Nach der Wende hat sich Karina Günther als Friseurin selbstständig gemacht und es keinen Tag lang bereut. Für i
Nach der Wende hat sich Karina Günther als Friseurin selbstständig gemacht und es keinen Tag lang bereut. Für ihren Salon hat sie eine Nachfolgerin gefunden. Christine Gerhard
Kindheitstraum

Friseurin gibt ihren Salon in bewährte Hände

Um Haaresbreite hätte Karina Günthers Renteneintritt das Ende für ihren Salon bedeutet. 30 Jahre war sie dort nicht nur Friseurin.
Demmin

Der typische Friseurduft shampooniert sanft die Nase, in Karina Günthers Salon in der Clara-Zetkin-Straße. Die gebürtige Demminerin hat den Geruch schon als Kind geliebt und nicht nur den. Wenn sie ihre Mutter zum Haareschneiden begleitete, bewunderte sie die Frauen im Salon. „Ich fand die Friseurinnen so hübsch und war beeindruckt, wie schön sie die Kundinnen gemacht haben“, erinnert sich Karina Günther. Schon früh habe deshalb festgestanden, dass sie selbst Friseurin werden wolle.

Viel schwerer fiel ihr eine andere Lebensentscheidung, als dem Dienstleistungskombinat Demmin, bei dem sie ihren Meister gemacht und mehrere Jahre gearbeitet hatte, nach der Wende die Umstrukturierung zur GmbH nicht gelang und den Mitarbeitern gekündigt wurde. „Wir hatten viele schlaflose Nächte, mein Mann und ich“, erzählt Karina Günther. Von den Aufgaben, die als Selbstständige anfallen, hatten sie beide „keine Ahnung“, nie hatten sie einen so hohen Kredit aufgenommen. Trotzdem wagte Karina Günther den Schritt in die Selbstständigkeit. „Wir dachten uns: Was soll schon schief gehen?“, erklärt die Friseurin. Sie verstand ihr Handwerk, war Meisterin, hatte ebenso wie ihre beiden Kolleginnen, die mit ihr im neuen Salon anfangen wollten, einen großen Kundenstamm.

Manchmal auch Psychologin, Beraterin und Diplomatin

Und es ging nicht schief, im Gegenteil: Bis heute war Karina Günther 30 Jahre lang als Friseurin selbstständig und hat die Entscheidung nach eigenen Angaben nie bereut, auch wenn es selbstverständlich Höhen und Tiefen gegeben habe. „Manchmal war es schwer alles zu wuppen, mit drei kleinen Kindern, Arbeit und Haushalt“, erzählt sie. Nach und nach jedoch stieg die Familie mit in das Geschäft ein. Als die Friseurmeisterin und ihr Team aus dem großen Salon in der Treptower Straße in einen kleineren umzogen, machte ihr Mann Hartmut den neuen Laden in der Clara-Zetkin-Straße schick. Er sei eine Bruchbude gewesen, doch viel Auswahl an freien Gewerbeflächen gab es damals nicht. Außerdem sollte der Eingang ebenerdig sein, wegen der Kunden, die mit Rollator oder Rollstuhl unterwegs waren. Ein Vierteljahr lang war Hartmut Günther „Tag und Nacht“ im Einsatz, um den neuen Salon zu renovieren und zu sanieren. Im Jahr des Umzugs, 1993, übernahm er auch die Buchhaltung und gewann schnell einen Überblick über die Finanzen, über Abrechnungen für GEZ, GEMA und vieles mehr. „Nicht einmal zwanzig Prozent von dem Geld, das der Kunde bezahlt, bleibt den Friseuren am Ende übrig“, hat er festgestellt. Im Salon selbst arbeitete 25 Jahre lang auch die Tochter des Ehepaars mit. Sie ist eine von insgesamt sieben Friseurinnen, die Karina Günther ausgebildet hat und zur Stelle, wenn die Chefin einmal selbst einen Haarschnitt braucht. „Sie ist eine tolle Friseurin geworden“, meint Karina Günther stolz. Mit ihrer Familie zu arbeiten habe sie genossen, auch wenn Diskussionen natürlich nicht ausgeblieben seien. „Wir haben ein tolles Verhältnis und sind ein gutes Team“, sagt sie. Dadurch, dass sich ihr Mann um die Finanzen kümmere, habe sie sich außerdem ganz auf ihre geliebte Arbeit konzentrieren können.

Manch aufgeregte Braut beruhigt

„Ich bin Friseurin mit Leib und Seele. Man muss kreativ sein und sich auf alle Kunden, ihre Bedürfnisse und ihren Charakter, einstellen“, erklärt Karina Günther. Als junge Friseurin machten ihr vor allem Hochzeitsfrisuren Spaß, „zu den Leuten nach Hause zu kommen und die Braut zu frisieren, während die Familie in Hektik und Aufregung ist“. Nicht nur um die Haare musste sie sich dabei kümmern, sondern auch so manche Braut beruhigen. Das Klischee, dass Friseurinnen irgendwie auch Psychologinnen sind, stimmt, findet Karina Günther. Zuhören sei ein wichtiger Teil der Arbeit. „Viele vertrauen einem Dinge an, die sie nicht mit jedem besprechen, Familiäres, andere Sorgen“. erklärt sie. Und auch Diplomatie sei gefragt, wenn etwa die gewünschte Frisur einmal nicht zu den Haaren passe. Denn Haare, das hat Karina Günther oft festgestellt, können ein emotionales, empfindliches, mitunter ein geradezu haariges Thema sein. Doch Karina Günther kannte ihre Kunden gut, manche sogar schon seit ihrer Lehrzeit. Eine Frau, der sie schon als Auszubildende die Haare geschnitten hatte, sei erst kürzlich verstorben. „Das ist dann immer traurig“, sagt die Friseurin. Viele Kunden seien zu guten Bekannten, manche sogar zu Freunden geworden.

Kunden sind glücklich, dass das Geschäft bleibt

Als es zeitweise so aussah, als müsste der Salon nach Karina Günthers Renteneintritt schließen, seien viele auch deshalb traurig gewesen. Um ein Haar wäre es soweit gewesen. Ihre Tochter, die den Salon eigentlich übernehmen wollte, hat Probleme mit dem Rücken, zudem gestaltete sich die Suche nach einer Mitarbeiterin schwierig. „Man findet keine Fachkräfte“, erklärt Karina Günther. Doch Nadine Barß, die Karina Günther einst selbst ausgebildet hatte und die in Dargun bereits einen Salon betreibt, hatte Glück. Sie fand Verstärkung, um den Salon in Demmin ab dem 4. Juli weiterzuführen. „Meine Kunden waren happy, als ich ihnen sagen konnte, dass sie alle bleiben können“, so Karina Günther, die sich nun erst so richtig auf ihre Rente freuen kann. Die will sie, wie schon ihr Arbeitsleben, mit der Familie verbringen.

„Wir haben sechs Enkel, mit denen wir viel Zeit verbringen“, erzählt die Friseurin. Zwei davon lebten in der Schweiz, wohin ihr Sohn ausgewandert ist. Dort wollen sie und ihr Mann nun öfter hinreisen.

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