor der Corona-Pause. Die Pandemie habe dem Format einen Strich durch die Rechnung gemacht, so Behrens, schon allein, weil bis auf die Schülerin Jette alle Teilnehmer der Risikogruppe angehören. „Es muss erst mal wieder eine Regelmäßigkeit aufkommen“, meint Behrens. Jeweils am vorletzten Dienstag des Monats solle das Treffen stattfinden. „Davon erhoffe ich mir wieder steigende Teilnehmerzahlen.“

Behrens selbst hat das Plattdeutsche als Kind von seinen Großeltern gehört, insbesondere wenn diese mit gleichaltrigen Freunden und Bekannten sprachen. Auch in seinem Elternhaus seien gelegentlich niederdeutsche Texte vorgelesen worden, doch „meine Eltern haben uns nicht zum Sprechen motiviert“, erinnert sich Behrens. „In der Schule war das nicht erwünscht.“ Die Kinder sollten hochdeutsch schreiben und sprechen lernen.

Bruch für die Weitergabe der Sprache

Nun, da die Großeltern nicht mehr leben, fällt es Karsten Behrens nach eigenen Angaben schwerer, ins Plattdeutsche zu wechseln. „Man spricht zu selten“, meint er. Für die Weitergabe der Sprache bedeutet das einen Bruch, auch wenn sie an einigen Schulen, wie etwa dem Demminer Goethe-Gymnasium, inzwischen als Unterrichtsfach etabliert ist: „Wenn die, die Plattdeutsch noch natürlich sprechen, nicht mehr da sind, machen wir das alles nur mit dem Wörterbuch“, erklärt Behrens.

Schon jetzt sind längst nicht alle Teilnehmer des Plattdeutschen Nachmittags Muttersprachler: In Klaus Martens‘ Familie etwa wurde kein Niederdeutsch gesprochen, doch als Demminer hörte er die Sprache früher ständig in seinem Umfeld. Vor allem, wenn er als Vermessungsingenieur auf dem Land unterwegs war. Auch viele seiner Kollegen unterhielten sich auf Platt. „Manche konnten gar kein Hochdeutsch sprechen, da war es schon wichtig, Plattdeutsch zu verstehen“, erzählt Martens.

Eine andere Teilnehmerin stammt aus Thüringen. Um sich besser mit ihren Patienten in Demmin verständigen zu können, fing sie an Texte von Fritz Reuter zu lesen. „Ich habe mich dadurch immer mehr für die Sprache interessiert“, erzählt sie, nachdem sie auf dem Plattdeutschen Nachmittag flüssig mehrere humorvolle Anekdoten vorgetragen hat.

Eine kommunikative Notwendigkeit, Plattdeutsch zu beherrschen, besteht inzwischen zwar nicht mehr – von ein paar Wortwechseln zwischen Klaus Martens und einem niederländischen Sangesbruder, der Plattdeutsch aufgrund der Verwandtschaft recht gut verstehe, einmal abgesehen. Trotzdem findet der Demminer es wichtig, Niederdeutsch als Kulturgut zu bewahren. „Ich fand die Sprache immer interessant“, erklärt er und betont: „Es ist eine Sprache, kein Dialekt.“ Und innerhalb dieser gebe es viele Variationen. „Die Mecklenburger sprechen zum Beispiel ein ganz anderes Platt als die Hamburger. Und in Vorpommern schnacken wir nicht, wir räden“, so Klaus Martens. Dieses „räden“ entspricht der hochdeutschen Übersetzung aus seiner Sicht nur bedingt.

Ausdrücke, die auf Hochdeutsch beleidigen

„Niederdeutsch ist eine urwüchsige, deftige Sprache“, erklärt Martens. „Darin kannst du Ausdrücke loslassen, die könntest du auf Hochdeutsch gar nicht sagen, weil sie als beleidigend aufgefasst werden würden. Dösbaddel zum Beispiel. Auf Platt nimmt man das ganz locker hin.“

Eine solche Faszination ist aus Sicht von Behrens nötig, um das Niederdeutsche zu bewahren. Er hofft, dass die Plattdeutschgruppe in Zukunft weitere Projekte mit Schulen durchführen kann, so wie vor einiger Zeit am Goethe-Gymnasium. Das hatte um Unterstützung bei einem niederdeutschen Theaterstück gebeten. „Ich dachte nicht, dass so viele teilnehmen würden, ich hatte befürchtet, die Hemmschwelle wäre höher“, erzählt Behrens. Doch viele Plattdeutschsprecher hätten Freude daran gehabt, den Schülern etwa bei Aussprache und Satzbau zu helfen.

„Vielleicht kann man so etwas wiederholen“, überlegt Behrens. Zurzeit können Kinder und Jugendliche das Demminer Platt auch so weit über die Stadtgrenzen hinaus hören. Die vom Heimatverein initiierte und von den Plattdeutsch-Freunden aufgenommene CD wurde nach Angaben von Behrens an alle Schulen des Bundeslands verteilt.

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Kommentare (2)

Ein Kampf auf verlorenem Posten. Nur eine Sprache die auch im Alltag gesprochen und nicht belächelt wird hat eine Zukunft.

Wer in Zürich Schriftdeutsch - und nicht Züridütsch - spricht, der ist ein Außenseiter! Davon sind wir mit dem Plattdütschen weit entfernt. Noch vor hundert Jahren war es die Alltagsspache der einfachen Leute.