RASSISMUS

Erinnern an den Ermordeten im Zarrenthiner Kiessee

Im April 2001 wurde am Zarrenthiner Kiessee ein algerischer Asylbewerber ermordet. Nun soll 19 Jahre danach des 31-Jährigen gedacht werden. Dabei geht es auch um die Einordnung der Tat.
Trügerische Idylle, Tatort Südufer: Einst kam man mit dem Auto noch direkt bis an den Steilhang des Zarrenthiner Kie
Trügerische Idylle, Tatort Südufer: Am Steilhang des Zarrenthiner Kiessees bei Jarmen wurde in der Nacht zum 22. April 2001 der algerische Asylbewerber Mohammed Belhadj von vier jungen Vorpommern so misshandelt, dass der 31-Jährige vor Ort starb. Stefan Hoeft (NK-Archiv)
Ende April 2001 wurde unter anderem an der Bushaltestelle in Zarrenthin bei Jarmen mit diesem Aufruf der Polizei um Zeugeninfo
Ende April 2001 wurde unter anderem an der Bushaltestelle in Zarrenthin bei Jarmen mit diesem Aufruf der Polizei um Zeugeninformationen gebeten. Stefan Hoeft (NK-Archiv)
Zarrenthin ·

Der Zarrenthiner Kiessee bei Jarmen gilt als beliebte Naherholungs-Oase für die Einwohner aus der Peenestadt und ihrer Umgebung Die dortige Badeanstalt der Gemeinde Bentzin zieht zunehmend auch Besucher aus den Bereichen Greifswald, Anklam und Neubrandenburg an.

Doch vor genau 19 Jahren erreichte das von einem Tagebaubetrieb herrührende Gewässer einen Bekanntheitsgrad, der noch viel weiter hinausreichte: Sonntagsspaziergänger fanden am Morgen des 22. April 2001 am Ufer die Leiche von Mohammed Belhadj, einem 31-jährigen algerischen Asylbewerber.

In der Nacht zuvor ermordet von vier aus Greifswald und von der Insel Usedom stammenden Männern zwischen 18 und 22 Jahren, wie die Polizei Wochen später nach schwierigen und von Fahndungsplakaten begleiteten Ermittlungen herausfand.

Drogenkriminalität oder klar rassistisches Motiv?

Drei der Tatbeteiligten wurden zweifelsfrei für schuldig befunden und nach dem Jugendstrafrecht zu Gefängnis zwischen fünf und neun Jahren verurteilt – der vierte Verdächtige hatte sich in der Untersuchungshaft das Leben genommen. Die offizielle Einstufung des Verbrechens allerdings sorgte für einige Kritik und Unmut, die bis heute anhalten.

Während Richter und Behörden das Ganze nämlich ausschließlich als Verdeckung einer Straftat im Zusammenhang mit Drogenkriminalität klassifizierten, gehen andere von klar rassistischen Motiven aus oder sehen darin zumindest einen Teil der Beweggründe für die Tat. Und verlangen deshalb eine neue Einordnung des Zarrenthiner Falls, bestärkt durch die öffentlichen Debatten nach rechtsextrem-motivierten Gewalttaten der jüngeren Vergangenheit in Deutschland.

„Es gibt keine Form des Gedenkens“

Die Forderung: Mohammed Belhadj soll staatlich als Todesopfer rechter Gewalt anerkannt und entsprechend an ihn erinnert werden, wie Heinz Wittmer vom „Aktionsbündnis 8. Mai Demmin“ dem Nordkurier erklärte. Und zwar auch dort, wo der Algerier ermordet wurde. „Es gibt keine Form des Gedenkens. Er ist in Vergessenheit geraten“, lautet sein Resümee. Deshalb wollten er und seine Mitstreiter zusammen mit anderen Gruppen und Initiativen eigentlich am Mittwoch zum Jahrestag der Bluttat erstmals vor Ort in Zarrenthin eine öffentliche Gedenkveranstaltung abhalten. Mit dem Ziel, so etwas dauerhaft zu etablieren.

Doch nun haben ihnen die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Beschränkungen für Zusammenkünfte einen Strich durch die Planung gemacht. Ganz abgesagt wurde das Erinnern aber trotzdem nicht: „Vor Ort werden ein paar Menschen Blumen ablegen“, kündigte Wittmer an.

Zudem wurde bereits Mitte März beim Gedenken an einen anderen Mord in Ribnitz-Damgarten auch die Tötung von Mohammed Belhadj thematisiert, seither wird darüber hinaus von der antirassistischen Initiative „Pro Bleiberecht“ sehr ausführlich an den Fall erinnert. Demnach hatte der aus Algerien Geflüchtete 2001 bereits acht Jahre lang vergeblich auf Asyl gewartet, wohnte damals in einer Anklamer Sammelunterkunft.

Von Greifswald, dann Richtung Jarmen, nach Zarrenthin in den Tod

Am 21. April indes hielt sich Belhadj in Greifswald auf und traf dort abends an einer Tankstelle auf die besagten vier jungen Vorpommern, denen er die Beschaffung von Drogen versprach, selbst erheblich alkoholisiert. Im Prozess gaben die Angeklagten an, ihr Opfer auf Haschisch angesprochen und schon während der Besorgungsfahrt Richtung Jarmen als „Penner“, „Scheiß-Ausländer“ und „Scheiß-Algerier“ beschimpft zu haben.

Als der 31-Jährige aber nicht liefern konnte beziehungsweise den Übergabeort nicht fand, eskalierte die Situation offenbar immer mehr, wurde der Mann zunehmend auch körperlich malträtiert. Nach stundenlangen Torturen steuerte das Quartett mit seinem Opfer schließlich das Südufer des Zarrenthiner Kiessee an, um ihn ganz „wegzubringen”, wie es einer der Täter geäußert haben soll.

Dort zerrten sie Mohammed Belhadj aus dem Wagen und stießen ihn einen Steilhang hinunter. Dann warfen sie dem im Wasser liegenden schon halbtoten Mann noch ein Stein an den Schädel und überließen ihn seinem Schicksal.

Laut Gerichtsmedizin führten Unterkühlung und Ertrinken zum Tod, maßgebliche Ursache seien die Schläge gewesen. Dabei wurde Mohammed Belhadj derart zugerichtet, dass seine Identifizierung anfangs Schwierigkeiten bereitete. Den Ermittlern half dann, dass sie bei ihm einen Schlüssel fanden, der sich der Asylbewerberunterkunft in Anklam zuordnen ließ.

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Kommentare (1)

Eventuell wäre es effektvoller, nicht nur diesen [entfernt] Asylbewerber sondern auch die Getöteten bei Verkehrsunfällen mit nichtdeutscher Herkunft als Opfer rassistischer Gewalt darzustellen [Anm. d. Red.: Warum vergleichen Sie ein Morddelikt mit Verkehrsunfalltoten? Warum relativieren Sie Mord und rassistische Gewalt?]
Das erwähnte „Aktionsbündnis 8. Mai Demmin“ wird doch von keinem ernst genommen. Es handelt sich um einige wenige verwirrte Salonbolschewisten, welche anonyme Hetze in Demmin verbreiten [Wieso anonym, wieso Hetze?] und größtenteils aus öffentlichen Mitteln finanziert werden.
Wo bleibt hier der Journalismus? [Was ist Ihr Problem? Dass der Nordkurier über dieses Gedenk-Bestreben berichtet? Dass wir aus unserem Archiv und anderen Quellen zitieren? ]
Nur eine einseitige Parteinahme bzw. die Übernahme der kruden Darstellung von fachlich minderbemittelten Leuten ist hier erkennbar. Es wird völlig verschwiegen, weswegen die Tatverdächtigen damals verurteilt wurden. [Wo sehen Sie etwas verschwiegen? Im Artikel hat der Autor geschrieben: "Drei der Tatbeteiligten wurden zweifelsfrei für schuldig befunden und nach dem Jugendstrafrecht zu Gefängnis zwischen fünf und neun Jahren verurteilt. [...] Während Richter und Behörden das Ganze nämlich ausschließlich als Verdeckung einer Straftat im Zusammenhang mit Drogenkriminalität klassifizierten…"]