Jarmen und Loitz ausgelassen

Feuerwehr-Analyse „vergisst“ Standorte

Erschreckende Zahlen für Anrückezeiten der Feuerwehr in Vorpommern geistern durch die Medien. Doch dahinter steckt eine Daten-Analyse, die manche Gerätehäuser nicht berücksichtigt.
Auch am Heilig Abend war die Jarmener Feuerwehr wieder eindrucksvoll unterwegs – hier mit ihrem Weihnachtsmann-Express.
Auch am Heilig Abend war die Jarmener Feuerwehr wieder eindrucksvoll unterwegs – hier mit ihrem Weihnachtsmann-Express. Doch in wichtigen Datenbanken scheint gar kein Feuerwehr-Stützpunkt für die Peenestadt zu existieren. Was nun zu einer ziemlich fragwürdigen Analyse des in Köln ansässigen Instituts der deutschen Wirtschaft geführt hat. Stefan Hoeft
Auch am Heilig Abend war die Jarmener Feuerwehr wieder eindrucksvoll unterwegs – hier mit ihrem Weihnachtsmann-Express.
Auch am Heilig Abend war die Jarmener Feuerwehr wieder eindrucksvoll unterwegs – hier mit ihrem Weihnachtsmann-Express. Doch in wichtigen Datenbanken scheint gar kein Feuerwehr-Stützpunkt für die Peenestadt zu existieren. Was nun zu einer ziemlich fragwürdigen Analyse des in Köln ansässigen Instituts der deutschen Wirtschaft geführt hat. Stefan Hoeft
Gerhard Vockelmann, Jarmener Wehrführer. Foto: Stefan Hoeft
Gerhard Vockelmann, Jarmener Wehrführer. Foto: Stefan Hoeft Stefan Hoeft
Jarmen

Wie sähe es wohl kulturell und brandschutztechnisch in der Region aus, wenn es die Feuerwehren Loitz, Jarmen und Tutow nicht gäbe? Das mag sich wohl keiner ernsthaft vorstellen. Aber zumindest für letzteres Szenario existiert jetzt ein Lagebild.

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Jedenfalls wenn man dem Institut der deutschen Wirtschaft glauben mag. Das veröffentlichte pünktlich zum Heiligen Abend unter dem Titel „Wenn der Baum brennt: Wo die Feuerwehr schnell zur Stelle ist“ eine interaktive Grafik. Mit deren Hilfe sich sozusagen auf einen Klick herausfinden lassen soll, wie lange die Löschtruppen in Deutschlands Regionen bis zum Einsatzort benötigen.

„Das sind Fake News, die da verbreitet werden.“

Doch ob es nun am Standort dieser Einrichtung – der Karnevalshochburg Köln – liegt oder etwas zu viel Glühwein im Spiel war, für viele der hiesigen Verantwortlichen dürften das Ganze als übler Scherz erscheinen. Denn gerade für Mecklenburg-Vorpommern zeichnet die Karte, in der noch nicht mal eine Zeit zwischen Alarmierung und Ausrücken enthalten ist, eine verheerende Bilanz. Die sich bei genauerem Hinsehen aber am mittleren Peene- und Tollensetal überhaupt nicht aufrecht erhalten lässt. „Irgendwie muss das ein Praktikant gemacht haben“, kommentierte Jarmens Wehrführer Gerhard Vockelmann den Bericht auf Nordkurier-Anfrage. „Das sind wirkliche Fake News, die da verbreitet werden.“

Angeblich lange Fahrzeiten

Für Jarmen nämlich werden gute 14 Minuten Fahrzeit ausgewiesen, für die meisten Landgemeinden des Amtsbereiches Jarmen-Tutow noch deutlich mehr, für Bentzin sogar fast 24 Minuten. Nur Kruckow und Tutow mit zehn und elf Minuten erscheinen halbwegs „abgesichert“. Im benachbarten Peenetal-Amt gilt das maximal für die Gemeinde Görmin mit 9,2 Minuten. Für Loitz hingegen ist von einer Viertelstunde Anfahrtzeit die Rede, bei Sassen-Trantow von 16,5 Minuten.

Gravierende Mängel

Aber selbst die besser eingestuften Kommunen dürften so das Einhalten der vom Land geforderten Eintreffzeit von maximal zehn Minuten für die Feuerwehr verfehlen, da in der Regel ab einem Notruf zwischen drei und fünf Minuten eingeplant werden müssen, bis die ersten Blaulicht-Wagen abrücken.

Dass es sich hier durchaus um eine kritische Problematik handelt und wirklich nicht für jeden Ort im Territorium die Fristen haltbar sein dürften, wurde zuletzt insbesondere bei der Debatte um die von Schwerin vorgeschriebenen Brandschutzbedarfsplanungen für alle Städte und Gemeinden (der Nordkurier berichtete) deutlich. Allerdings weist der vom Wirtschaftsinstitut veröffentlichte Bericht gravierende Mängel auf, die auf der Datengrundlage basieren.

Etliche Standorte offenbar gar nicht berücksichtigt

„Für die Studie haben die IW-Big-Data-Experten Geokoordinaten von rund 26 000 Feuerwehren, die im Open Street Map Datensatz hinterlegt sind, berücksichtigt und berechnet, wie lange die Fahrt ohne Stau oder andere Hindernisse zu 95 Prozent der Haushalte in der jeweiligen Region dauert“, heißt es in den Erläuterungen. Demnach wurde für die Auswertung von jedem Punkt zu den drei geografisch nächstgelegenen Feuerwachen die Fahrzeit ausgerechnet, die daraus resultierenden kürzesten Fahrzeiten wurde für die Berechnungen auf Gemeindeebene verwendet.

Doch offenbar haben die Verfasser und ihre genutzten Quellen gerade hierzulande viele Standorte der Brandbekämpfer nicht auf dem Schirm gehabt. Für den Amtsbereich Jarmen-Tutow findet sich beispielsweise lediglich in der Gemeinde Kruckow eine Feuerwehr. Und selbst das nur am Standort Schmarsow, obwohl sie inzwischen das Gerätehaus in Kruckow bezogen hat. Jarmen und Tutow kommen hingegen nicht vor, ebensowenig wie die Lösch-Basen in Völschow, Alt Tellin, Plötz und Daberkow, wobei letztere zur Autobahnstadt gehören. Beim Amt Peenetal/Loitz kennt Open Street Map nur die weit am Rand gelegene „Nebenstelle“ Düvier der Loitzer Feuerwehr und die in Passow ansässige Gemeindefeuerwehr Görmin. Dass Sassen-Trantow keineswegs einen weißen Fleck in Sachen Brandschutz darstellt, sondern in beiden Hauptorten eine jeweils eigene schlagkräftige Einheit vorhält, ist den IW-Analysten ebenfalls entgangen.

Weitere Bewerber für die Feuerwehr gern gesehen

So dass sich hier einmal mehr zeigt, was passieren kann, wenn sich Experten bei einer Analyse statt auf eigene Recherchen allein auf fremde Angaben verlassen und aus der Ferne ihre Urteile treffen beziehungsweise der genannten künstlichen Intelligenz das Feld überlassen, wie Jarmens Wehrführer resümierte. „Uns gibt es weiterhin und in über 80 Prozent der Alarmierungen erreichen wir in Sollstärke den Einsatzort in weniger als 10 Minuten ab Alarmierung“, lautet seine Analyse.

Selbst beim Stallbrand im Frühjahr in Neu Plestlin übrigens, das so ungefähr am weitesten von allen Stützpunkten in der Region entfernt liegt, trafen die ersten Einsatzkräfte nur gut zwölf Minuten nach dem Aufheulen der Sirenen und Pieper ein. Was natürlich nicht ausschließe, dass es noch Reserven gebe und sich alle Freiwilligen Feuerwehren über weitere Kräfte in ihren Reihen freuen würden.

 

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