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Gaststätte für Herz und Seele

Rahel Fidomski im Hof des alten Verchener Gasthofes „Zum Kummerower See“. Die gelernte Krankenschwester aus Gnevezow ist zusammen mit ihrer Familie gerade dabei, das Haus zu einer betreuten Ferien-Pension für Eltern mit behinderten Kindern umzubauen. [KT_CREDIT] FOTOs: Thoralf Plath

+VonThoralf PlathDorfkneipen sind zum Auslaufmodell verkommen hierzulande, auch in Verchen am Kummerower See steht die Gaststätte am Kreisel schon eine Weile ...

+VonThoralf Plath

Dorfkneipen sind zum Auslaufmodell verkommen hierzulande, auch in Verchen am Kummerower See steht die Gaststätte am Kreisel schon eine Weile leer. Doch nun regt sich wieder Leben im Haus. Eine gute Idee hat hier, so scheint es, ein Dach gefunden.

Verchen.Das Schild „Gasthof am Kummerower See“ prangt noch über dem Eingang neben Bierreklame auf verstaubten Lampengläsern, und das erste, was man zu sehen bekommt nach dem Betreten des Hauses, ist ein mächtiger Tresen, doch Kneipe, das war einmal. Gasthof ist der Gasthof an der Kreuzung in Verchens Dorfmitte nun wohl die längste Zeit gewesen. Gästen soll das Haus nach wie vor offen stehen, nur halt auf ganz andere Weise. Der Reihe nach.
Es ist an die zweieinhalb Jahre her, da warf der letzte Wirt das Handtuch. Sein Plan, das Lokal mit erlesenen Fischspezialitäten zu einem gastronomischen Magneten für die Gegend zu machen, hatte nur über die kurze Sommersaison getragen, am Ende kaum noch das. Seither stand sie wieder leer, die vermutlich älteste Gaststätte am Kummerower See – seit dem frühen 17. Jahrhundert sind Ausschank und Speisenwirtschaft verbrieft, doch die Zeiten haben sich geändert. Essen gehen ist teuer geworden, die Leute haben nicht viel Geld im Demminer Land. Und vom Tourismus allein überlebt hier kein Wirt.
So kam es, dass Rahel Fidomski das leer stehende Lokal auffiel, im Herbst vorigen Jahres war das. Ihre Tochter Rebekka war bei Pastor Brick in der Konfirmandenstunde, sie ging ein bisschen spazieren, sah das weiße Haus am Kreisel. Und das Schild im Schaukasten: „Zu verkaufen“. Ein Gedanke kam ihr.
Seither ist einiges passiert. Darum steht sie nun im Handwerkerkittel in der Küche und schrubbt die Fliesen, ihr Sohn Simon malert oben die ersten Zimmer. Ringsum: Baustelle. Unordnung, Werkzeug, eine durchbrochene Wand. Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne? Sicher. Und mitunter viel Staub. Die blaubespannten Stühle im Saal sind hochgestellt, nur ein Tisch dient den Pausen und Besprechungen, zwischen Papieren und Teetassen ein Buch: „Kann man ohne Liebe leben?“ Ein erstes Zeichen.
Bald, möglichst bald, will sie die alte Gaststätte wieder eröffnen – als Ferienpension für Eltern mit behindertem Kind oder Angehörigen. Das Haus hat mehrere Gästezimmer und Bungalows im Garten, insgesamt zehn Betten – genau in der Größe hatte die
47-Jährige schon seit Längerem etwas gesucht. „Wer ein behindertes Kind hat, möchte sich auch mal erholen, ausspannen, aber gerade im Urlaub ist das schwer“, sagt die freundliche Frau, in deren Gesicht selbst noch ein leises Lächeln wohnt, wenn sie von ernsten Dingen erzählt. „Im normalen Alltag gibt es Betreuungseinrichtungen und Pflegeangebote, aber im Urlaub fällt das plötzlich weg. Die Familie ist zusammen, das ist schön, aber auch schwer, weil es keine Erholungspausen gibt.“
Hier will sie helfen. In ihrer Pension ein Betreuungsangebot schaffen, damit die Eltern sich auch einmal ausspannen können, „und sei es für einen Mittagsschlaf, einen Spaziergang oder eine Bootsfahrt auf dem See. Das reicht ja oft schon, um Kraft zu tanken.“ Solche Angebote sind rar in einer Region, deren Touristiker alles Mögliche auf dem Zettel haben, Reiter, Golfer, Wassersportler, Kunstanbeter und Naturromantiker, Reiche und nicht so Reiche, aber dabei doch immer – Gesunde. Menschen mit einer Behinderung, einer geistigen womöglich noch, auf die kommt der Tourismusbetrieb nur zögerlich zu. Rahel und Gerhard Fidomski haben das selbst erlebt. Schon mit ihren sieben Kindern Urlaub machen ist ein Thema für sich, aber sie haben auch ein Pflegekind, Wiebke ist geistig behindert.
„Wenn man in einer normalen Pension Urlaub macht, wird man ja nicht ausgestoßen, so ist das natürlich nicht“, sagt sie. „Aber man passt sich unweigerlich an, nimmt sich zusammen, will nicht stören. Das macht alles noch anstrengender, Erholung ist das nicht. Wir wollen hier einen geschützten Raum für Eltern und Kinder schaffen. Hier darf jeder sein wie er ist.“ Betreute Ferien. Welch gute Idee.
Um sich der Betreuung ganz widmen zu können, will die gelernte Krankenschwester immer nur eine Familie mit einem Betreuungskind aufnehmen, maximal zwei. Natürlich können auch ganz „normale“ Gäste in die Pension kommen, sagt sie. Aber Familien mit behinderten Kindern haben Vorrang.
Was ist ihr Antrieb? Soziales Gewissen? Eine Marktlücke? „Nein, Letzteres ganz bestimmt nicht.“ Das mit dem sozialen Gewissen trifft es schon eher, aber aus ihrem Selbstverständnis heraus: Rahel und Gerhard Fidomski sind gläubige Christen, sie richten ihr Leben nach Tugenden wie Nächstenliebe und Barmherzigkeit aus. Seltene Werte sind das geworden in einer Zeit, die Geiz für geil hält. „Das ist Gottes Fügung, dass wir diesen Weg gehen“, sagt die gebürtige Brühlerin. Für sie ist nichts Zufall.
Auch nicht, dass sie gerade an diesem Ort landete. Hier leben seit Jahren wieder evangelische Ordensschwestern, anerkannt im Dorf. Pastor Detlev Brick kümmert sich engagiert um zeitgemäße Wege für Glauben in der Welt. In Verchen fühlen sich Fidomskis mit ihrem Projekt gut aufgehoben. Einen Namen für ihre Herberge des Herzens hat sie schon. Er stammt aus der Bibel: Haus Ninive.

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t.plath@nordkurier.de