ZEITZEUGIN

Erinnerungen an die Bomben auf Tutow

Vor 75 Jahren kam der Krieg nach Tutow. Der Aufstieg zu einem Zentrum der Fliegerausbildung holte den jungen Ort auf schreckliche Art ein. Es gibt heute nur noch wenige, die wie Anneliese Köster hautnah davon berichten können.
Stefan Hoeft Stefan Hoeft
Der Friseurmeister und seine heute 91-jährige Tochter. „Mein Vater war sehr genau, er sah immer ganz exakt aus“, erinnert sich Anneliese Köster an Otto Wolfgramm, der den Soldaten auf dem Flugplatz Tutow den militärgerechten Haarschnitt verpasste.
Der Friseurmeister und seine heute 91-jährige Tochter. „Mein Vater war sehr genau, er sah immer ganz exakt aus“, erinnert sich Anneliese Köster an Otto Wolfgramm, der den Soldaten auf dem Flugplatz Tutow den militärgerechten Haarschnitt verpasste. Stefan Hoeft
Tutow wurde als Siedlung zum Militärflugplatz in den 1930er Jahren quasi aus dem Boden gestampft.
Tutow wurde als Siedlung zum Militärflugplatz in den 1930er Jahren quasi aus dem Boden gestampft. Stefan Hoeft
Tutow.

„Ich war zu Ostern hier und auch zu Pfingsten“, erzählt Anneliese Köster und blickt dabei ein Dreivierteljahrhundert in ihren Erinnerungen zurück. Sie spricht vom Frühjahr 1944, als ihr Heimatort Tutow insgesamt fünf Mal ins Visier alliierter Bombenangriffe kam. Mit 91 zählt die ehemalige Lehrerin nicht nur zu den ältesten Einwohnern der Gemeinde, sondern zu den wenigen, die heute noch wirklichkeitsgetreu aus eigenem Erleben vom dortigen Geschehen vor 1945 berichten können. Ausgerechnet am ersten Tag des Zweiten Weltkrieges kam sie in die nur ein paar Jahre zuvor mit dem benachbarten Flugplatz aus dem Boden gestampfte Siedlung.

Geboren wurde Anneliese Köster am 24. April 1928 in Stralsund, doch 1935 zog die Familie in die Demminer Holstenstraße, weil ihr Vater Otto Wolfgramm eine Anstellung auf dem Flugplatz im nahen Tutow gefunden hatte – als Zivilist. Dort wurde ein Friseurmeister wie er dringend gebraucht. Selbst kriegsversehrt, übernahm der Mann den im G1-Gebäude eingerichteten Salon auf dem Stützpunkt. Gleich nebenan saß ein Schneider, erinnert sich seine Tochter. Schließlich kannte sie, die am besagten 1. September 1939 mit Mutter und Geschwistern in eine Wohnung über der Ladenzeile an der heutigen Dammstraße nachzog, den Platz und das Umfeld nur zu gut.

„Meine Schwester und ich haben immer sauber gemacht bei meinem Vater“, erinnert sie sich. Überdies durften die Schulkinder, die bis 1940 noch in einer Flugzeug-Reparaturhalle unterrichtet wurden, sowie die Familienangehörigen der Militärs und Angestellten damals solche Einrichtungen wie die Schwimmhalle und den Sportsaal mitnutzen. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schön der Flugplatz fertig war“, schwärmt Köster. Als Kind habe sie sich sehr wohl gefühlt. „Es lebten ja viele Familien in der Siedlung, es war immer was los.“

Vom Idyll zum Schauplatz des Weltkriegs

Doch 1944 warf der Krieg auch über dieses Fleckchen Vorpommern immer dunklere Schatten. Die Gefallenenzahlen nahmen zu, ebenso niederschmetternde Berichte von der Kriegsfront und vor allem die Luftschutzalarmierungen wegen einfliegender Bomberverbände der Alliierten. Anfangs kreuzten deren Routen Tutow höchstens, beziehungsweise blieb der Ort wegen Orientierungs- und Wetterproblemen im letzten Moment noch verschont. Aber am 9. April, dem Ostersonntag, endete diese Ruhe im Ort. Ausgerechnet an diesem Tag kam die Familie Wolfgramm wieder von einer kurzen Besuchsreise nach Hause zurück, erinnert sich die Tochter, große Schäden habe es glücklicherweise noch nicht gegeben.

Das änderte sich am 13. Mai, als die nächste Attacke der United States Army Air Forces folgte und einige Anlagen des Flugplatzes traf. Anneliese Köster absolvierte damals eine Bank-Lehre in Demmin, fuhr dafür sechs Tage die Woche mit hin und zurück. „Der Zug ist sechs Mal am Tag gefahren. Der erste um 6.08 Uhr, da war er schon mit den ganzen Arbeitern für den Flugplatz hier.“ Als sie an jenem frühen Sonnabendnachmittag in den Feierabend rollte, erwischte sie kurz hinter Kruckow der Fliegeralarm. „Dann hielt der Zug an. Wir haben die Flugzeuge gehört, die flogen sehr hoch. Aber die Bomben fielen hauptsächlich in die Wiesen, vor allem Richtung Zemmin.“

Der schwere Angriff dauerte nur 15 Minuten

Pfingstmontag hingegen fand sich die 16-Jährige mitten in einem Inferno wider. Am 29. Mai 1944 bekam der Stützpunkt an der Reichsstraße zwischen Jarmen und Demmin das meiste an Treffern ab. Am selben Tag bombardierte die 8. US-Luftflotte auch jenes heute in Polen liegende Pölitz schwer, von dessen Einwohnern später viele in Tutow landeten, „An Pfingsten war üblich, dass wir gemeinsam auf dem Hof saßen. Da haben wir den Angriff so richtig erlebt.“ Zusammen mit anderen liefen sie in den Luftschutzbunker der nahen Schule. „Dann wackelten die Grundmauern, das spürte man. So eine Viertelstunde, dann wurde es wieder still draußen.“

Ihr Vater befand sich da auf dem Flugplatz, um mit dem jüngsten Bruder Sachen aus dem Frisiersalon zu holen, beide kamen offenbar nur knapp davon. „Die haben die Tür zum Keller gerade zugemacht, da fiel ihnen die fast in den Hacken“, schildert die Tutowerin. „Draußen genau vor der Tür war hinterher ein Bombentrichter. Die eine Wand in dem Laden war vorher ein großer Spiegel, die Scherben waren dann überall verteilt.“ Sie selbst machte sich am Nachmittag mit ihrer Freundin, Bäckerstochter Gisela Wendel, auf den Weg, um wie bereits vorher geplant übrig gebliebene Brötchen und Milch unters Soldatenvolk zu bringen.

„Aber wir haben nur wenig Leute auf dem Flugplatz getroffen.“ Bei Luftschutzalarm rückte fast immer die gesamte Besatzung samt Fahrzeugen in die umliegenden Wälder, Alleen und Dörfer, um sich in Sicherheit zu bringen. So hinderte die beiden Frauen auch niemand, das Militärareal zu betreten. „Wir sind da richtig raufgefahren. Gleich hinterm Eingang war das erste große Loch in der Straße.“ Mangels Kundschaft hätten sie die Verpflegung abgeladen und seien mit dem Handwagen wieder heimwärts. Aber die Zeit reichte, um weitere Schäden zu sehen, vom ganzen Ausmaß bekamen sie später noch vieles weitere zu hören. „An Pfingsten ist am allermeisten kaputt gegangen.“

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Kommentare (3)

für den Krieg endmontiert wurden und Flugschüler das Fliegen lernten wird heute Solarstrom produziert. Und das nicht zu knapp.

Wie viele Opfer gab es beim Bombardement? Der Bericht liest sich, wie ein Pfingsthappening anno 1944.

Nicht viele, denn man war ja vorgewarnt. Denn anders als die feigen Terrorbomber der Royal Air Force kamen die der Amis stets nur bei Tageslicht. Daran konnte man sie unterscheiden. Aber fast alle der dort (heimlich) fertig zusammengeschraubten Jagdbomber und die meisten Gebäude wurden zerstört. Für den Flugplatz Tutow war es das frühe Aus!