Marie-Reine Collas-Viehbacher lebt glücklich verheiratet mit ihrem deutschen Mann Werner in Hermannshöhe.
Marie-Reine Collas-Viehbacher lebt glücklich verheiratet mit ihrem deutschen Mann Werner in Hermannshöhe. Kai Horstmann
Marie-Reine Collas-Viehbacher Eltern: Marie-Louise Collas und Maurice Collas in französischer Uniform – Bilder aus
Marie-Reine Collas-Viehbacher Eltern: Marie-Louise Collas und Maurice Collas in französischer Uniform – Bilder aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Kai Horstmann
Marie-Reine Collas-Viehbacher denkt in diesen Tagen viel über ihre Familiengeschichte nach.
Marie-Reine Collas-Viehbacher denkt in diesen Tagen viel über ihre Familiengeschichte nach. Kai Horstmann
Marie-Reine Collas-Viehbacher mit dem Bild ihres Vaters Maurice.
Marie-Reine Collas-Viehbacher mit dem Bild ihres Vaters Maurice. Kai Horstmann
Zum 8. Mai

Erinnerung an einen geliebten Feind

Dass gegenseitigiger Respekt und Freundschaft auch im Krieg möglich sind, zeigt die Familiengeschichte von Marie-Reine Collas-Viehbacher aus Hermannshöhe.
Hermannshöhe

Krieg ist grausam. Gut ist, den Hass zu überwinden. Noch besser ist, keinen Hass zu entwickeln. Am besten ist es, wenn aus Feinden Freunde werden. Marie-Reine Collas-Viehbacher aus Hermannshöhe erzählt zum 77. Jahrestag des Kriegsendes die Erlebnisse ihres französischen Vaters mit einem deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg.

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Der Vater war französischer Offizier

Zwei Gedanken gehen Marie-Reine Collas-Viehbacher in diesen Tagen durch den Kopf: die Grausamkeit des Krieges in der Ukraine und ihre eigene Familiengeschichte, die eng mit den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs verbunden ist. Deutsche und Franzosen waren damals Feinde, heute lebt die Französin mit ihrem deutschen Ehemann Werner in Hermannshöhe. Aber gerade jetzt, da am 8. Mai der 77. Jahrestag des Kriegsendes und des Untergangs des Nazi-Regimes ansteht, denkt sie viel an ihren Vater Maurice Collas. Er war Offizier der französischen Armee. Nachdem am 6. Juni 1944 die Alliierten mit der erfolgreichen Landung in der Normandie das Ende der Hitlerdiktatur einleiteten, kamen innerhalb von sechs Tagen rund 300 000 alliierte Soldaten nach Frankreich und drängen die Wehrmacht immer weiter zurück. „Im Jahr davor bekam meine Mutter Marie-Louise meinen Bruder Didier. Ich selber wurde fünf Jahre später geboren“, berichtet Marie-Reine Collas-Viehbacher.

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Gefangener soll im Haushalt helfen

Durch den Vormarsch der alliierten Streitkräfte gelangten viele deutsche Soldaten in Gefangenschaft. Maurice Collas wurde Adjutant des Kommandanten von Schloss Brienne-le-Cháteau, das als Gefängnis für deutsche Soldaten genutzt wurde. Die Stadt liegt im Département Aube, welches an die westliche Champagne angrenzt. Während Collas seinem Dienst nachging, hatte es seine Frau mit dem Baby nicht leicht. „Da kam mein Vater auf die Idee, einen Gefangenen zu beauftragen, meiner Mutter im Haushalt zu helfen. Mein Vater sagte mir, dadurch hatte dieser Soldat ebenfalls ein angenehmeres Leben“, erinnert sich Marie-Reine Collas-Viehbacher.

Sprachbarrieren sind keine Hürde

Ihr Vater, der damals 30 Jahre alt war, suchte sich den etwa gleichaltrigen deutschen Offizier Karl Mann (Name von der Redaktion geändert) aus. Den Tag über durfte er im Haushalt der Collas arbeiten, musste aber die Nacht weiter im Kriegsgefängnis verbringen. Mann ging einkaufen, kümmerte sich rührend um den kleinen Didier, die Wäsche und den Haushalt. „Obwohl meine Eltern kein Deutsch sprachen und Karl kein Französisch, entwickelte sich zwischen ihnen ein freundschaftliches Verhältnis. Das beruhte auf gegenseitigem Respekt“, schildert Marie-Reine Collas-Viehbacher.

Ein Zettel mit der Adresse

Dann kam der Tag des Abschieds. Karl Mann wurde aus der Haft entlassen und kehrte in die Gegend von Freiburg zurück. Er gab Maurice Collas einen kleinen Zettel mit seiner Anschrift, den dieser in seine Geldbörse steckte. Für beide war die Armeezeit zu Ende und Collas baute eine Maurerfirma auf. Seine alte Geldbörse mit der Anschrift geriet in Vergessenheit, aber nicht die Erinnerungen an den Soldaten Karl.

1958 war der Wunsch, ihn wiederzusehen, so groß, dass er seinem damals 15-jährigen Sohn Didier einen Auftrag gab, per Fahrrad nach Karl zu suchen. „Ich bitte dich, über die Vogesen bis zum Kaiserstuhl zu fahren. In einem Ort, der mit gen endet, wohnt ein Mann mit dem Vornamen Karl. Dem überbringst du eine Nachricht von mir“, sagte Maurice Collas laut der Erinnerungen seiner Tochter.

Auf den Brief folgte eine Einladung

Dass Didier Collas den besagten Karl nicht fand, dessen Nachnamen sein Vater vergessen hatte und dessen Anschrift er anscheinend verloren hatte, ist nicht verwunderlich. Die Familie Collas selber zog mehrmals um, sodass auch der deutsche Soldat keine Möglichkeit hatte, die französische Familie aufzusuchen. Für vier Jahre blieb Karl unerreichbar, die Familie lebte damals in Saucourt-sur-Rognon, bis Maurice Collas seine alte Geldbörse wiederentdeckte. Dort fand er auch den Zettel mit der Anschrift. Da sein Sohn nicht so gut Deutsch sprach, bat er seine Tochter, einen Brief an die angegebene Anschrift zu schicken. „Kurz darauf erhielten wir eine Antwort. Der Brief war in Französisch. Aber dieser stammte nicht von Karl, sondern von seiner Nichte. Versehen war der Brief mit einer Einladung, sie zu besuchen“, berichtet Marie-Reine Collas-Viehbacher.

Die Verbindung besteht noch

Maurice Collas und seine Familie wurden von Karl Mann bei einer seiner Schwestern in Freiburg herzlich empfangen. Begleitet wurde er von seinen beiden Schwestern, ihren Ehemännern sowie ihren Kindern. Marie-Reine Collas-Viehbacher durfte im Sommer sogar ein paar Tage bei ihm in Jechtingen verbringen. Es entwickelte sich eine tiefe Freundschaft mit gegenseitigen Besuchen. Obwohl Karl Mann, seine Schwestern und Collas-Viehbachers Eltern mittlerweile verstorben sind, ist die Verbindung noch nicht abgebrochen. „Zwar habe ich die Kinder von Karls Schwestern seit nunmehr elf Jahren nicht mehr gesehen, aber wir schreiben uns immer wieder noch“, erzählt Marie-Reine Collas-Viehbacher.

Respekt gegenüber anderen Menschen

Nun lebt sie als Französin im damaligen Feindesland. Die Gräben zwischen den beiden Ländern sind schon seit vielen Jahrzehnten durch eine Länderfreundschaft überwunden. Nach Hermannshöhe kam Collas-Viehbacher übrigens über Oaxaca in Mexiko. Dort lernte sie 1974 während einer dreimonatigen Reise durch die USA und Mexiko ihren späteren Mann Werner Viehbacher kennen. Zu der Zeit arbeitete sie in Frankreich als Deutschlehrerin. Zwei Jahre später zog Marie-Reine Collas zu Werner Viehbacher nach Berlin und arbeitete dort fortan als Französisch-Lehrerin. 1981 haben beide geheiratet und kauften 1994 das Haus in Hermannshöhe, das damals auf dem besten Wege war, zu einer abrissreifen Ruine zu verkommen.

„Er hat die Deutschen nie gehasst”

An ihren Vater hat sie stets gute Erinnerungen, vor allem wegen seines Respekts gegenüber anderen Menschen. „Ich glaube, er hat während des Zweiten Weltkrieges nicht auf andere Menschen geschossen. Ich weiß es leider nicht, weil ich mit ihm nie darüber gesprochen habe. Aber ich weiß, dass er die Deutschen nie gehasst hat. Selbst dann nicht, als Hitlers Wehrmacht Frankreich überfiel und tausende Menschen ermordete“, sagt Marie-Reine Collas-Viehbacher.

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